Koloniales Erbe

Frankreich und seine Kolonien: „Mit dem Blut afrikanischer Sklaven“

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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Ein französischer Wissenschaftler klagt an: Sein Land verweigert sich der überfälligen Diskussion über die Ausbeutung der Kolonien.

  • Frankreich und Kolonialismus: Aktivistin hat einen Brief an Emmanuel Macron geschrieben.
  • Emmanuel Macrons Äußerungen über Frankreichs koloniale Vergangenheit.
  • Konfliktthema: Élysée-Palast von Sklaven aus Kolonien erbaut.

Paris - Seine Stimme ist sanft und ohne anklagenden Unterton. „Die historischen Fakten sprechen für sich“, sagt Louis-Georges Tin, betont aber gleichzeitig: Er ist gar kein Historiker. Was der Literaturwissenschaftler aus dem französischen Karibik-Department Martinique vor einem Jahr entdeckte und seither erforscht, ist eigentlich gar keine Entdeckung – alles ist öffentlich zugänglich. „Ich würde eher von einer Erkenntnis sprechen“, sagt der frühere Vorsteher des „Dachrates der schwarzen Organisationen Frankreichs“ (Cran). „Es gibt Dinge in der Geschichte, die liegen offen zu Tage, und doch will sie niemand sehen oder hören.“

Also hat Tin einen offenen Brief an den französischen Präsidenten Emmanuel Macron verfasst. Er informiert ihn darin, in welchen vier Wänden er eigentlich lebt. Denn der Bau des 300 Jahre alten Palais an der Rue du Faubourg Saint-Honoré in Paris war aus den Einnahmen des Sklavenhandels finanziert worden. Geldgeber war Antoine Crozat, genannt Marquis de Châtel, bekannt als reichster Franzose des beginnenden 18. Jahrhunderts. Er schuf den Stadtpalast für seine Tochter und deren Gatten, Louis-Henri de La Tour d’Auvergne.

Frankreich und der Kolonialismus: Kolonien wurden mit afrikanischen Sklaven beliefert

Weniger bekannt ist, dass Crozat ein „négrier“ war – ein Sklavenhändler. Sein Vermögen beruhte zu weiten Teilen auf dieser Aktivität. Crozat belieferte Karibikinseln wie Haiti sowie Louisiana. Die damals französische, nach König Ludwig XIV. benannte Kolonie war zeitweise im Privatbesitz des unternehmungsfreudigen Marquis. 1701 erhielt er auch das Recht, die spanischen Kolonien mit afrikanischen Arbeitskräften zu beliefern.

Tin zieht daraus seine Erkenntnis: Der weltberühmte Elysée-Palast, seit 1873 Amtssitz des französischen Staatschefs und stolz beflaggter Mittelpunkt der Republik, in dem heute alle Fäden der Nation zusammenlaufen und gezogen werden – er wurde laut Louis-Georges Tin „mit dem Blut von afrikanischen Sklaven“ finanziert. „In den Mauern des Elysées irren noch ihre Gespenster herum“, schreibt der Literaturprofessor der Universität Orléans, seine Faktentreue verlassend. Direkt wendet er sich nun an den Präsidenten: „Das Schweigen in Ihrem Palast hallt noch von den Schreien und dem Leiden deportierter Afrikaner wider.“

Emmanuel Macron im Élysee-Palast

Frankreichs Emmanuel Macron: „Sie sind Erbe dieser Geschichte.“ - Élysée-Palast mit Sklaven

Tin macht Emmanuel Macron keine Vorhaltungen. „Sie sind Erbe dieser Geschichte, Sie tragen keine Verantwortung“, schreibt er. Doch wie das Weiße Haus in Washington, an dem schwarze Sklaven mitgebaut hätten, sei der Elysée wegen seiner Funktion als Präsidialamt ein hochgradiges Symbol. Nicht nur die USA hätten eben eine Sklavenvergangenheit – und damit ein Problem mit dem polizeikritischen Slogan „Black Lives Matter“.

Zudem sei der Elysée kein Einzelfall: Viele Pariser „hôtels“ (Paläste), Banken und Institutionen seien dank „schmutzigem Geld“ aus dem Sklavenhandel entstanden. Dazu gehört ein Teil des Hotels Ritz, hat Tin herausgefunden. Oder die im Jahr 1800 gegründete Banque de France. Auf ihr Betreiben hin habe ihr Erstaktionär Napoleon Bonaparte die Sklaverei in Frankreich 1802 wieder zugelassen. Erst acht Jahre zuvor war sie im Zuge der französischen Revolution aufgrund des Gleichheitsgebotes abgeschafft worden.

