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Missbrauch in Frankreich

Frankreich schockiert über Missbrauch in der Kirche: „Schande der Menschheit“

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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Hunderttausende Fälle sexualisierter Gewalt in der Kirche verstören Frankreich – und der Leiter der Kommission Jean-Marc Sauvé warnt: „Das Problem besteht weiter.“

Paris – Konsterniert reagiert Frankreich auf den Bericht einer Untersuchungskommission zu sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche. Noch am Tag vor der Veröffentlichung hatte gerüchteweise die Zahl von 10 000 minderjährigen Opfern seit 1950 kursiert. Sie galt schon als hoch. Offiziell sind es nun 216 000. Mit Einschluss ziviler Täter bei kirchlichen Anlässen – Ferienkolonien, Religionsunterricht, Seelsorge – sind es sogar 330 000 Opfer. Diese Zahlen seien „vernichtend für die katholische Kirche“, schätzte die Zeitung „Le Monde“ nach Bekanntwerden des insgesamt 3000-seitigen Berichts.

Jean-Marc Sauvé ist erschüttert in seinem Glauben.

Was die Zahl der Täter betrifft, geht die Kommission von 2900 bis 3200 Priestern aus. Sie spricht von einem „massiven und systemischen“ Fehlverhalten der Kirche. Der Vorsteher der Bischofskonferenz, Eric de Moulins-Beaufort, zeigte sich „beschämt“ und bat die Opfer um „Verzeihung“.

Missbrauch in Frankreichs Kirche: „Das Problem besteht weiter.“

Kommissionsleiter Jean-Marc Sauvé zeigt sich „erschüttert“. Der 72-jährige pensionierte Staatsbeamte zählt auf, dass 80 Prozent der Opfer Knaben waren, die meisten im Alter von zehn bis 13 Jahren. Ein Drittel der Verbrechen seien Vergewaltigungen, so Sauvé. 60 Prozent der Opfer litten unter „starken oder sehr starken psychischen Störungen“. Die Fälle seien in den 80er Jahren geringer geworden, seitdem stagnierten sie. In Frankreich lägen die Zahlen wie in den Niederlanden leicht unter den in den USA oder Australien bekanntgewordenen Fällen. Sauvé mahnte: „Das Problem besteht weiter.“

Im Kontrast zu den sachlich-grausigen Angaben Sauvés steht die Reaktion von François Devaux, einem Missbrauchsopfer und Vorstand des Opfervereins „La parole libérée“. Der heute 41-jährige Unternehmer sagt, das Gefühl, von der Kirche „verraten“ worden zu sein, sei ebenso schlimm wie „der Missbrauch selbst“. Das jahrelange Schweigen sei durch „Feigheit und Schwäche, List und Strategie“ bedingt gewesen.

Missbrauch in Frankreich dürfe „nicht ohne Folgen bleiben“

Bei der Präsentation des Berichtes rief Devaux den Kirchenvertretern im Saal zu: „Sie sind eine Schande für die ganze Menschheit! Sie müssen für diese Verbrechen zahlen!“ Silbe für Silbe wiederholte er: „Sie müs-sen für die-se Ver-bre-chen zah-len.“ Die finanzielle Wiedergutmachung dürfe nicht bloß fünf Millionen Euro betragen, wie in einem Missbrauchsfonds der katholischen Kirche festgelegt, sondern „Milliarden“.

Sauvé erklärte seinerseits, die Zeugenanhörungen und Archivforschungen über 32 Monate hinweg dürften „nicht ohne Folgen bleiben“. Die 22-köpfige Kommission, in der bewusst keine Kleriker vertreten waren, wirft der katholischen Hierarchie vor, sie reagiere zu schwach. Sauvé räumte ein, dass zwar ein kanonisches Strafgericht im Dezember seine Arbeit aufnehmen und überführte Priester vorladen werde. Dass dieses interne Gremium aber ohne Opfer tage, sei nicht verständlich. Sauvé kritisierte auch das Festhalten am Beichtgeheimnis; Kinderschänder dürften davon nicht profitieren. Der gläubige Katholik plädiert eher für eine kürzere Verjährungsfrist. Sie beträgt in Frankreich (ab Volljährigkeit) 20 Jahre für sexualisierte Gewalt und 30 Jahre für Vergewaltigung.

Missbrauch in Frankreichs Kirche – oft keine Beweise

Sauvé begründete seine Haltung mit der „Enttäuschung“, die Opfer von der Justiz erwarten müssten: Nach 30 oder 40 Jahren können sie nämlich oft keine Beweise mehr für die ihnen angetane Gewalt vorlegen. In einem Buch, das parallel zum Kommissionsbericht erschienen ist, schildert ein missbrauchter Mann dagegen, dass er mehr als 35 Jahre gebraucht habe, um sich auch nur an die Schandtat seines Priesters an ihm zu erinnern.

Aber in der aktuellen politischen Debatte ist die Verlängerung oder gar Aussetzung der entsprechenden Verjährungsfristen in Frankreich kein Thema. Umstritten ist, ob sich darin die – schwindende – Macht der französischen Kirche äußert.

Von ihrem Selbstverständnis her ist die laizistische Republik in Frankreich an sich immun gegen alle klerikalen Einflüsse. Im Alltag aber legt die säkulare Justiz trotzdem keinen sonderlichen Eifer an den Tag, sexualisierte Gewalt in der Kirche zu ahnden. (Stefan Brändle)

Rubriklistenbild: © AFP

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