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„Brutal, voller Gewalt“: Familienstreit bei Le Pen versetzt Frankreichs Rechte in Aufruhr

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Von: Stefan Brändle

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Die rechte Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen wird vom Manöver der Nichte, Marine Maréchal, überrumpelt.
Die rechte Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen wird vom Manöver der Nichte, Marine Maréchal, überrumpelt. © AFP

In Frankreich bricht der Streit im rechten Lager vor der Präsidentschaftswahl offen aus – der Auslöser ist eine Überläuferin aus der Le-Pen-Dynastie.

Paris – Es konnte nicht lange gutgehen. Marine Le Pen und Eric Zemmour nehmen sich bei den französischen Präsidentschaftswahlen zu viele Stimmen weg, hindern sich gegenseitig daran, in den zweiten Wahlgang vorzustoßen. Dabei hätten sie alle Chancen auf ihrer Seite: Die Linke ist zersplittert und in der Mitte neutralisieren sich Präsident Emmanuel Macron und die Bürgerliche Valérie Pécresse.

Doch jetzt ist der mühsam gewahrte Burgfrieden zwischen Le Pen und Zemmour geplatzt. Der Auslöser ist Marion Maréchal. Die 32-jährige Nichte der rechtspopulistischen Kandidatin „überlegt“ sich nach eigenen Worten, sich Zemmour anzuschließen und damit ihrer Familie den Rücken zu kehren. Sie versucht zwar, den Seitenwechsel in Raten zu vollziehen, um die Wirkung zu dämpfen, doch für ihre Tante, die in den Umfragen bisher gut platziert im zweiten Rang hinter Macron lag, ist der Schlag sehr hart.

Präsidentschaftswahlen in Frankreich: Verrat bei den Le Pens

„Natürlich ist das brutal, voller Gewalt, alles sehr schwierig für mich“, bekennt Marine Le Pen, Vorsteherin des „Rassemblement National“ (RN) in Frankreich. Sie habe ihre Nichte in ihren ersten Lebensjahren persönlich aufgezogen, erzählte sie. Auch wenn sie es nicht offen sagte, war es doch ihrem Gesichtsausdruck abzulesen: Was Marion ihr antut, ist Verrat – Verrat an der Familie.

Der Grund ist, wie meist bei den Le Pens, politischer Natur: Marion Maréchal, die das „Le Pen“ seit langem aus ihrem doppelten Nachnamen gestrichen hat, ist ultrakonservativ und -katholisch und vertritt damit ganz ähnliche Positionen wie Zemmour – liberal in der Wirtschaftspolitik, knallhart in Sachen Immigration. Marine hingegen gibt sich sozial, verteidigt die Homo-Ehe und giftet fast nie mehr gegen Immigranten, um auch Mitte- und Linkswähler anzusprechen.

Der angekündigte Verrat bei den Le Pens hat noch eine Facette: Marion, jung, kess und neotrumpistisch, lässt ihre lavierende Tante (53) schon fast alt aussehen. Während die Nichte die politische Zukunft vor sich hat und als Hoffnungsträgerin der „Neuen Rechten“ gilt, kämpft Marine immer noch gegen die Vergangenheit: den Schatten ihres offen rassistischen Vaters Jean-Marie Le Pen, aber auch ihr eigenes Versagen im TV-Wahlduell gegen Macron vor fünf Jahren. Diese Präsidentenwahl ist zweifellos ihre letzte.

„Krieg der extremen Rechten“ in Frankreich ein Generationenkonflikt

Hinter dem „Krieg der extremen Rechten“, wie ihn die sonst zurückhaltende Zeitung Le Monde nennt, lauert ein Generationenkonflikt, wie ihn der Le-Pen-Clan beherrscht. Marine hatte ihren Vater im Jahr 2015 selber aus dem „Front National“ (FN) geworfen und die Faschopartei verwandelte sie in eine harmloser klingende „Nationale Sammlung“, kurz RN. Die Pariser Medien sprachen von „Vatermord“.

Maréchals Spiel mit dem Treuebruch kommt für Marine Le Pen im ungünstigsten Moment. Seit einigen Tagen schon setzen sich andere RN-Koryphäen zu Zemmour ab. Darunter ist auch Bruno Mégret, der sich im Verraten auskennt, nachdem er 1998 eine Konkurrenzpartei zu seinem Ziehvater Le Pen senior gegründet hatte. Auch Gilbert Collard, ein bisher loyaler Staradvokat von Marine Le Pen, hat in der letzten Woche bei Zemmour angedockt.

Marine Le Pen schimpft während der Präsidentschaftswahlen in Frankreich

Das ist aber alles nichts gegen einen Verrat innerhalb der Le-Pen-Dynastie. Sogar Jean-Marie Le Pen eilt nun seiner Tochter ausnahmsweise zu Hilfe und sagte, er wäre „enttäuscht“ von Marion, wenn sie wirklich mit Zemmour gemeinsame Sache machen würde. Die „Kleine“ lässt sich aber nicht so schnell weichkochen und dringt möglicherweise darauf, den Stab der französischen Rechten zu übernehmen.

Marine, die sich gelassen geben wollte, zeigt Nerven. „Sollen die, die gehen wollen, gehen“, schimpfte sie, um herrisch anzufügen: „Aber dann sollen sie sofort gehen!“. Zugleich wirft Le Pens Vize, Jordan Bardell, dem Konkurrenten Zemmour vor, ein Maulwurf der Konservativen zu sein, mit der Aufgabe, Le Pens Einzug in die Stichwahl zugunsten der Republikanerin Pécresse zu vereiteln. Zemmour bezeichnet dies als „erbärmlich“ und droht mit einer Verleumdungsklage.

Und wer wird sich im ersten Wahlgang im April durchsetzen? Le Pen lag in den Umfragen bisher knapp vor Zemmour. Das war vor Marions Versuch des Tantenmords mitten im Wahlkampf. (Stefan Brändle)

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