Frankreichs ehemalige Kolonien: Das düstere Geschichtskapitel des Menschenhandels

Im Gespräch billigt Tin französischen Hafenstädten wie Nantes, Le Havre oder La Rochelle zu, dass sie sich heute bemühten, das düstere Geschichtskapitel des Menschenhandels aufzuarbeiten. Nantes errichtete 2012 ein Sklaverei-Memorial, Bordeaux, wo noch heute Nachfahren begüterter „négriers“ leben, weihte 2019 eine darauf hinweisende Großskulptur im Rathaus-Garten ein.

Nicht zu vergessen, begeht Frankreich seit 2006 jeweils am 10. Mai einen nationalen Gedenktag zur Abschaffung der Sklaverei. Durchgesetzt hatte ihn die damalige, aus dem Übersee-Departement Guyane stammende Justizministerin Christiane Taubira. Und die Stadt Paris plant im Tuilerien-Park sogar eine Mauer mit Inschriften der Namen der von französischen Schiffen deportierten afrikanischen Sklaven – nahe 1,3 Millionen Menschen.

Die Bewegung „Black Lives Matter“ bestärkt – und politisiert – diese Bestrebungen in Frankreich. Skulpturen und Straßennamen von „négriers“ werden landesweit attackiert. Namentlich Jean-Baptiste Colbert, der illustre Handelsminister von Sonnenkönig Ludwig XIV.: Heute gilt der Begründer des Merkantilismus auch als Autor des französischen „code noir“ (schwarzes Gesetzbuch), das Sklaven Möbeln gleichstellte.

Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron über Kolonialismus: „Verbrechen gegen die Menschheit“

Macron, der den Kolonialismus vor drei Jahren noch als „Verbrechen gegen die Menschheit“ bezeichnet hatte, lehnt die Neuschreibung der Geschichte und die Säulenstürze allerdings ab. „Wir müssen die Geschichte akzeptieren, so wie sie ist“, deklamierte er unlängst. Tins Antwort: Richtig, die Geschichte muss akzeptiert werden, Herr Präsident: „Sie leben im Palast eines Sklavenhändlers.“

Louis-Georges Tin hat Macron einen offenen Brief geschrieben.

Diese Einsicht fällt Frankreich allerdings schwer. Der Elysée ist der Kern des französischen Staates, sein politisches Machtzentrum. Dort lässt sich die Vergangenheit nicht einfach mit einer Gedenktafel beseitigen. Im Raum steht die Frage der – moralischen oder finanziellen – Wiedergutmachung. Ein Konfliktthema. Unter Louis-Georges Tin hatte der Cran schon vor Jahren eine Klage gegen den Baukonzern Spie Batignolles eingereicht. Dieser hatte im Kongo vor 100 Jahren eine Bahnlinie von Pointe-Noire nach Brazzaville gebaut, wobei 18 000 afrikanische Zwangsarbeiter unter unmenschlichen Bedingungen ums Leben kamen.

Eine weitere Klage richtet der Verband der Afrofranzosen gegen die „Caisse des dépôts et consignations“ (CDC), die Depositenbank des französischen Staates. Sie hatte vom bettelarmen Haiti 1804 umgerechnet 17 Milliarden Euro verlangt und erhalten, nachdem die Ex-Kolonie ihre Unabhängigkeit von Frankreich erkämpft hatte. Die astronomische Summe ging an die ausgewanderten französischen Siedler und Zuckerrohrpflanzer – die meisten von ihnen Sklavenhalter.

Frankreich und Kolonialismus: Finanzierung des Élysée-Palastes in Paris

Diese Klagen verlangen nebenbei auch Reparationen, in welcher Form auch immer. Bisher sind sie nicht weit gediehen. Das mediale Echo war sehr dürftig, eine politische Debatte darüber kam nie in Gang. Weil die Fakten zu weit zurückliegen? Weil sie zu unangenehm, zu schändlich sind für die Republik? Oder etwa, weil sie rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen könnten?

Auch über die Finanzierung des Elysée-Baus berichten die Pariser Medien kaum. Nur die Zeitung „Libération“ veröffentlichte Tins offenen Brief. In ihrer Online-Ausgabe war er sofort der am häufigsten gelesene Beitrag – Zeichen genug, dass sich die Französinnen und Franzosen durchaus für das „historische“ Thema interessieren.

Andere Medien sprangen trotzdem nicht auf das Thema an. Tin wundert sich selbst, dass er seither aus Spanien, England und dem Senegal Presseanfragen erhalten hat – aber nicht aus Frankreich. Der heutige Ehrenpräsident des Cran hat ein gewisses Verständnis dafür, dass ein direkt betroffenes Land mehr Mühe mit der Anerkennung der historischen Wahrheit habe als ein anderes. Aber, findet er mit Blick auf Macrons Diktum: „Es sollte doch nicht so schwer sein, die eigene Geschichte zu akzeptieren.“ Vielleicht ist es im Gegenteil mit das Schwierigste.

Böses Blut zwischen Nachbarn im Regenwald: Bolsonaro wirft Macron Kolonialismus vor.

Rubriklistenbild: © Christophe Ena / dpa

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