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„Was ist überhaupt die Definition von Nationalismus? Sprechen wir doch lieber von Patriotismus“, sagt Manon Bouquin.

Rassemblement National

Die Abstauber: Frankreichs junge Rechte

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Sie sind jung, hip und patriotisch. Sie haben in Frankreich inzwischen mehr als 15.000 Mitglieder und ihre rassistischen Parolen verpacken sie modern. Wer steckt hinter der Jugendorganisation des Rassemblement National?

Patriotismus. Dieses Wort benutzt Manon Bouquin oft und gerne. Sie spricht davon, die Idee des Patriotismus entstauben zu wollen. Denn Patriotismus ist etwas Modernes, wie die 27-Jährige beim Treffen in einem Pariser Café betont. Bouquin ist Mitglied im Rassemblement National, gleichzeitig ist sie einer der führenden Köpfe bei deren Jugendorganisation Génération Nation. Manon Bouquin ist gut ausgebildet und macht gerade ihren zweiten Master – Public Affairs Management – an einer privaten Hochschule in Paris. Das Interview will sie dennoch nur auf Französisch führen – Englisch spreche sie nicht besonders gut.

Patriotismus also. Ob sie auch nationalistisch sei? Sie macht eine Pause und zieht die Augenbrauen hoch: „Was ist überhaupt die Definition von Nationalismus? Nationalismus wird immer mit Gewalt assoziiert. Sprechen wir doch lieber von Patriotismus.“

In Frankreich ist Patriotismus weniger negativ behaftet als in Deutschland. Die offene Bekundung, sich zum Rassemblement National zugehörig zu fühlen, ist inzwischen kein Tabu mehr. Grund dafür ist auch der neue Kurs unter Marine Le Pen. Die französische Rechtspopulistin benannte Anfang Juni 2018 ihre Partei „Front National“ um in „Rassemblement National“, was sich als Nationale Sammlungsbewegung übersetzen lässt.

Seit der Modernisierungsstrategie von Marine Le Pen habe sich etwas getan, erklärt Stefan Seidendorf. Er ist stellvertretender Direktor des Deutsch-Französischen Instituts Ludwigsburg und forscht dort auch zu Identität und Nation. Die Partei zeige sich zwar weniger offen antisemitisch und rassistisch. Aber: „Das Gedankengut selbst ist nichtsdestotrotz ein radikales Gedankengut.“ Einen Eindruck gibt das Wahlprogramm, das Le Pen zu den Präsidentschaftswahlen vor zwei Jahren vorlegt. Darin: Befürwortung der Todesstrafe, eine Null-Toleranz-Devise in der Sicherheitspolitik und die Abschiebung von mutmaßlichen ausländischen Gefährdern.

Wie kam Manon Bouquin zum Rassemblement National? Warum identifiziert sie sich mit deren Weltanschauung? Prägend scheinen für sie Erfahrungen aus ihrem Viertel, einem Vorort im Südosten von Paris, gewesen zu sein. Dem französischen Magazin Madame Figaro sagte sie im April 2017 in einem Interview, dass sie in der Banlieue die „Folgen des Islamismus“ für Frankreich wahrgenommen habe. Auf Nachfrage erklärt Bouquin: „Was mich schockiert hat, war, dass es immer so viele verschleierte Frauen gab.“ Viele aus der muslimischen Community hätten sich, so Bouquin, „den republikanischen Werten – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – widersetzt. Sie haben die Werte nicht für sich übernommen oder akzeptiert.“ Bouquin kritisiert auch, dass die Freiheiten der Frau eingeschränkt würden.

Jordan Bardella, Spitzenkandidat im Europawahlkampf.

