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Wofür diese „Gelbwesten“ in Marseille wohl auf die Straße gehen?

Frankreich

So viele Protestgründe wie gelbe Westen

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So viele Protestgründe wie gelbe Westen: Fünf kleine Porträts stellen die französische Protestbewegung vor.

Was treibt die Franzosen an, die seit drei Monaten jeden Samstag mit einer gelben Warnweste auf die Straße gehen, um zu protestieren? Die einen wollen eine Revolution, andere Anarchie vermeiden, manche wollen mehr direkte Demokratie – und alle mehr soziale Gerechtigkeit. Birgit Holzer stellt fünf „Gelbwesten“ und ihre Beweggründe vor.

Brigitte, 57, Sekretärin

Brigitte.

Es gebe so viele Beweggründe für den Protest wie „Gelbwesten“ auf den Straßen von Frankreich, sagt die Demonstrantin Brigitte. Ihr selbst gehe es um den Kampf gegen die Korruption, die „schlimmer denn je“ sei, gegen Politiker, die sich bereichern, und gegen extreme Gehaltsunterschiede. Seit November demonstriere sie Woche um Woche gemeinsam mit tausenden anderen Franzosen: „Das wird auch nicht aufhören. Die Proteste begannen wegen der Erhöhung der Ökosteuer auf Benzin und Diesel. Macron lenkte ein, aber inzwischen geht es den Menschen um viel mehr. Die Wut ist riesig.“ Diese richte sich gegen den Präsidenten ganz persönlich, der das Volk verachte, sagt die Angestellte eines großen Unternehmens.

In die Kundgebungen mischten sich auch viele EU-Gegner, sagt Brigitte, ohne klar Stellung zu beziehen, ob auch sie selbst einen Austritt Frankreichs befürwortet. „Seit der Einführung des Euro hat sich die wirtschaftliche Situation verschlechtert und die Arbeitslosigkeit vergrößert: Da könnte doch ein Zusammenhang bestehen, oder?“ Gegenüber Brüssel, wo 80 Prozent der französischen Gesetze gemacht würden, müsse Frankreich wieder mehr Souveränität erlangen.

Pierre, 33, Chirurg

Pierre.

Statt einer gelben Weste trägt Pierre eine Frankreich-Fahne, die er im Demonstrationszug in der Luft schwenkt. Das stelle für ihn ein Symbol der Heimatliebe dar, sagt er: „Die ‚Gelbwesten‘ stehen nicht nur für Anarchie, auch wenn das oft so dargestellt wird. Viele Medien stigmatisieren sie.“ Er selbst fordere keinen kompletten Umsturz des Systems, aber mehr direkte Demokratie. So befürworte er unter anderem Volksabstimmungen.

Aus der letzten Präsidentschaftswahl sei er „traumatisiert“ hervorgegangen. Zum einen schockierte ihn die Affäre um den konservativen Kandidaten François Fillon, der seiner Frau und seinen Kindern hohe Assistentengehälter zahlen ließ, ohne Nachweise ihrer Arbeit. Zum anderen empörte ihn das Duell zwischen Marine Le Pen und Macron als „Kandidat der Medien“. Macron habe die Lage des Landes verschlechtert, sagt Pierre. Als Chirurg im Orthopädie-Bereich sehe er, dass überall Mittel eingespart würden, die Situation in den Krankenhäusern sich verschlechtere und viele Krankenpfleger mit ihrem geringen Gehalt kaum noch über die Runden kämen.

Jean-Louis, 65, selbstständiger Unternehmer

Jean-Louis.

Sein Motto hat Jean-Louis mit einem Filzstift auf die Rückseite seiner gelben Warnweste geschrieben: „Der Planet hat begrenzte Ressourcen! Doch die Selbstbereicherung ist grenzenlos!“ Er spreche nicht von ökologischem Raubbau, sondern von der Gier nach Geld und Macht und der Protest dagegen treibe ihn an der Seite der „Gelbwesten“ auf die Straße, sagt der 65-Jährige, der sich „im Bereich der Internettechnologie“ selbstständig gemacht hat, aber in zwei Monaten in Rente geht. Präsident Emmanuel Macron sei nur ein Randphänomen, ein Erbe eines Denksystems, dem er angehöre und das keine sozialen Werte vertrete. Die Gesellschaft müsse ganz anders aufgestellt werden, fordert Jean-Louis. Begonnen werde solle mit einer Reichensteuer, welche Macron weitgehend abgeschafft hat.

