1. Startseite
  2. Politik

Rechte Anfeindungen gegen Frankreichs neuen Bildungsminister

Erstellt:

Von: Stefan Brändle

Kommentare

„Eher cool als woke“: Pap Ndiaye. (Foto: Ludovic Marin / AFP)
„Eher cool als woke“: Pap Ndiaye. © Foto: Ludovic Marin/AFP

Die Nominierung des französischen Ministers Pap Ndiaye sorgt in Paris für eine heftige Polemik.

Paris – Alle Kameras waren am Montag (23. Mai) in Paris auf ihn gerichtet: Bildungsminister Pap Ndiaye war der Star der ersten Regierungssitzung unter dem wiedergewählten Staatschef Emmanuel Macron. Ein Star wider Willen: Der 56-jährige Geschichtsprofessor, Sohn eines Senegalesen und einer Französin, Bruder der in Berlin wohnhaften Starautorin Marie NDiaye (die ihren Namen leicht anders schreibt), ist Ziel einer wüsten Polemik.

Ndiaye war am Freitag kaum ernannt, da fiel die Rechtspopulistin Marine Le Pen schon über ihn her. Seine Berufung sei „erschreckend“, denn der neue Minister vertrete den amerikanischen „Wokismus“. Der rechte Ex-Präsidentschaftskandidat Eric Zemmour schalt Ndiaye einen „Rassialisten“, der alles auf die Frage der Hautfarbe zurückführe; und Eric Ciotti von den bürgerlichen Republikanern bezeichnete ihn als „Links-Islamisten“ (islamogauchiste).

Frankreichs Bildungsminister: Pap Ndiaye beschreibt sich als „eher cool als woke“

Erschreckend war vor allem die sachliche Unkenntnis dieser Kritik. Ndiaye ist, wie der Zentrumspolitiker Jean-Louis Bourlanges klarstellte, ein angesehener Akademiker, der an der Elite-Uni Sciences Po unterrichtete, bevor er Direktor des Immigrationsmuseums in Paris wurde. Sein Spezialgebiet war die Rassen- und Minderheitenfrage in den USA, wo er breite Feldstudien betrieb. Diese „black studies“ brachte er nach Frankreich.

Im Jahr 2012 votierte Ndiaye für den gemäßigten sozialistischen Expräsidenten François Hollande. Ndiaye beschreibt sich als „eher cool als woke“. Am Freitag brachte er in einer ersten Stellungnahme eine Hommage an den von einem Islamisten ermordeten französischen Geschichtslehrer Samuel Paty.

Frankreichs Bildungsminister Pap Ndiaye: Vorsteher eines gewaltigen Verwaltungsapparats

Frankreich hatte schon andere schwarze Minister, etwa Kofi Yamgnane, Rama Yade oder in der Kolonialzeit Léopold Sédar Senghor. Pap Ndiaye wird attackiert, weil er Bildungsminister und Vorsteher der „Education Nationale“ ist. Dieser Verwaltungsapparat von mehr als einer Million Lehrer:innen und Beamt:innen ist Symbol, Stützpfeiler und Stolz der ganzen Republik.

Die meisten Debatten der französischen Gesellschaft finden dort ihren Ursprung oder zumindest ihre Fortsetzung. Bis spät ins 20. Jahrhundert rezitierten auch afrikanische Schulkinder den gutrepublikanischen Spruch von „unseren Vorfahren, den Galliern“ (nos ancêtres les Gaulois).

Frankreich: Macron versucht durch Ndiaye die Wählerschaft in den Vorstädten für sich zu gewinnen

Dass ein Schwarzer nun den Apparat der Bildungsnation Frankreich leitet, kommt deshalb Einzelnen noch heute wie eine Umkehrung der Verhältnisse vor. Andere Französinnen und Franzosen lächeln über die „republikanische“ Geschichtsverdrehung der gallischen Urväter Afrikas. Etwas geblieben scheint davon aber trotzdem: Sonst würde die Nominierung eines Afrofranzosen nicht über Kolonialnostalgiker hinaus als Anmaßung gegenüber dem hohen Bildungs- und Zivilisationsanspruch Frankreichs empfunden. In Wirklichkeit gab es in der Geschichte der Fünften Republik kaum einen Schulminister, der einen so hohen Bildungsgrad vorweisen konnte wie Ndiaye.

In einem gewissen Sinn wird Ndiaye aber durchaus als ein Alibi instrumentalisiert - von Emmanuel Macron selbst. Der wiedergewählte Präsident bringt zwar ehrliches Engagement für die Chancengleichheit und die Förderung der Banlieue-Jugend mit; die Kolonisierung hat er als „Verbrechen gegen die Menschheit“ bezeichnet. Vor den Parlamentswahlen im Juni ist Macron aber auch bemüht, speziell die Wähler:innen aus den Einwandererzonen anzusprechen. Sie haben bei den Präsidentschaftswahlen von April vorwiegend für den Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon gestimmt. Wiederholt sich das im Juni in den Banlieues, müsste ihn Macron wohl zu seinem Premierminister ernennen – ein Alptraum für den Präsidenten. Diesem Umstand verdankt Ndiaye seine Ernennung. Sie ist ein klares Signal an die Vorstädte, dass Macron ihre Sicht stärker berücksichtigen will. Mit der Ndiaye-Polemik scheint sein Kalkül durchaus aufzugehen. (Stefan Brändle)

Auch interessant

Kommentare