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Selbst auf den Straßen gilt in Frankreichs Städten Maskenpflicht. Vor allem junge Menschen stecken sich mit dem Virus an.

Corona

Frankreich im Alarmzustand

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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Das Hin und Her der Behörden lässt die Zahl der Infektionen wieder steigen. Ein zweiter Lockdown droht.

Kylian Mbappe ist Frankreichs populärster Fußballer – aber als er am Montag positiv auf das Coronavirus getestet wurde, durfte er nach dem Training nicht einmal mehr die Dusche nehmen: Umgehend wurde der 21-Jährige in eine einwöchige Quarantäne abtransportiert.

In seinem Klub Paris-Saint-Germain (PSG) sind sieben Spieler betroffen. Dieses eine Mal sind sie repräsentativ für die französische Gesamtbevölkerung. Vor allem junge, urbane und gesellige Bürger stecken sich derzeit mit dem Virus an. Und zwar en masse: Nahezu 10 000 Neuinfektionen wurden in Frankreich allein am Donnerstag registriert – so hoch war die Zahl während der ersten Welle im Frühjahr nie. Die Zahl der Todesfälle betrug am Donnerstag nur 19 – eben weil die Betroffenen jünger, das heißt widerstandsfähiger, ja oft symptomlos sind.

Doch warum sind Länder wie Frankreich, Spanien und Italien stärker betroffen als etwa Deutschland? Die Auflagen der drei Regierungen sind nicht weniger strikt als im Süden, die Akzeptanz ist vergleichbar, wenn nicht besser. In der Provence, an der Côte d’Azur wie auch im Großraum Paris ist die Schutzmaske zum Beispiel längst auch auf der Straße obligatorisch.

Nicht die Strenge ist das Problem, sondern das Hin und Her der Behörden. In Frankreich war der Lockdown im Frühjahr so streng, dass gerade junge Südeuropäer die Sommerferien eifrig – und unvorsichtig – zur Kompensation benutzten, als die Beschränkungen fielen. Der PSG-Star Neymar steckte sich mutmaßlich auf Ibiza an. Ein Beispiel, wie das Pendel in Südeuropa nun zurückschlägt: Marseille, das der bekannte Virologe und Chloroquin-Verfechter Didier Raoult im Frühling als „Ausnahme“ von der Pandemie gelobt hatte, ist heute der stärkste Covid-Cluster im Land.

Dass auch Städte wie Paris und neuerdings auch Bordeaux exponentielle Neuinfektionen registrieren, ist kein Zufall: In diesen Ballungszentren lebt man sowohl auf der Straße wie auch in den kleinen Wohnungen viel näher beieinander als im Norden. Paris, wo sich auf einen Quadratkilometer 21 000 Einwohner drängen, ist die westliche Stadt mit der höchsten Wohndichte.

Viele Städter sind im Sommer aufs Land oder in den Süden gezogen. Diese Reisebewegung war noch stärker als die üblichen Reiseströme aus dem ausländischen Norden.

Indem Frankreich heute eine Million Menschen pro Woche testet, versucht es den Rückstand auf Länder wie Deutschland oder Südkorea, die anfangs des Jahres dank ihre Testdichte besser gefahren waren, wettzumachen.

Doch der Andrang auf die überforderten Testzentren ist in Frankreich jetzt so groß – oft wartet man stundenlang in langen Schlangen – , dass die Resultate oft erst nach gut einer Woche eintrudeln. Der angestrebte Warneffekt verpufft damit, die Neuinfektionen steigen weiter. Deshalb räumt Castex den Hauptbetroffenen nun Priorität ein.

Der Premier verhehlte nicht, dass in einzelnen Städten die Intensivbetten wieder rar werden. Altersheime schotten sich ab. Die neue Ansteckungswelle sorgt auch für neue Ängste: Vielenorts werden Kinder und Jugendliche panikartig von den Schulen nach Hause geschickt, nur weil ihnen die Nase läuft. Ökonomen sorgen sich auch um die französische Wirtschaft, die schon vor der Sommerpause schwer angeschlagen war.

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