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Terror in Frankreich: Mord an Lehrer erschüttert das Land

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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Der barbarische Vorfall in Conflans-Sainte-Honrine erschüttert Frankreich. Das Opfer hatte mit seinen Schülern über Mohammed-Karikaturen debattiert, die viele muslimische Gläubige für Blasphemie halten.

Ein Slogan kehrt zurück. „Je suis Charlie“, sagte Premierminister Jean Castex am Sonntag, um hinzuzufügen: „Mehr denn je.“ Ähnlich tönte es landesweit auf Kundgebungen, bei denen Demonstrierende Inschriften trugen wie „Je suis prof“ – „ich bin Lehrer:in“.

Mord an Lehrer in Frankreich: Polizei erschießt den Angreifer

Denn ein Lehrer war es, der am Freitag in Conflans-Sainte-Honorine nach der Schule auf der Straße getötet worden war. Ein Attentäter schnitt ihm die Kehle durch und trennte den Kopf ab; dann stellte er das Video von seinem Verbrechen ins Internet. Dort blieb es nur Minuten stehen. Ebenso kurz dauerte noch das Leben des Angreifers: Eine Polizeipatrouille stellte und erschoss ihn, als er mit seinem 35 Zentimeter langen Messer und einer Softair-Pistole aggressiv gestikulierte.

Frankreich war schockiert. Präsident Emmanuel Macron fuhr sofort an den Tatort und sagte mit Grabesstimme: „Die Terroristen werden nicht durchkommen.“ Sozialistenchef Olivier Faure gab sich „total unnachgiebig“, die Rechtspopulistin Marine Le Pen sprach von „Krieg“. Ähnlich tönte es in der Nationalversammlung, die ihre Arbeit unterbrach.

Trauer am Collège Bois d’Aulne in Conflans-Sainte-Honorine bei Paris.

Der Terror kehrt nach Frankreich zurück

Als hätte Frankreich noch nicht genug zu schaffen mit der zweiten Corona-Welle und einer schweren Wirtschaftskrise, kehrt nun auch der Terror zurück. Und dazu eine alte Polemik, aus der Frankreich bis heute keinen Ausweg findet. Das Mordopfer, der 47-jährige Geschichts- und Geographielehrer Samuel Paty, hatte an der Mittelschule in Conflans unter anderem Mohammed-Karikaturen gezeigt. Es waren zum Teil die gleichen, die 2015 in der Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ zu einem Massaker mit zwölf Toten geführt hatten. Unklar ist, ob der offenbar sehr beliebte Lehrer das Thema Meinungsfreiheit generell aufbrachte – oder nur deshalb, weil in Paris gerade der Prozess gegen die Komplizen der Charlie-Attacke von 2015 läuft.

Auf jeden Fall war sich Paty im Klaren, dass die Frage heikel ist: Er bot den muslimischen Schülern an, das Klassenzimmer zu verlassen, bevor er die Karikaturen – auf einer reckt der knieende oder betende Prophet seinen Hintern in die Höhe – zeigte.

Eine muslimische Schülerin verdrehte dies später in einem Video und erklärte, der Lehrer habe die Schüler ihres Glaubens vor die Tür gestellt. Ihr Vater bezeichnete Paty in dem gleichen Internetausschnitt als „Gauner“ und reichte bei der Polizei Klage wegen Pornographie vor Kindern ein.

Fassungslosigkeit bei der Polizei in der Tatnacht.

Der Lehrer konterte mit einer Klage, nachdem er und auch die Schulleitung mehrmals bedroht worden waren. Bei einer Aussprache in der Schule ließ sich die muslimische Familie von einem radikalen Prediger namens Abdelhakim Sefrioui sekundieren. Dieser Vertraute des notorisch antisemitischen Komikers Dieudonné figuriert beim französischen Geheimdienst in der S-Kartei gefährlicher Extremisten. Auch rief Sefrioui über die sozialen Medien dazu auf, sich in Conflans „vor der Schule für eine Aktion zu mobilisieren“.

Der Attentäter, der 80 Kilometer von Conflans entfernt lebte, fasste dies auf seine Weise auf: Er fuhr zu der Schule, deren Adresse in den Videos genannt worden war, und erkundigte sich bei Schülern nach dem Lehrer. Er folgte ihm 300 Meter und schnitt ihm dann die Kehle durch.

Bei dem Täter handelt es sich um einen 18-jährigen Tschetschenen namens Abdoullak A., der offenbar vor zwölf Jahren mit seinen Eltern als Flüchtlingskind nach Frankreich gekommen war. Als Gefährder war er nicht registriert. Vier Mitglieder seiner Familie wurden am Wochenende verhaftet, dazu sieben weitere Personen. Unter ihnen befinden sich der Vater der betroffenen Schülerin sowie Prediger Sefrioui.

Für die Justiz wird sich die knifflige Frage stellen, wie weit Letztere als Anstifter des Mörders belangbar sind. Sie hatten nicht zu einem physischen Angriff aufgerufen, aber in den sozialen Medien gegen den Geschichtslehrer gehetzt. Kannten sie den Attentäter überhaupt? Abdoullak A. war geheimdienstlich unbelastet. Wie übrigens jener junge Pakistaner, der im September vor der alten „Charlie“-Redaktion zwei Passanten mit einem Messer verletzt hatte.

Terror in Frankreich: Demonstrationen für die Meinungsfreiheit

Auch dies zeigt, wie virulent die Frage der Mohammed-Karikaturen in Frankreich bleibt. Der laufende Prozess gegen ein paar Komplizen der „Charlie“-Terroristen von 2015 genügt, um die ganze Polemik – ja Tragik – neu zu entfachen. Am Sonntag betonten viele Menschen auf den zahlreichen Demonstrationen, die Meinungsfreiheit und damit auch das Recht auf Blasphemie seien in Frankreich sakrosankt; die Karikaturen nicht mehr zu publizieren, bedeute ein erstes Nachgeben gegenüber Islamisten, die auch das Schweinefleisch aus den Schulkantinen verbannen oder die Schulmädchen vom Schwimmunterricht befreien wollten.

Besonnene Französinnen und Franzosen fragen sich allerdings auch, ob die bewusst provokativen und respektlosen Mohammed-Karikaturen das passende Mittel sind, den Islamismus zu bekämpfen. Denn diese Frage wird von den Salafisten ebenso bewusst benützt, um gemäßigte Gläubige auf ihre Seite zu ziehen.

Der Vorsteher des muslimischen Kulturrates CFCM, Mohammed Moussaoui, verhehlte am Samstag nicht, dass die französischen Muslime und Musliminnen eine „spezielle Position“ zu den Karikaturen einnähmen – im Klartext: dass sie gegen diese respektlosen Zeichnungen sind. Aber er machte auch in aller Deutlichkeit klar, dass sie daraus keine Affäre machen wollten. Sie ignorierten die Karikaturen vielmehr, führte Moussaoui aus. „Sie halten sich voll an die Sitten und Gesetze der Republik, und sie lehnen jede Form von Gewalt ab.“ (Von Stefan Brändle)

Rubriklistenbild: © CHARLES PLATIAU / RTR

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