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Waffen, Panzer und die Tricolore: Aufzug auf den Champs-Elysees in Paris im Jahr 2018

Frankreich

Frankreich feiert das Fest der Patrioten

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Am Sonntag feiert Frankreich seinen Nationalfeiertag wie üblich mit einer waffenstarrenden Truppenparade. Ein Spektakel für rechte Militaristen? Weit gefehlt.

Donald Trump war natürlich begeistert. Vor zwei Jahren, am 14. Juli 2017, nahm der US-Präsident auf Einladung seines Amtskollegen Emmanuel Macron an der Militärparade des französischen „Quatorze Juillet“ teil. Er mochte das farbenprächtige Défilé über die Pariser Champs-Elysées so sehr, dass er für den nationalen US-Feiertag des 4. Juli seine eigene Militärschau in Auftrag gab.

Und natürlich reagierte die US-demokratische Opposition überaus kritisch, als Trump den Anlass gleich für seine Wahlzwecke vereinnahmte. Dass die SPD oder die Grünen in Berlin zum Tag der Deutschen Einheit eine Machtdemonstration nationalen Selbstwertgefühls in Form einer Militärschau verlangen würden – schlicht unvorstellbar.

In Frankreich findet das die Linke normal. Für sie gehört die Truppenparade zum Nationalfeiertag wie der Camembert zu Frankreich. Als der liberale Präsident Valéry Giscard d’Estaing mit dem Ort des „défilé militaire“ experimentierte – 1974 und 1979 fand es zwischen Bastille und République statt – korrigierte ein Sozialist diesen Stilfehler: Präsident François Mitterrand ließ Elitesoldaten, Genietruppen und Fremdenlegionäre wieder in ihren Galauniformen über die Prachtavenue der Champs-Elysées defilieren.

Linke galten in Frankreich als die bessern Vaterlandsverteidiger

Gerade die französische Linke versteht bei den republikanischen Symbolen keinen Spaß. Der tiefere Grund dafür liegt, wie fast alles in Frankreich, in der Geschichte. Genau gesagt im glorreichen Jahr 1789. „Der Patriotismus im engeren Sinn ist in der großen Revolution entstanden“, befindet der Politologe Alain Duhamel. „Und die war nun einmal links.“

1793, also im Jahr II nach dem Revolutionskalender, riefen junge Ultrarepublikaner wie Danton, Carnot oder Hoche zur „levée en masse“, der Massenmobilisierung, auf. Damit wollten sie die Gefahr der Gegenrevolution von der Nation abwenden und im Gegenteil die neuen Ideen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in die Welt tragen.

Dieses Bewusstsein blieb antimonarchistisch und antiklerikal. Daran änderte sich in der Folge wenig. Nach der Revolution leitete Napoléon Bonaparte die republikanisch-jakobinischen Neigungen des revolutionsmüden Volkes geschickt auf seine Mühlen.

In der Restauration versuchten die Royalisten, das Nationalgefühl mit dem Gottesgnadentum und dem König als Vertreter zu koppeln. Das funktionierte nicht, oder nur äußerlich. Nach der Niederlage von Napoleon III. gegen die Preußen im Jahr 1870 errichtete die Linke die Dritte Republik, um die Nation zu retten. Es war ein „roter“, laizistischer und antireaktionärer Republikaner, Präsident Jules Grévy, der am 14. Juli 1880, dem Tag des Bastille-Sturms, erstmals eine Truppenparade über die Champs-Elysées organisierte. Er wollte der Welt und namentlich Deutschland zeigen, dass Frankreich wieder eine Armee hatte. Duhamels Fazit: „Während des ganzen 19. Jahrhunderts war der französische Patriotismus links.“

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Bis tief ins 20. Jahrhundert galten die Linken als die besseren Vaterlandsverteidiger. Im Ersten Weltkrieg wurde Frankreich von Georges Clémenceau geführt, der gegen die Kirche, die Rechte, die Antisemiten und die Kolonien antrat und 1918 als „Père de la Victoire“ (Vater des Sieges) gefeiert wurde. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte die Résistance unter Führung von Kommunisten und Gaullisten für das republikanische Ideal, während es das faschistoide Pétain-Regime in Vichy mit Füssen trat.