Aber welche Beispiele gebe es dafür, dass sich manche den französischen Werten widersetzen? Manon Bouquin sagt, bei diesem Thema würden Journalisten immer hartnäckig fragen. Sie versucht klarzustellen: „Es geht nicht um Rasse und Herkunft. Jeder kann sich Franzose nennen. Nur manche strengen sich nicht an, Patrioten werden zu wollen.“ Sie nennt ein Beispiel, das ihr sehr wichtig erscheint: Nach den Attentaten auf die Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo hätten sich viele Schüler geweigert, eine Schweigeminute abzuhalten.

Der Rassemblement National polarisiert, gerade beim Thema Migration. Manon Bouquin sagt, ihre Partei sei aus gutem Grund für geschlossene Grenzen: Es würden sich zurzeit zu viele Migranten auf den Weg nach Europa machen und ihren Tod im Mittelmeer finden. „Eine enorme Krise“, betont sie. Ein Beispiel solle man sich an Australien nehmen – die dortige Regierung verfolgt eine restriktive Asyl- und Einwanderungspolitik: „Das Land ist eine geschlossene Anstalt. Die haben klar gemacht, dass keiner mehr reinkommt. Deswegen stirbt auch keiner mehr auf dem Seeweg.“

Auch zur Europäischen Union hat Bouquin eine klare Meinung: „Es geht nicht darum, die EU zu zerstören. Es geht darum, dass die nationale Souveränität Frankreichs wiederhergestellt wird.“ Und es geht um „eine größere Unabhängigkeit von Brüssel“. 2017 sprach sich Manon Bouquin in einem Interview mit France 24 noch für einen EU-Austritt aus. Damit konfrontiert, antwortet sie prompt: „2017 waren wir die einzige rechtsnationale Stimme in Europa. Da mussten wir radikal sein. Jetzt haben wir andere auf unserer Seite wie Salvini, die endlich radikalere Sachen fordern.“ Bouquin erklärt, ihre Partei fahre heute in Bezug auf den EU-Austritt einen moderateren Kurs. Sie würden abwarten, was mit dem Brexit passiert, und dann entscheiden, was der beste Weg für Frankreich ist.

Bouquins Äußerungen über die EU, über Migration und die Herausforderungen Frankreichs fügen sich in das Bild, das Stefan Seidendorf zeichnet: „Die jungen Rechten halten sich für Eliten und sehen sich als intellektuelle Vordenker. Die liberale Welt, die multikulturelle Welt halten sie für gescheitert. Sie sind für ein Europa der Vielfalt, aber eben eine Vielfalt der Nationen.“

Ein Werbespot von Génération Nation passt auch zur Modernisierungsstrategie von Marine Le Pen. Im Video wird auf die gefühlten Sorgen Frankreichs hingewiesen: angefangen bei Arbeitslosigkeit über islamistischen Terrorismus bis hin zum Umgang mit künstlicher Intelligenz. Zu sehen sind Bilder von jungen Menschen, die an Demonstrationen und politischen Veranstaltungen teilnehmen. Immer wieder sind die Nationalfarben Frankreichs – blau, weiß und rot – im Bild. Im Hintergrund pathetische Musik und ein letzter Satz: „Parce que nous sommes la France, parce que nous sommes demain, parce que nous sommes la Génération Nation.“ – Kurz: Die Zukunft liege in der Verantwortung der Génération Nation.

Mit Emotionalität soll hier um neue Anhänger geworben werden. Experte Seidendorf sagt, das sei ganz bewusst Teil der Strategie des Rassemblement National. Marine Le Pen habe im Wahlkampf gezielt das Wort „Nation“ emotional besetzt. Dieses Spiel mit den Emotionen sei ein „Trend der Zeit“ und ein Grund, warum populistische Bewegungen so erfolgreich seien.

David Rachline, seit 2014 Bürgermeister von Fréjus.

Die Mobilisierung junger Menschen über soziale Netzwerke ist dabei von zentraler Bedeutung. Génération Nation ist auf fast allen Plattformen vertreten. „Facebook verwenden wir, weil dort die Mehrheit der jungen Menschen ist und eine direkte Ansprache möglich ist. Twitter nutzen wir, weil dort Journalisten sind und wiederum unsere Inhalte aufgreifen“, erklärt Manon Bouquin. In den sozialen Medien sieht sie den schnellsten und einfachsten Weg, Nachrichten an junge Leute zu verbreiten.

