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Gefährlicher Gehorsam? Offiziersanwärter bei der jährlichen Militärparade auf dem Pariser Place de la Concorde.
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Gefährlicher Gehorsam? Offiziersanwärter bei der jährlichen Militärparade auf dem Pariser Place de la Concorde.

Frankreich

Schande im Namen der Ehre

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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Ein tödlicher Unfall in Frankreichs berühmter Kadettenschule Saint-Cyr wirft ein Schlaglicht auf grausame Initiationsriten.

Die Organisatoren sprechen von der „Übermittlung von Traditionen“. In Wahrheit handelt es sich darum, Rekruten zu drillen, ihren Widerstand zu brechen – und sich nebenbei an ihren Strapazen zu amüsieren.

So geschah es am 30. Oktober 2012 auf einem bretonischen Übungsgelände der Kadettenschule Saint-Cyr. Kurz vor Mitternacht holten Schüler des zweiten Jahrgangs die „Neuen“ aus den Betten. Der Befehl lautete, den schweren Helm, Stiefel und Kampfanzüge anzuziehen. Und die Mission bestand darin, mit mehreren Kilo Ballast einen 42 Meter breiten, eiskalten Teich zu durchqueren. Dass das Gewässer stellenweise drei Meter tief ist, wussten die Neulinge nicht. Viele gerieten in Panik, wie sie später den Ermittlern sagten. Aber auch wenn sie ständig Wasser schluckten und sich aneinander klammerten, gab es nur ein Ziel – ans andere Ufer zu gelangen. Der Horror der einen war für die anderen die Gaudi: Über Lautsprecher intonierten die selbst noch jungen Organisatoren Wagners „Walküre“ – wie in Coppolas Vietnam-Film „Apocalypse Now“.

Eine Stunde später war es vorbei mit dem Spaß: Dann ging den Rekruten auf, dass einer der ihren fehlte. Da kein Offizier von der Partie war, wurde nicht gleich Alarm geschlagen. Erst um 2.35 Uhr wurde die herbeigerufene Feuerwehr fündig.

Der Leichnam gehörte Jallal Hami, einem der besten seines Jahrgangs. Der groß gewachsene 24-Jährige war zwar ein mäßiger Schwimmer, aber sonst ein brillanter Schüler. In Algerien geboren, war er mit seiner Mutter und seinem Bruder in letzter Minute vor Islamisten in seinem Land geflohen. In Paris legte er, obwohl in Armut aufgewaschen, eine Bilderbuchkarriere hin: Unter anderem absolvierte Hami „Sciences Po“, die Spitzenuni für politische Wissenschaften; dann bewarb er sich für die prestigeträchtigste Militärakademie Frankreichs, Saint-Cyr – von Napoleon geformte Kaderschmiede französischer Offiziere, Kondensat soldatischen Nationalstolzes.

Man hätte erwarten können, dass Hamis Tod – makaber gesagt – hohe Wellen schlägt. Doch erstmal geschah nichts. In Saint-Cyr mag man keine Negativschlagzeilen, keine Beeinträchtigung eines Rufes, der so blütenrein ist wie eine ordenbehängte Galauniform. Acht Jahre lang verzögerte die Akademie, deren Abgänger oft wichtige Machtpositionen belegen, die Ermittlung des Todesfalls.

Erst diese Woche hat in der bretonischen Hauptstadt Rennes der Prozess gegen sieben Verantwortliche begonnen. Die meisten sind noch in der Armee und präsentierten sich dem Richter wie aus dem Ei gepellt. Die nächtliche Schlaucherei von Oktober 2012 nennen sie eine „Übung“, geplant eben zur „Überlieferung der Traditionen“.

Keiner von ihnen nimmt das Wort „bizutage“ in den Mund. So nennt man in Frankreich erniedrigende oder perverse Initiationsriten. Nur selten handelt es sich um einen harmlosen Jux wie etwa die Anweisung, eine Stunde lang die Marseillaise zu pfeifen. Beliebt sind Liegestütze auf schmutzigem Toilettenboden, Schamhaar-Rasuren oder der Auftrag, auf der Straße in Lockenwicklern betteln zu gehen. Je nobler die Eliteschule, desto primitiver das „bizutage“. Wenn Alkohol im Spiel ist, artet es noch mehr aus. Dann trifft es die Schwächsten, gerne auch Frauen. Knochenbrüche kommen vor, auch Vergewaltigungen.

Im hierarchisch aufgebauten Frankreich gehört das „bizutage“ seit Napoleons Zeiten zum Repertoire gesellschaftlich tolerierter Unterwerfungsriten. Kunde davon dringt selten nach außen, auch wenn sie in Schulen und teils auch Betrieben weit verbreitet sind. Die Nationalversammlung beschloss zwar 1998 auf Initiative der späteren Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal ein Verbot von „bizutage“; das Strafmaß reicht bis zu sechs Monate Haft. Kurioserweise wissen das aber die wenigsten im Lande. Opfer erfahren meist erst im Krankenhaus davon.

Die Familie von Jallal Hami hat nur dank nervenzehrender Ausdauer erreicht, dass es nach acht Jahren überhaupt zum Prozess kommt. Die Angeklagten boten als Entlastungszeugen unter anderem einen ehemaligen General der Fremdenlegion auf, der den Todesfall als „Missverständnis“ bezeichnete. Als er auch noch kommentierte, der Verstorbene habe „nicht nein zu sagen gewusst“, platzte dem Bruder Rachid Hami der Kragen: Vor dem Gerichtssaal sagte er der wartenden Presse, Saint-Cyr sei eine „Schande für die Armee“.

Der Filmemacher mit Wohnsitz Taiwan arbeitet nun an einem Film über den Werdegang und Tod seines Bruders. Vom Urteil erwartet Rachid Hami nicht viel: Mehr als Haftstrafen auf Bewährung wegen fahrlässiger Tötung stehen nicht an. Wichtiger war ihm, dass sein Bruder heute auf dem illustren Pariser Friedhof Père-Lachaise ruht, unweit von Edith Piaf, Jim Morrison, Oscar Wilde und Balzac. Saint-Cyr, die ach so piekfeine Akademie, die prächtige Staatsbegräbnisse zu inszenieren versteht – sie wollte Jallal Hami im Moslem-Eck eines namenlosen Banlieue-Friedhofs bestatten.

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