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Trauer um die Queen: Der letzte Republikaner widersetzt sich

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Von: Stefan Brändle

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Gemeinsam mit der Fahne will ein französischer Bürgermeister auch die Republik hochhalten.
Gemeinsam mit der Fahne will ein französischer Bürgermeister auch die Republik hochhalten. © AFP

Ein französischer Bürgermeister weigert sich, zum Queen-Begräbnis halbmast zu flaggen.

Paris – Auch Frankreich trauert um Britanniens große Königin. Noch bei ihrem letzten Besuch 2014 in Paris nahm sie die Gastgeber dermaßen für sich ein, dass der – sozialistische – Ex-Außenminister Bernard Kouchner sinnierte: „Wir bräuchten auch einen König“.

Frankreich hat die Monarchie 1793 abgeschafft, Ludwig XVI. kam unter die Guillotine. Trotzdem kannte das Land der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit später noch eine Reihe von Quasimonarchen wie Kaiser Napoleon, Bürgerkönig Louis-Philippe oder General de Gaulle. Wie es der Radiosender France-Culture in dieser Woche formulierte: „Wir sind stolz auf unsere Republik, aber wir haben mit der Monarchie nie völlig gebrochen.“ Der Chronist Arnaud Benedetti wird noch deutlicher: „Ohne es zu sagen oder vielleicht auch nur zu wissen, wahrt Frankreich unvergängliche Trauer für sein eigenes Königtum.“

Präsident Emmanuel Macron sagte nach dem Tod der Queen sehr bewegt und auf Englisch, Elisabeth sei den Franzosen die „Königin des Herzens“ gewesen. An ihrem Begräbnis, so ordnete er an, sollte die französische Nationalflagge an den Rathäusern auf halbmast gesetzt werden.

Patrick Proisy wird zum Internetstar über Nacht

Nun hat sich aber der Bürgermeister eines kleinen, völlig unbekannten Dorfes zu Wort gemeldet. „Ich werde die Anweisung nicht befolgen“, twitterte Patrick Proisy aus Faches-Thumesnil in Nordfrankreich. „Denn sie müsste für alle Staatschefs gelten – oder gibt unsere Republik etwa einer Monarchin und Kirchenvorsteherin den Vorzug?“

Über Nacht wurde der zur Linksallianz Nupes gehörende Bürgermeister ein Internetstar. Und das so sehr, dass er meinte, sich rechtfertigen zu müssen. „Kein Konzept ist weiter entfernt vom Gleichheitsgebot als das der Monarchie“, stellte er klar, als säße er neben Robespierre im Wohlfahrtsausschuss der französischen Revolution. Sein Standpunkt habe nichts mit der Persönlichkeit von Elisabeth II. zu tun, fügte er an. Aber es gehe in Frankreich nicht an, dass „die Geburt aus speziellem Blut und guter Familie“ einzelne Menschen über andere erhebe.

Längst ist der letzte Republikaner Patrick Proisy nicht mehr allein. Mehrere Bürgermeister:innen, darunter auch aus größeren Städten wie Bourges, haben sich ihrem Kollegen aus dem 1000-Seelen-Ort angeschlossen: An ihren Rathäusern wird über dem Leitspruch der „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ die Trikolore zuoberst an der Fahnenstange prangen.

Streit am Ärmelkanal: „Die Engländer sind nicht unsere Freunde“

Weitere Stimmen stören sich nicht nur am monarchischen Pomp im Vereinigten Königreich, sondern verweisen auch auf die politischen Spannungen zwischen London und Paris. Seit dem Brexit gibt es am Ärmelkanal ständig Streit, sei es um Fischereirechte oder die Aufnahme von Geflüchteten. Kurz bevor sie britische Premierministerin wurde, hatte Liz Truss auf eine Journalistenfrage, ob Frankreich für sie „Freund oder Feind“ sei, eine klare Antwort verweigert. Mit Paris hat sie es damit bereits verspielt.

„Die Engländer sind nicht unsere Freunde“, schrieb ein Leser der konservativen Zeitung „Le Figaro“. „Sie verachten uns und suchen uns hintenrum zu schaden.“ Deshalb sollten die Flaggen nicht auf halbmast gesetzt werden.

Ein anderer schließt sich an: „Wir sind doch keine Briten. Außerdem hat das Königreich die EU verlassen.“ Linkenchef Mélenchon ärgert sich offen über den breiten Raum, den die Pariser Medien dem Tod Elisabeths II. bis zu ihrem Begräbnis einräumen.

Und der französische Thron? Denn nicht zu vergessen, in Louis de Bourbon (48) verfügt Frankreich eigentlich über einen Prätendenten, der in direkter Linie von Ludwig XIV. abstammt. Der sehr diskrete Jetsetter mit Wohnsitz in Spanien wartet nur darauf, als Ludwig XX. in Versailles einzuziehen. Das Warten dürfte allerdings noch einige Zeit in Anspruch nehmen. (Stefan Brändle)

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