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Hunderte Jugendliche lassen die Korken in Paris knallen.
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Hunderte Jugendliche lassen die Korken in Paris knallen.

Pandemie

Frankreich: Nationale Corona-Depression ist vorbei

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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Die Regierung in Paris bemüht vergeblich die Corona-Ausgangssperre. Im ganzen Land wird gefeiert - nicht nur wegen der EM.

Paris – Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin, sonst eher für markige Worte bekannt, verordnete seinen Polizeikräften für ein Mal „Milde“: Nach dem EM-Spiel Frankreich gegen Deutschland am Dienstagabend sollten die Uniformierten ein Auge zudrücken, wenn sich die Fußballfans nach dem Barbesuch nicht an die Ausgangssperre von 23 Uhr an hielten.

In Wahrheit hatte die Regierung gar keine Wahl. Im ganzen Land kommt es seit Tagen zu spontanen Partys, Happenings und Gelagen. „Liberté!“ (Freiheit) riefen ausgelassene Jugendliche um Mitternacht auf dem Vorplatz des Invalidendoms. Andere folgten am Wochenende an den Seine-Ufern oder tanzten in der fußgängerberuhigten Rue de Rivoli. „Tut das gut, Dampf abzulassen!“, schrie einer.

Frankreich: Die nationale Corona-Depression ist vorbei

In Frankreich ist die Stimmung binnen weniger Tage umgeschlagen. Vorbei ist die nationale Depression, die der Psychiater Serge Hefez diagnostiziert hatte, mit Selbstmorden und Sekteneintritten. Lieber sitzt man bei den hochsommerlichen Temperaturen bis spätabends auf den Terrassen, geht ins Kino oder Theater.

Als ein Halbfinalspiel des Tennisturniers Roland-Garros bis in die Covid-Sperrzeit nach 23 Uhr dauerte, gab ein Sprecher überraschend bekannt, die Gäste könnten auf Erlaubnis „von höchster Stelle“ – zweifellos des Staatspräsidenten – bis zum Spielende bleiben. Die Polizei hält sich auch andernorts zurück. Solange die Festfreude nicht in Alkoholexzesse umschlägt, versucht sie, die Aufläufe mit gutem Zureden aufzulösen.

Zugleich müssen die Behörden auf der Hut bleiben. Gesundheitsminister Olivier Véran rief am Dienstag wegen der Virusvariante Delta zur allgemeinen „Vorsicht“ auf. Bei den meisten Freiluftpartys sind Schutzmasken selten geworden. Covid-Regierungsberater Jean-François Delfraissy räumte ein, dass es „sehr schwierig sein wird, die Maskenpflicht im Freien über den Monat Juni hinaus aufrechtzuerhalten“.

Lokalwahlen in Frankreich: Macron will es sich nicht verderben

An den beiden kommenden Wochenenden sind in Frankreich Lokalwahlen, und Macrons Partei „La République en marche“ will es sich mit den jungen Wählerinnen und Wählern nicht verderben. Einer hatte Macron vor Wochenfrist bei einem verkappten Wahlauftritt geohrfeigt. Zufall oder nicht – seither hat sich Macron nicht mehr kritisch über die Lage im Land geäußert.

Macron weiß, dass die fast schon euphorische Stimmung im Land schnell wieder umschlagen kann. Nicht alle Menschen sind in Fest- oder bereits in Ferienlaune. Im Großraum Paris sind die Staus länger denn je – am Dienstag insgesamt 446 Kilometer. Denn wegen der Pandemie verzichten viele Pendelnde weiter auf die öffentlichen Verkehrsmittel. Und auch die Rückkehr an den Arbeitsplatz wird nicht überall geschätzt, nachdem man sich an das Homeoffice gewöhnt hatte.

Wangenküsschen in Frankreich trotz Coronavirus?

Unzufrieden sind auch diejenigen, die eine gar nicht so nebensächliche Sache – das Wangenküsschen – am liebsten abschaffen würden. „Mit der Pandemie glaubten sie, dass das französische Ritual der ‚bise‘ endgültig der Vergangenheit angehöre, wie früher das Rauchen im Zug“, schreibt die Kolumnistin Guillemette Faure. Siebzehn Monate lang habe man Kolleg:innen und Bekannte auf Distanz halten können. Nun drohe die Rückkehr des Wangenküsschens, „und damit des schlechten Atems im Gesicht und der ineinander verhakten Brillen“.

Die Regierung ist nicht unschuldig daran: Schon im Januar, als das Coronavirus noch stärker grassierte, hatte Minister Véran seinen Landsleuten Mut zu machen versucht, indem er prophezeite: „Der Tag, an dem wir die Masken ablegen und uns wieder die Hand geben oder Wangenküsschen tauschen können – er wird in die Geschichte der Menschheit eingehen.“ (Stefan Brändle)

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