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Die fahrerlosen Metros in Paris sind dieser Tage immer hoffnungslos überfüllt.

Rentenreform

Frankreich: Der Streik zehrt an den Parisern

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Langsam sind immer mehr Franzosen von den Protesten gegen die Rentenreform genervt.

Die Szene wurde vor ein paar Tagen vom Straßenrand aus gefilmt und zeigt, wie eine Tram im Süden von Paris außerplanmäßig zum Stehen kommt. Der Fahrer steigt aus und beginnt, Kartons und Müll wegzuräumen, den seine Kollegen auf die Schienen geworfen haben. Für sie ist es eine Gelegenheit, den Streikbrecher anzugreifen. „Schämst du dich nicht?“, rufen sie dem Mann zu. „Räum das weg, du Hund!“ Die Pariser Verkehrsbetriebe RATP erklärten später, dass sie das Vorkommnis verurteilten, bei dem es sich aber um einen Einzelfall handele.

Im Internet zirkulieren allerdings ähnliche Videos, auf denen Fahrer am Steuer von Trams, Bussen oder Metrozügen von ihren streikenden Kollegen ausgebuht und beschimpft werden. Auf einem davon kann ein Bus nur mit Hilfe der Polizei aus dem Depot fahren. „Wie viel verdienst du dabei?“, rufen die umherstehenden Männer dem Fahrer zu.

Von einigen Ausnahmen abgesehen stehen seit fast zwei Wochen die Pariser Metros, Vorortzüge und Busse still. Überall im Land fallen Züge und Flüge aus, auch Schulen bleiben teilweise geschlossen. Gestern fand ein dritter Protesttag mit Demonstrationen im ganzen Land statt. Mit ihren Appellen zum Widerstand wollen mehrere Gewerkschaften die Rentenreform der Regierung verhindern, die plant, die bisherigen 42 verschiedenen Rentenkassen in ein einheitliches Punktesystem zu überführen. Jeder eingezahlte Euro soll künftig dieselben Ansprüche nach sich ziehen.

Das Nachsehen hätten vor allem die Beamten durch eine veränderte Berechnungsgrundlage. Die Lehrer wehren sich heftig gegen diese Pläne, aber auch die Mitarbeiter der RATP und der Staatsbahn SNCF bangen um die Vorteile, die man ihnen zugesichert hatte, als sie ihren Vertrag unterschrieben. Statt nur bis Anfang, Mitte 50 werden sie vielleicht deutlich länger arbeiten müssen.

Die Regierung will längerfristig das reguläre Renteneintrittsalter von 62 auf 64 Jahre anheben; ein früherer Ruhestand ist dann nur noch mit Abschlägen möglich. Sie hat inzwischen mehrere Zugeständnisse gemacht, wie Ausnahmen für Polizisten und ein späteres Inkrafttreten der Reform, so dass viele der heutigen Arbeitnehmer gar nicht mehr betroffen wären. Auch an der Regierung zehrt der Konflikt: Am Montag musste der zuständige Rentenhochkommissar, Jean-Paul Delevoye, zurücktreten, weil er etliche Nebentätigkeiten, die teilweise ehrenamtlich und teilweise üppig bezahlten waren, nicht gemeldet hatte.

Noch immer gilt als unsicher, ob der Streik während der Weihnachtsferien und Feiertage fortgesetzt wird. Spricht sich bisher eine Mehrheit der Bevölkerung in Umfragen für den Widerstand gegen die Reform aus, so könnte die Stimmung bald kippen. In Paris wird diese spürbar angespannter: Die Menschen streiten sich um die verfügbaren Leihräder und drängeln sich an überfüllten Bus-Haltestellen.

Die französische Verfassung sichert allen Arbeitnehmern, auch den Staatsdienern, das Recht auf Streik zu. Doch pro Tag wird diesen ein Dreißigstel ihres Monatsgehalts abgezogen. Manche Gewerkschaften haben Kassen eingerichtet, um diese Ausfälle abzufangen oder starten Sammelaktionen. Aber für die Streikenden, die davon nichts bekommen, schlägt sich ein dauerhafter Ausstand deutlich auf dem Gehaltszettel nieder.

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