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Präsident Emmanuel Macron mit dem Sarg des getöteten Polizisten Arnaud Beltrame.

Arnaud Beltrame

Frankreich nimmt Abschied

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Bei seinem Begräbnis wird Gendarm Arnaud Beltrame als Held verehrt ? andere machen längst Politik mit dem Terror.

Zu Tausenden drängen sich die Pariser am Straßenrand. In strömendem Regen nehmen sie an diesem Mittwoch Abschied vom Helden der Nation. Dem Gendarmen Arnaud Beltrame geben sie das letzte Geleit, der sich fünf Tage zuvor bei den Terrorattacken von Trèbes anstelle einer Geisel in die Gewalt des islamistischen Attentäters begab und sein Leben ließ.

Im zuckenden Blaulicht einer Motorradstaffel rollt der Wagen mit den sterblichen Überresten des 44-jährigen Polizeioffiziers das Seine-Ufer entlang, nähert sich dem Ehrenhof des Invalidendoms, wo Staatschef Emmanuel Macron das Wort ergreifen wird. Wasser rinnt Helmvisiere, Kameralinsen und Brillengläser hinab. Ein Mann rückt ein Absperrgitter zur Seite, wirft dem Trauerzug eine Rose hinterher. Sind es Wassertropfen, die auf seiner Wange glänzen, sind es Tränen?

Unter den am Gitter Zurückgebliebenen ist vom „heutzutage so seltenen, von Beltrame vorgelebten Heldentum“ die Rede. Olivier Anfry, ein ehemaliger Kollege des Ermordeten, erzählt, Beltrame habe schon immer herausgeragt, schon immer zu den Besten gehört. „Man spricht inzwischen nur noch von ihm, nicht mehr von dem Terroristen, das tut gut“, sagt Anfry. Vor der goldenen Kuppel des Invalidendoms lässt Macron den Tag Revue passieren, an dem Beltrame sein Leben für ein anderes hingab. Der Präsident beschwört den Augenblick herauf, da der Polizeioffizier beschloss, sich in die Hand eines Terroristen zu begeben, der den vermeintlichen Märtyrertod suchte und andere mit in den Tod reißen wollte.

Der Geist der Résistance sei neu erwacht - ein Trost?

Als Beltrame den vom Islamisten angegriffenen Supermarkt betreten, seine Waffe niedergelegt, mit erhobenen Händen den Platz einer als Geisel festgehaltenen Angestellten eingenommen habe, „zählte deren Leben für Beltrame mehr als alles andere“, sagt Macron. Den Tod hinzunehmen, damit Unschuldige leben, das zeichne einen Gendarmen aus. Mit Beltrame sei der Geist der französischen Résistance zu neuem Leben erwacht, der schon die Jungfrau von Orleans beseelt habe oder auch Charles de Gaulle. Ob das der Mutter des fürs Vaterland Gefallenen ein Trost ist? Vorne in der ersten Reihe hat sie zu Beginn der Zeremonie die Beileidswünsche des Präsidenten und seiner Gattin Brigitte entgegengenommen.

Ob Oppositionsführer, ehemalige Staatschefs oder hohe Würdenträger der Zivilgesellschaft – alle haben sie sich eingefunden, um Beltrame die letzte Ehre zu erweisen. Mehr als 2000 Menschen drängen sich im Ehrenhof.

Auch Valéry Giscard d’Estaing ist gekommen. Der 92-jährige Altpräsident stützt sich auf einen Stock, ein Begleiter hält den Regenschirm über den gebrechlich wirkenden Mann.

Was nach vollendetem nationalem Schulterschluss aussieht, ist indes nur schöner Schein. Konservative Republikaner (LR) und Rechtspopulisten des Front National (FN) versuchen aus der neu erwachten Angst vor dem Terror Kapital zu schlagen. Der LR-Vorsitzende Laurent Wauquiez hat der Regierung noch am Vortag vorgeworfen, angesichts wachsender islamistischer Gewalt „schuldhaft naiv und nachlässig“ zu Werke zu gehen.

Linker Politiker preist Mord als „großartig“

Wauquiez fordert, die bedrohlichsten von rund 12 000 registrierten islamistischen sogenannten Gefährdern vorbeugend festzunehmen. Dass allein auf Verdachtsmomente gestützte Vorbeugehaft mit Frankreichs Verfassung nicht vereinbar ist, ficht den Oppositionsführer nicht an. FN-Chefin Marine Le Pen wiederum verlangt den Rücktritt des angeblich nur halbherzig gegen den Terror zu Felde ziehenden Innenministers Gérard Collomb.

Aber auch Frankreichs Linkspopulisten setzen sich ab, suchen Profil. Stéphane Poussier, erfolgloser Kandidat von „France Insoumise“ (Unbeugsames Frankreich, FI) bei den Parlamentswahlen des vergangenen Jahres, hat die Ermordung des Gendarmen in einem Tweet mit Verweis auf einen durch eine Polizeigranate getöteten Demonstranten als „großartig“ gepriesen. Ein Gericht hat Poussier noch vor Beginn der Gedenkzeremonie wegen Verherrlichung des Terrors zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. 

FI-Chef Jean-Luc Mélenchon zeigt sich am Mittwoch über den Tweet des Parteifreunds wenig erbaut. Mélenchon weiß, dass ihn der Vorstoß Poussiers Wählerstimmen kosten wird. Die überwältigende Mehrheit der Franzosen trauert um Beltrame, verehrt ihn als Helden, wie es sie leider nur noch selten gibt.

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