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Viele Arbeitnehmer könnten nun aus London nach Frankfurt kommen.

Großbritannien verlässt die EU

Frankfurt wird vom Brexit profitieren

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Rund 62.000 Banker gibt es derzeit etwa in Frankfurt. Nach dem Brexit dürfte sich das binnen weniger Jahre deutlich ändern. Goldman Sachs, J.P. Morgan und natürlich die Deutsche Bank werden wahrscheinlich tausende Stellen verlagern.

In der Londoner City haben sie den Brexit am meisten gefürchtet. Das wichtigste Finanzzentrum Europas lebt auch davon, dass die dort ansässigen Banken aus aller Welt einen Zugang zum europäischen Markt haben. Sprich: Mit einer Bankenlizenz in der britischen Hauptstadt können britische, amerikanische oder asiatische Banken auch überall auf dem Kontinent Geschäfte machen, das garantiert bisher der „EU-Passport“. Wenn der wegfällt, ginge es ohne eine Bankenlizenz auf dem Kontinent nicht weiter. Das gilt auch für britische Institute.

Schon seit Monaten wird deshalb spekuliert, ob der Finanzplatz Frankfurt der große Krisengewinner sein wird, wenn die Briten ihre Verbindungen zur EU kappen. 70.000 Arbeitsplätze, die in London mit der Finanzindustrie verbunden sind, könnten verloren gehen, hat das Beratungsunternehmen PwC errechnet.

Brexit "mit einem lachenden Auge sehen"

Der Standort-Lobbyverband „Frankfurt Main Finance“, der ebenfalls seit Monaten die Chancen betont, die ein Brexit für den Finanzplatz Frankfurt hätte, geht binnen fünf Jahren von 10.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen für die Branche in der Rhein-Main-Region aus. Derzeit gibt es rund 62.000 Banker in Frankfurt. Deshalb rechnet „Frankfurt Main Finance-Geschäftsführer“ Hubertus Väth mittelfristig mit einem großen Schub. „Natürlich ist der Brexit weder gut für Großbritannien noch für Europa“, sagte er am Freitag. Aber aus Frankfurter Sicht „kann man das auch mit einem lachenden Auge sehen“.

Fragte man am Freitag Banker, so haben die meisten nicht mit dem Brexit gerechnet. „Wir wurden völlig auf dem falschen Fuß erwischt“, sagte am Morgen ein Vertreter einer Auslandsbank und beschrieb damit ziemlich genau, weshalb am Freitag die Aktienmärkte und das britische Pfund weltweit auf Talfahrt gingen.

Vorbereitet auf die möglichen langfristigen Konsequenzen haben sich die Geldhäuser dagegen schon. In den Schubladen liegen Szenarien, was die mögliche Verlagerung von Stellen und Geschäften aus London an andere Standorte angeht. Umgesetzt werden sie aber erst, wenn sich abzeichnet, wie die Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU künftig aussehen werden.

John Cryan, Vorstandschef der Deutschen Bank, sagte seinen Mitarbeitern am Morgen: „Trotz des Ergebnisses der Abstimmung gehen wir derzeit nicht davon aus, dass wir unsere Struktur oder unser Geschäftsmodell in Großbritannien kurzfristig wesentlich ändern müssen.“ Mittel- und langfristig jedoch dürfte ein Teil der mehr als 8000 Mitarbeiter der Deutschen Bank in London wohl nach Frankfurt wechseln. Das hatte Cryan schon vor Monaten in einem Interview zum Brexit gesagt.

"Massive Verlagerung"

Auch amerikanische Investmentbanken wie Goldman Sachs und J.P. Morgan werden über kurz oder lang vor der Frage stehen, ob und wenn ja, wohin sie demnächst einen Teil ihrer Belegschaft verlagern werden. Für Goldman sind 6500 Mitarbeiter in der Londoner City tätig und nur 200 in Frankfurt. Richard Gnodde, Co-Europa-Chef, hat bereits erklärt, er werde bei einem Brexit ganz sicher mehr Ressourcen nach Frankfurt stecken.

„Frankfurt Main Finance“-Geschäftsführer Väth sieht mehrere Felder, auf denen Frankfurt von einem Bedeutungsschwund Londons profitieren wird. Den größten Effekt werde es im Derivate-Geschäft geben. Ein großer Teil der in Euro gehandelten Papiere werde bislang in London abgewickelt, doch die EZB werde in Zukunft darauf bestehen, dass dies in der EU stattfinde – laut Väth „ein billionenschwerer Markt“, für den die Banken künftig ganze Einheiten nach Frankfurt verlagern müssten.

Wegen des „EU-Passports“ werde es zu einer „massiven Verlagerung der Entwicklung und Zulassung von Finanzprodukten nach Frankfurt kommen“, schätzt Väth. 30 Auslandsbanken in Frankfurt operieren laut ihrem Verband mit dem Passport. Sie müssen nun klären, ob ihre Strukturen noch funktionieren.

„Frankfurt Main Finance“ möchte möglichst viele Banken dazu bewegen, dass sie sich gegen Paris, Dublin oder Luxemburg entscheiden und nach Frankfurt kommen. Leerstehende Büros gibt es nach Väths Einschätzung in Frankfurt genug.

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