+
Schmierereien auf einem jüdischen Friedhof in Herrlisheim.

Frankreich

Hakenkreuze in Paris

  • schließen

Die Zahl antisemitischer Übergriffe in Frankreich steigt - auch im Zusammenhang mit den Protesten gegen Macron.

Die Daten sind alarmierend: Die Zahl antisemitischer Vorfälle ist in Frankreich 2018 im Vergleich zum Vorjahr von 311 auf 541 gestiegen. Das bedeute eine Zunahme um 74 Prozent, teilte Innenminister Christophe Castaner mit. Ein Trend auch, der sich offenbar ins laufende Jahr fortsetzt: Die Organisation für Achtsamkeit gegen Antisemitismus ließ verlauten, seit Anfang Januar habe sie „fast doppelt so viele“ Meldungen wie in der gleichen Vorjahresperiode erhalten. „Die Atmosphäre verschlechtert sich allgemein“, meinte der Vorsitzende René Lévy. „Die allgemeinen Beleidigungen grassieren und die antisemitischen Beleidigungen explodieren geradezu.“ 

Einige Übergriffe machten in den vergangenen Tagen Schlagzeilen. Im Stadtzentrum von Paris etwa sprayten Unbekannte das deutsche Wort „Juden“ auf das Schaufenster eines Bagelshops. Vertreter der jüdischen Gemeinschaft Frankreichs – der größten Westeuropas – fühlten sich direkt an die Reichspogromnacht und die Judenverfolgung durch die deutschen Nazis erinnert. 

Am Mahnmal für Ilan Halimi, ein junger Jude, der 2006 von einer Gruppe junger Männer entführt und zu Tode gefoltert worden war, wurde ein zur Erinnerung gepflanzter Baum umgesägt. Innenminister Castaner fuhr an den Tatort im Pariser Vorort Sainte-Geneviève-des-Bois und erklärte: „Wir werden noch viel schönere Bäume pflanzen.“ Zudem kündigte er eine Strafklage gegen Unbekannt an. 

Zusammenhang mit „Gelbwesten“-Protesten

Ähnliches plant die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo gegen diejenigen, die Hakenkreuze auf künstlerische Straßenportraits von Ex-Ministerin Simone Veil schmierten. Am Redaktionsgebäude der Zeitung „Le Monde“ in Paris, aber auch in der Pyrenäenstadt Toulouse und im Elsass tauchten zuletzt zahlreiche antisemitische Graffiti auf, in denen auch Bezug auf Präsident Emmanuel Macron genommen wird. 

Ein genauer Blick in die Statistik zeigt, dass dem starken Anstieg an Vorfällen ein Rückgang in den Vorjahren vorausging. Vor 2016 war deren Zahl teilweise auf mehr als 800 gestiegen. Auf lange Sicht betrachtet liegt die aktuelle Gesamtzahl im Durchschnitt. Das ändert nichts an der starken Zunahme seit vergangenem Jahr. 

Der Grund dafür liegt nicht auf der Hand, doch geben die Daten zu alltäglichem Antisemitismus einen Hinweis. Die starken Schwankungen zwischen 200 und fast tausend Attacken pro Jahr lassen sich zum Teil wohl durch die politische Stimmung im Land erklären. Dabei überlagert sich die Situation in den maghrebinisch geprägten Banlieuevierteln oft mit den Berichten von politischen Spannungen im Nahen Osten. 

Allein arabischstämmige Gruppen für den Anstieg verantwortlich zu machen, greift aber zu kurz. Das ließe sich auch durch die geografische Verteilung der Übergriffe nicht – zumindest nicht vollumfänglich – belegen. Politisch brisant sind die aktuellen Attacken derzeit eher, weil sie mitten in die Zeit der „Gelbwesten“-Proteste fallen. So wenig rassistisch oder antisemitisch das Gros der „gilets jaunes“ auftritt, so penetrant arbeiten Rechts- und Linksextremisten mit antisemitischen Klischees, etwa bei dem permanent vorgetragenen Verweis auf Macrons frühere Tätigkeit für die Bank Rothschild. 

Wie rüde insgesamt die politische Auseinandersetzung geworden ist, zeigen auch die jüngsten Brandanschläge, Verbalinjurien und Morddrohungen, die nicht oder nicht vordergründig antisemitisch motiviert sind: 60 gewählte Vertreter der Macron-Partei „La République en marche“ wurden schon deren Opfer.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion