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Vor Frankreich-Wahl: Polizist erschießt Schwarzen – Fall sorgt für Frust in Banlieues

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Von: Alina Schröder

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Vor der Frankreich-Wahl sorgen tödliche Schüsse eines Polizisten auf einen Schwarzen in Pariser Banlieues für Wut. (Symbolbild)
Vor der Frankreich-Wahl sorgen tödliche Schüsse eines Polizisten auf einen Schwarzen in Pariser Banlieues für Wut. (Symbolbild) © Vincent Isore/Imago

Vor der Wahl in Frankreich ist die Stimmung in den Pariser Vororten auf dem Tiefpunkt. Grund sind tödliche Schüsse eines Polizisten auf einen 33-jährigen Schwarzen.

Paris – Am 24. April finden in Frankreich die Präsidentschaftswahlen statt. Da sie die meisten Stimmen im ersten Wahlgang erzielten, treten Amtsinhaber Emmanuel Macron und die rechtsextreme Marine Le Pen in einer Stichwahl gegeneinander an. Doch in manchen Banlieues von Paris wird das politische Finale wohl kein großes Ereignis sein.

Einige Bewohner:innen der benachteiligten Pariser Vororte seien derzeit sehr frustriert. Besonders gesunken sei das Vertrauen in die Polizei sowie in das politische System des Landes. Das berichtet der Nachrichtensender Al Jazeera.

Vor Wahl in Frankreich: Schüsse von Polizei auf Schwarzen sorgen in Pariser Banlieues für Wut

Das Bild der Pariser Banlieues prägen zahlreiche Hochhäuser, in denen eine große Anzahl französischer Bürger:innen leben, die ursprünglich aus dem Nahen Osten, dem Maghreb und Afrika stammen. Besonders das im Norden gelegene Seine-Saint-Denis gilt aufgrund von Armut und Kriminalität als einer der gefährlichsten Orte in ganz Frankreich. Die Menschen, die dort leben, haben laut eigenen Aussagen andere Sorgen als die anstehende Wahl.

„Ich werde nicht wählen gehen. Ich vertraue niemandem“, sagte ein 28-jähriger Mann gegenüber Al Jazeera. „Das ist das Ghetto. Man muss hier leben, um es zu verstehen. Die Politiker haben keine Ahnung, wie das Leben hier aussieht“, fuhr er fort. In Seine-Saint-Denis haben sich die Spannungen seit Kurzem noch weiter verschärft. Am 26. März erschoss ein Polizist einen 33-jährigen Schwarzen namens Jean-Paul Benjamin. Die Polizei habe den Familienvater für einen Dieb gehalten, da er einen Van fuhr, der zu dem Zeitpunkt als gestohlen gemeldet worden sei.

In den Banlieues der französischen Hauptstadt Paris leben hauptsächlich Menschen mit afrikanischen oder arabischen Wurzeln.
In den Banlieues der französischen Hauptstadt Paris leben hauptsächlich Menschen mit afrikanischen oder arabischen Wurzeln. © Sarka Krvinka/Imago

Wie sich später herausgestellt haben soll, hatte Benjamin den Wagen behalten, nachdem sein Arbeitgeber sich geweigert hatte, ihn zu bezahlen. Der beschuldigte Beamte ist französischen Medienberichten zufolge derzeit wegen fahrlässiger Tötung auf Bewährung.

Polizei erschießt Schwarzen in Pariser Vorort: Frankreich-Wahlen rücken in den Hintergrund

Dieser Vorfall sorgt für Verärgerung bei den Anwohner:innen. Sie seien aufgebracht darüber, dass Benjamin in den Medienberichten als Dieb dargestellt wurde, was die tödlichen Schüsse durch die Polizei möglicherweise legitimierte. Auch, dass die darauffolgenden Proteste in Seine-Saint-Denis und den benachbarten Banlieues Aulnay-sous-Bois und Tremblay-en-France, als Unruhen dargestellt wurden, sorgt für Entsetzen. Bei diesen ist es unter anderem zu dutzenden Festnahmen gekommen.

Besonders wütend seien Bürger:innen aber auf die Polizei. Diese würde mit regelmäßiger Gewaltanwendung in den Vororten von Paris vorgehen, anstatt die Situationen zu beruhigen. „Je mehr sie uns provozieren, desto mehr wird die Gewalt zunehmen. Jetzt geht es darum, wer am weitesten gehen kann, wer den größten Schaden anrichtet“ sagte ein 40-Jähriger gegenüber Al Jazeera. Er als Schwarzer sehe mit Blick auf den 24. April aktuell keinen Grund, wählen zu gehen. „Ich bin in Frankreich geboren. Ich bin Franzose. Aber Frankreich betrachtet mich nicht als Franzosen“, sagte er. Angesichts der hochkochenden Emotionen scheint die Präsidentschaftswahl in Frankreich in den Banlieues daher immer mehr in den Hintergrund zu rücken.

Frankreich-Wahl: Großteil der Pariser Banlieue-Bevölkerung mit Macron unzufrieden

Insbesondere mit der Politik von Emmanuel Macron seien Wähler:innen in den Pariser Vororten unzufrieden und fühlen sich von der Regierung weiterhin benachteiligt. In seiner Amtszeit kam es unter anderem zu Schließungen von Moscheen und muslimischen Verbänden sowie zu einem umstrittenen Interview mit der rechtsextremen Zeitschrift „Valeurs Actuelles“ über den Islam, den Schleier und die Einwanderung.

Das führt zu einer zunehmenden Wahlenthaltung in den Banlieues. In der Gemeinde Sevran, im Departement Seine-Saint-Denis, liege diese dem Bericht von Al Jazeera zufolge bei 32 Prozent und somit über dem nationalen Durchschnitt von 25 Prozent. Dort habe mehr als die Hälfte der Bewohner:innen den radikal-linken Sozialisten Jean-Luc Mélenchon unterstützt, der mit 22 Prozent der Stimmen landesweit den dritten Platz hinter Marine Le Pen und Emmanuel Macron belegte.

Eine 40-jährige Frau aus Sevran sagte gegenüber Al Jazeera, dass sie Macron wählen werde, wenn auch schweren Herzens. „Le Pen macht mir Angst. Sie will allen das Kopftuch abnehmen“, sagte sie. Sie bestätigte, dass die Stimmung in den Vororten seit dem Tod von Benjamin sehr schlecht geworden ist. „Er hat nur versucht, seinen Anteil zu bekommen. Die Menschen sind wütend. Es hätte ihr Vater oder ihr Bruder sein können.“ (as)

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