Der Linke Jean-Luc Mélenchon spielt ebenfalls mit nationalen Symbolen

Infrage gestellt wurde der militante, bisweilen militaristische Patriotismus der Linken erst durch den gesamteuropäischen Pazifismus von Mai 1968. Seither halten sich namentlich Grüne über den „Chauvinismus“ (so José Bové) des Quatorze Juillet auf. Jean-Luc Mélenchon von der Linksformation „La France insoumise“ (Das Unbeugsame Frankreich) geißelt zwar allgemein den Militarismus, spielt aber als guter Volkstribun ebenfalls mit nationalen Symbolen.

Einzelne Progressive und Pazifisten verlangen eine Änderung der Nationalhymne oder zumindest ihrer martialischen Passagen („Unreines Blut tränke unsere Furchen“). Aber das ist ein Randphänomen. Für die Mehrheit der Franzosen bleibt die 1792 von Claude Joseph Rouget de Lisle komponierte Marseillaise das Lied der Revolutionsarmee.

Würde man unter den Teilnehmern der Truppenparade auf den Champs-Elysées eine Publikumsumfrage erstellen, dürfte man sich nicht wundern, wenn die Hälfte der Zaungäste stolz erklärte, sie wähle links. Am Ende ihrer Wahlveranstaltungen singen die Sozialisten die Marseillaise so inbrünstig wie die Konservativen.

Ihre frühere Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal trat vor Jahren als Erste dafür ein, dass die Schüler bis in die Banlieue-Viertel die Nationalhymne auswendig lernen und vor dem Quatorze Juillet klassenweise singen sollen. Auf Weisung von Präsident Macron wurde dies im Juni für den neuen zivilen „Universaldienst“ in die Tat umgesetzt: Bei der Tagwache nach dem Hahnenschrei stimmen die 16-jährigen Absolventen die Marseillaise an.

Nach den Charlie-Hebdo- und Bataclan-Attentaten von 2015 war es ein sozialistischer Präsident – François Hollande – der wörtlich die „französische Seele“ beschwor. Den an sich nationalistischen Begriff hatten linke Republikaner Ende des 19. Jahrhunderts geprägt. Konservative Politiker oder Rechtspopulisten würden dafür heute kritisiert – aber aus dem Mund eines überzeugten Anhängers der Republik klingt der Ausdruck so richtig wie der flammende Patriotismus der Sansculotten vor 230 Jahren. Und wenn Sozialisten und Kommunisten in einem Gemeinderat „Allons enfants de la patrie“ anstimmen, um die Rechtsextremen zu übertönen, bleibt kein Auge trocken.

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In dem an der Loire gelegenen Dorf Sury-Près-Léré annullierte der fortschrittliche Bürgermeister vor zwei Jahren von sich aus das „republikanische Bankett“ des Nationalfeiertags – weil die 700 Einwohner bei den Präsidentschaftswahlen mehrheitlich für Marine Le Pen gestimmt hatten. 

Die hehren Werte stehen über jedem Argument

Der Dorfvorsteher befand seine Bürger für unwürdig, die Errungenschaften des Quatorze Juillet zu begehen: Seine Einwohner hatten in seinen Augen mit ihrer Wählerstimme die Republik „beschmutzt“.

Das heißt indessen nicht, dass der Quatorze Juillet ein todernstes republikanisches Ritual wäre. Schon am Vortag wird landauf und landab kräftig gefeiert. Die Feuerwehrleute öffnen ihre Depots am Abend des 13. Juli zu den traditionellen „bals des pompiers“, den Feuerwehrbällen. Dort tanzt das Volk bis in die frühen Morgenstunden. Nach der Marschmusik an der Truppenparade folgt abends noch in allen größeren Orten des Landes ein Feuerwerk zu Ehren und zum Ruhm der Republik.

Denn das republikanische Ideal ist ebenso „eins und unteilbar“, wie es Frankreich laut Verfassungstext ist. Deshalb halten die französischen Staatspräsidenten am Nationalfeiertag – anders als Trump vor zehn Tagen – auch keine hehre Rede: Die revolutionär-universelle Zivilisationsmission, die der Menschheit die hehren Werte der Liberté, Égalité und Fraternité beschert hat, steht weit über jedem politischen Argument, über jeder persönlichen Interpretation, und stamme sie vom hohen Staatschef.

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