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Frankreich und Russland ringen um den Einfluss in Afrika

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Von: Stefan Brändle

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Macron bei einer Feier zur Rückkehr der während des Imperialismus geraubten Abomey-Schätze in Cotonou, Benin.
Macron bei einer Feier zur Rückkehr der während des Imperialismus geraubten Abomey-Schätze in Cotonou, Benin. © afp

Der französische Präsident Macron und der russische Außenminister Lawrow sind auf Afrikatournee – aber nicht miteinander, sondern im scharfen Gegeneinander des Krieges.

Auch wenn es ein zeitlicher Zufall ist, sagt er viel aus über das Ringen um den Einfluss in einer diplomatisch sonst gerne vergessenen Region – Afrika. Am Samstag startete Sergej Lawrow zu einer ausgedehnten Afrikatournee von Ägypten über Äthiopien und Uganda bis in die Republik Kongo. Zwei Tage später verließ Emmanuel Macron Paris Richtung Kamerun, Benin und Guinea-Bissau.

Diese Reisediplomatie hat nichts Diplomatisches: Frankreich und Russland liefern sich einen Kampf mit allen Mitteln, einen aufseiten Moskaus auch schmutzigen – vom Propagandakrieg bis zum brutalen Einsatz von Privatmilizen. In Kairo machte Lawrow die westlichen Sanktionen verantwortlich für die Lieferengpässe für Getreide. Moskau sei hingegen mit der Türkei übereingekommen, auch Afrika mit ukrainischem Weizen zu versorgen. Dass die russische Armee am selben Tag den Hafen von Odessa bombardierte, unterschlug der russische Außenminister geflissentlich.

Macron hat leichtes Spiel, diese Verdrehungen zu entlarven. In der kamerunischen Hauptstadt Yaunde warf er Russland vor, die Nahrungsmittelknappheit als „Kriegswaffe“ einzusetzen und die sozialen Medien Afrikas mit Fake News zu überziehen. Mit Letzterem spielte er auf Angriffe der russischen Privatarmee „Wagner“ auf dschihadversehrte Dörfer in Mali an. Moskau hatte dafür den französischen Armeeeinsatz Barkhane verantwortlich gemacht.

Russlands Propaganda prangert die „Kolonialmentalität“ Frankreichs an

Macron stellt seine Afrikareise unter das Vorzeichen der Terrorbekämpfung. Das kommt in Kamerun gut an, wo die islamistische Miliz Boko Haram im Norden immer wieder von Nigeria her eindringt. Zugleich befürchtet die anglophone Minderheit im Westen Kameruns aber, dass sich Staatschef Paul Biya, der das Land seit 40 Jahren mit eiserner Hand führt, damit auch französische Rückendeckung sichert.

Die russische Propaganda prangert deshalb die „Kolonialmentalität“ Frankreichs an. Genau diesen Ausdruck benützte im Mai auch der malische Außenminister Abdoulaye Diop bei einem Besuch in Moskau. Seine Militärjunta spielt offen mit antifranzösischen Ressentiments. Diese kommen in der malischen Hauptstadt Bamako regelmäßig bei Anti-Frankreich-Demos zum Ausdruck und erhalten durch die auslaufende Barkhane-Mission zusätzliche Nahrung.

Macron gelingt es kaum, den tiefsitzenden Aversionen der malischen Jugend etwas entgegenzusetzen. Während Lawrow das afrikanische Schweigen im Ukraine-Krieg als „wohlüberlegt“ lobt, macht der französische Präsident in Yaunde den Staaten Vorhaltungen: Sie verhielten sich „scheinheilig“, da sie die – russischen – Urheber des Angriffs auf die Ukraine nicht beim Namen nennten.

Russland lässt sich in Afrika mit autokratischen „Dinosauriern“ ein

Es sind Äußerungen, die die Menschen in Afrika wohl schwer für Frankreich begeistern werden. Sie werfen Paris seit langem widersprüchliches Verhalten vor: Einerseits spiele man sich – in bewusster Abgrenzung zu den Russen und ihren „Wagner“-Brutalos – als Verfechter von Menschenrechten und Demokratie auf. Zugleich verfolge aber Macron in Westafrika selber eine klare Realpolitik; das äußere sich in der Unterstützung von Autokraten wie Biya oder dem – nicht gewählten – tschadischen Interimspräsidenten Mahamat Déby.

Die russische Seite hätschelt den afrikanischen Potentaten noch stärker: In der Hauptstadt Kongos, Brazzaville, traf Lawrow am Montag Staatschef Denis Sassou-Nguesso, der schon 1979 erstmals an die Macht gekommen war. Heute wechselt er wieder einmal die Seite, nachdem er schon mit Frankreich und den USA kooperiert hatte.

Dass sich Russland mit autokratischen „Dinosauriern“ wie Sassou-Nguesso einlässt, wird ihm in Afrika allerdings kaum vorgehalten: Im Unterschied zur französischen Seite macht die Putin-Diplomatie gar nicht erst moralische Ansprüche geltend. In Mali oder der Zentralafrikanischen Republik kennt man auch die schiere Brutalität der „Wagner“-Milizionäre. Dass sie der französischen Fremdenlegion vorgezogen werden, spricht nicht für sie, sondern zeigt in erster Linie, wie tief die antifranzösischen Gefühle im frankophonen Afrika gehen.

Lawrow nützt diesen Umstand zynisch, aber geschickt aus: Auf seiner laufenden Charmeoffensive durch Afrika erwähnt der russische Außenminister gerne, dass es die Sowjetunion gewesen sei, die Länder wie Mali in den Sechzigerjahren unterstützt habe, als diese die Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Frankreich errungen hatten.

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