Für Stefan Seidendorf ist Génération Nation eine Art Vorfeldorganisation, die zwei Funktionen für die Mutterpartei Rassemblement National erfüllt: Zukünftiges politisches Führungspersonal auszubilden und sich mit anderen Gruppierungen zu vernetzen. Politisches Engagement in der Génération Nation kann zum Sprungbrett werden, um in der großen Partei Karriere zu machen. Geschafft hat das zum Beispiel David Rachline, der schon mit 15 Jahren in der Partei anfing und sich zunächst auf regionaler Ebene engagierte. Rachline war Kampagnenleiter von Le Pen im Wahlkampfjahr 2017 und ist seit 2014 Bürgermeister von Fréjus an der Côte d’Azur. Die Stadt ist die größte in Frankreich, die vom Rassemblement National regiert wird.

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Zu einem noch bekannteren Gesicht, das Génération Nation hervorgebracht hat, ist Jordan Bardella geworden. Bestens ausgebildet an der Pariser Elite-Universität Sorbonne, stieg Bardella im April 2018 zum Vorsitzenden der Jugendorganisation auf. Le Pen nominierte den 23-Jährigen als Spitzenkandidaten ihrer Partei für die Europawahl. Im Wahlkampf wurde er von seinen Anhängern wie ein Popstar gefeiert, viele Jugendliche scheinen sich mit ihm zu identifizieren. Bardella setzte damals auf eine radikale Kampagne, ein Satz von ihm fiel dabei immer wieder: „J’appartiens à une génération qui peut mourir pour une cigarette ou un mauvais regard“ – Übersetzt: „Ich gehöre zu einer Generation, die Gefahr läuft, wegen einer Zigarette oder eines falschen Blicks umgebracht zu werden.“ Bardellas Strategie ging auf, der Rassemblement National wurde bei der Europawahl mit 23,3 Prozent stärkste Kraft in Frankreich.

Marine Le Pen, immer noch wichtigstes Gesicht der Rechten in Frankreich, ist für viele zum Idol geworden. Bouquin erzählt, dass das Attentat auf Charlie Hebdo und die Reaktion von Le Pen ein Schlüsselmoment für sie gewesen sei. Die Vorsitzende des Rassemblement National sei damals die Einzige gewesen, die ihre Stimme gegen Liberalismus, gegen massive Migration und gegen Europa erhoben habe. Bardella selbst wiederholt immer wieder eine Phrase, auch auf seiner Website: Dass ihn die Terroranschläge im Jahr 2015 in Frankreich endgültig zum Politiker gemacht hätten.

„Patriotismus ist etwas Modernes“, sagte Manon Bouquin am Anfang des Interviews. Ein Satz, der genau dem entspricht, wie die Génération Nation wirken will – jugendlich, hip, attraktiv – und patriotisch. Unter den jungen Mitgliedern der Jugendorganisation scheint es viele zu geben, die intelligent und machthungrig sind. Mit dem Image, das sie in den sozialen Netzwerken pflegen, wollen sie andere junge Menschen anlocken, die in der Gesellschaft nach oben wollen – und rechtsnational denken.

Aber: „Hinter der Arbeit von Génération Nation steckt eine Strategie von Marine Le Pen“, sagt Experte Stefan Seidendorf. Die jungen rechten Köpfe um Jordan Bardella wissen genau, wie sie ihr Image zu pflegen haben. Es bleibt ungewiss, wer davon profitiert. Bardella selbst? Oder doch die vermeintliche Strippenzieherin Le Pen? Oder Manon Bouquin, die sich feministisch und weltoffen gibt? Fest steht, dass die jungen Rechten der Génération Nation mit aller Macht versuchen, nicht rechts zu wirken.

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