Diese Maßnahme gehört auch zu den Hauptkritikpunkten vieler „Gelbwesten“. Jean-Louis geht sogar noch weiter: „Ich bin für soziale Ungerechtigkeit – und zwar gegenüber den reichsten drei Prozent!“ An der Bewegung erfreue ihn, dass die extreme Linke und extreme Rechte für eine gemeinsame Sache auf die Straße gingen, ohne aufeinander einzuschlagen. Damit behält er allerdings nicht ganz recht: Immer wieder ist es am Rande der Proteste zu brutalen Schlägereien zwischen Vertretern der Ultralinken und der Ultrarechten gekommen.

Djamila, 57, Unternehmerin

Djamila.

In den vergangenen Jahren hat Djamila in Griechenland gelebt – und sie spricht eine Warnung an Frankreichs Regierende aus: „Achtung – das wird hier enden wie in Griechenland!“ Sie meint damit Massenproteste eines verarmten, unterdrückten Volkes, wie sie es nennt: „Es gibt Menschen, die Hunger leiden und die in den Mülleimern wühlen, um noch etwas zu essen zu finden.“

Die Situation in Frankreich sei dramatisch, sagt Djamila. Es gebe in ihren Augen keine funktionierende Justiz, kein ausreichendes Gesundheits- und Sozialsystem. Einwände, die auf den vergleichsweise großzügigen französischen Sozialstaat und die umfangreiche Gesundheitsversorgung verweisen, lässt sie nicht gelten: Viele Richtersprüche seien fragwürdig und für ihre Zahnkrone habe sie selbst tief in die Tasche greifen müssen. Dabei zahle sie bei einem Einkommen von 2500 Euro pro Monat 500 Euro. Sie sei nicht pauschal gegen die Reichen, aber für mehr Gerechtigkeit und gegen „Korruption und Selbstbereicherung der arroganten Eliten“. Diese hätten nämlich bereits ihr Heimatland Algerien geplündert und die als „Françafrique“ berüchtigten Verbindungen zwischen den Mächtigen in Paris und jenen in den ehemaligen afrikanischen Kolonialstaaten bestünden weiter fort. Und das ist etwas, das sie nicht verwunden hat.

Camille, 26, Lehrerin

Camille.

Wofür sie politisch steht und eintritt? Camille antwortet mit einem sanften Lächeln, das nicht zum radikalen Inhalt ihrer Worte passt. „Ich bin Revolutionärin! Für eine Enteignung der Großkonzerne und für den Umsturz des Systems, weil es so nicht weitergeht.“ Sie störe sich an der wachsenden sozialen Ungerechtigkeit: Hier die Superreichen, dort die verarmende Unterschicht, die unter steigenden Preisen und Abgaben leidet, während die Gehälter niedrig bleiben. „Geld ist doch da! Man muss es nur anders verteilen.“

Camille streift fast jeden Samstag eine neongelbe Warnweste über und demonstriert mit Gleichgesinnten in Paris. An der Mittelschule in der als sozialer Brennpunkt geltenden Vorstadt Noisy-le-Sec, in der sie unterrichtet, erlebt sie Stellenstreichungen und Einsparungen – für die junge Frau eine Folge der Politik von Präsident Emmanuel Macron, der den Sozialstaat aushöhle. Die Zukunft der „Gelbwesten“ erscheint ihr dennoch unsicher: Es bestehe das Risiko, dass letztlich links- und rechtsextreme Parteien von der Wut profitierten. „Für eine Revolution sind wir nicht genug Leute“, bedauert Camille. Auf die Straße will sie trotzdem weiterhin gehen.

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