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Die stellvertretende Pariser Bürgermeisterin Colombe Brossel beziffert die Zahl der im Nordosten der Hauptstadt campierenden Flüchtlinge auf „etwa 2200“.

„Dschungel“ in Paris

Frankreich will keine Flüchtlingslager dulden

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Nach Calais soll nun auch das wilde Zeltlager in Paris geräumt werden. Hilfsorganisationen führen den Andrang der Flüchtlinge auf die Schließung in Calais zurück, Staatschef Hollande bestreitet einen Zusammenhang.

Während Bagger und Planierraupen letzte Überreste des „Dschungels“ von Calais beseitigen, des bis zur Räumung größten französischen Flüchtlingscamps, ist in Paris ein neuer „Dschungel“ entstanden. Auch er soll nun geräumt werden, in den nächsten Tagen schon. Staatschef François Hollande kündigte am Wochenende an, Frankreich werde keine Flüchtlingscamps mehr dulden, die dem Solidargedanken Hohn sprächen.

Noch wuchert der im Nordosten der Hauptstadt entstandene „Dschungel“ freilich weiter. Die stellvertretende Pariser Bürgermeisterin Colombe Brossel beziffert die Zahl der im Nordosten der Hauptstadt campierenden Migranten am Samstag auf „etwa 2200“. Ein paar Tage zuvor seien es 1500 gewesen. Die Sonntagszeitung „Le Journal du Dimanche“ geht bereits von mehr als 3000 Flüchtlingen aus.

Am Ausgang der Metro-Station „Stalingrad“ stehen die ersten Iglu-Zelte, gut einen halben Kilometer weiter nördlich am Ende der Avenue Flandre die vorerst letzten. Der 21-jährige Eritreer Dany zieht am Sonntag feuchte Kleidung und eine Steppdecke aus einem Zelt, legt sie zum Trocknen auf ein Plastiksofa am Straßenrand. Den beißenden Uringeruch, den der Wind herüberträgt, scheint er nicht zu bemerken. „Calais ist dicht, das Lager, der Hafen, die Grenze nach Großbritannien, kein Durchkommen“, sagt der junge Mann im Jogginganzug. Er hat umgeplant, setzt fürs erste nun auf Asyl und einen Job in Frankreich. Danis Zeltnachbar Nazar, ein 19-jähriger Sudanese, will dagegen am alten Fluchtziel Großbritannien festhalten. „Ich habe mich in den vergangenen neun Monaten vom Sudan über Ägypten, Libyen, Italien bis nach Nordfrankreich durchgeschlagen“, sagt er. „Ich werde doch nun nicht kurz vor dem Ziel aufgeben.“

Hollande widerspricht Helfern

Mitarbeiter von Hilfsorganisationen in Paris führen den Andrang der Flüchtlinge auf die Schließung des Lagers von Calais zurück. Mathilde Bourdon Lamraoui von der Frauenorganisation Kali spricht von einer „bedeutenden Anzahl“ von Migranten, die in den vergangenen Tagen aus Calais eingetroffen seien. Die Helfer von „Ärzte der Welt“ gehen davon aus, dass sich zwischen 1000 und 2000 der etwa 8000 „Dschungel“-Bewohner aus Calais vor oder während der Räumung nach Paris abgesetzt haben. Die Hauptstadt sei eine Art Basislager für Expeditionen nach Calais und Großbritannien geworden, glaubt ein Mitarbeiter.

Die Regierung widerspricht. Staatschef Hollande, der am Samstag im westfranzösischen Doué-la-Fontaine eines der Aufnahmezentren besichtigt hat, in denen aus Calais gekommene Migranten ein Asylverfahren einleiten können, bekundet Genugtuung darüber, dass die Räumung des „Dschungels“ vor den Toren der nordfranzösischen Hafenstadt „ohne jeden Zwischenfall“ erfolgt sei. Dass sich das Flüchtlingsproblem von Calais teilweise in die Hauptstadt verlagert habe, bestreitet Hollande: „Das sind nicht die aus Calais, die nach Paris gegangen sind.“

Der Tunesier Ali trägt eine Jacke mit gelben Leuchtstreifen, die ihn als Mitarbeiter der Organisation „Gegenseitige Hilfe und Solidarität 91“ ausweist. Ali schenkt am Ende der Avenue Flandre Suppe aus. Die Stimmung unter den Flüchtlingen, die aufs Mittagessen warten, ist entspannt. Aus einem Lautsprecher schallt algerische Rai-Musik. Auf die Frage, ob die bevorstehende Räumung ein Fortschritt sei, zuckt Ali mit den Schultern. „Dass die Flüchtlinge eine Heizung und eine Dusche haben werden, ist gut“, sagt er dann. „Sie haben eine Menge durchgemacht und sind noch lange nicht am Ziel.“

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