+
Blumen und Lichter erinnern einen Tag nach dem Verbrechen an dem achtjährigen Jungen, der vor einen ICE gestoßen wurde.

Attacke von Frankfurt

Nach dem Verbrechen am Frankfurter Hauptbahnhof: Mehr Sicherheit – aber wie?

  • schließen
  • Rasmus Buchsteiner
    Rasmus Buchsteiner
    schließen

Obwohl die Gewerkschaft der Polizei vor Aktionismus warnt, werden neue Forderungen nach mehr Videoüberwachung und mehr Kontrollen in Bahnhöfen erhoben.

Es ist der Tag, an dem es um Konsequenzen geht. „Wir alle sind noch tief bestürzt von diesem kaltblütigen Mord gestern am Frankfurter Hauptbahnhof“, beginnt Innenminister Horst Seehofer (CSU), als er am Dienstagnachmittag vor die Kameras tritt. „Ein solches Ereignis macht uns alle fassungslos und trifft uns mitten ins Herz.“

Wenn ein Bundesinnenminister seinen Sommerurlaub unterbricht, um in die Hauptstadt zurückzukehren, hat dies immer auch symbolische Bedeutung: Die Lage ist ernst. Und die Republik ist aufgewühlt nach diesem Verbrechen.

Zuvor hatte Seehofer sich mit den Chefs der deutschen Sicherheitsbehörden ausgetauscht. Dabei ging es nicht nur um den Fall von Frankfurt, sondern auch um andere Gewaltdelikte. Seehofer beklagt eine allgemeine Verrohung in der Gesellschaft und mahnt zur Behutsamkeit in der öffentlichen Debatte. Es gelte, Ausländerkriminalität nicht zu instrumentalisieren, aber auch nicht zu verharmlosen.

Es ist auch der Tag, an dem es um Fragen zum Täter geht. Laut Bundespolizeipräsident Dieter Romann ist der Täter – A. – 1979 in Eritrea geboren worden, war wohnhaft in der Schweiz, nachdem er 2006 illegal eingereist war und dort zwei Jahre später Asyl erhielt. Seehofer fügt hinzu, der Mann habe als „Musterbeispiel gelungener Integration“ gegolten. Zuletzt war er aber auch durch Gewalttaten polizeibekannt gewesen. Die Schweizer Behörden hätten seit Tagen nach ihm gesucht.

Attacke von Frankfurt: Mutmaßlicher Täter in psychiatrischer Behandlung

Bekannt wurde am Dienstagnachmittag zudem, dass der mutmaßliche Täter in diesem Jahre in psychiatrischer Behandlung gewesen war. Wie die Kantonspolizei Zürich am Dienstag mitteilte, seien bei einer Hausdurchsuchung Dokumente gefunden worden, die darauf schließen lassen.

Horst Seehofer kündigte in Berlin Konsequenzen an. Geplant seien Maßnahmen, um die Sicherheit an den 5600 Bahnhöfen in Deutschland wirksam zu verbessern. Dazu werde es nun Gespräche mit dem Bundesverkehrsministerium und der Deutschen Bahn geben. „Wir haben die moralische Verantwortung, das Menschenmögliche für mehr Sicherheit zu tun“, so der CSU-Politiker.

Für das Sicherheitsgefühl der Menschen seien mehr Polizeipräsenz und mehr Videoüberwachung auf Bahnhöfen unverzichtbar. Technische Sicherungen an Bahnhöfen sollten nicht zum Tabu erklärt werden. „Wenn es um Menschenleben geht, gefällt mir das Argument mit dem Geld überhaupt nicht“, betonte Seehofer.

So unklar die Hintergründe der Bluttat von Frankfurt auch sein mögen, so drängend stellt sich die Frage, wie auf Deutschlands Bahnhöfen für mehr Sicherheit gesorgt werden kann. Im Berliner Bahn-Tower hält man Forderungen, Bahnsteige künftig nur noch für Ticketinhaber zu öffnen und nach dem Vorbild anderer Länder an den Zugängen Drehkreuz und Absperrungen aufzustellen, für nachvollziehbar, aber kaum praktikabel. Mehr Sicherheitskräfte, mehr Polizei – so die sich die wiederholenden Forderungen. SPD-Verkehrspolitiker Martin Burkert fordert in der „Bild“, die Bahn müsse „die Aufsicht an Bahnsteigen“ wieder verstärken.

„Eine bessere Aufsicht würde schon mal helfen. Außerdem fehlen Bundespolizisten“, so Burkert. Auch FDP-Expertin Daniela Kluckert, Vizechefin des Verkehrsausschusses im Bundestag, verlangt, die Bundespolizei solle auf Bahnhöfen und in Bahnen stärker präsent sein.

Doch es gibt auch andere Stimmen. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) warnt vor übereilten Sicherheitsversprechen. „Wir haben in Deutschland 5600 Bahnhöfe und Haltestellen“, sagte der stellvertretende Bundesvorsitzende der GdP, Jörg Radek, dem RND. „Die sind alle so unterschiedlich strukturiert, dass es schwer sein dürfte, ein Konzept für alle zu entwickeln.“

Attacke von Frankfurt: Mutmaßlicher dem Haftrichter vorgeführt

Der Chef des GdP-Bezirks Bundespolizei hält Forderungen nach mehr Personal in diesem Zusammenhang für unseriös. „Wahrscheinlich würden auch mehr Polizisten solch eine Tat nicht verhindern können“, sagte Radek dem RND. Täter, die Menschen vor Bahnen schubsten, seien „Verbrecher mit hoher krimineller Energie“.

Aus Großstädten wie Berlin wären Fälle sogenannter S- oder U-Bahn-Schubser schon länger bekannt. „Die Polizei“, so Radek, „versucht sich nach jedem Fall präventiv besser einzustellen. Bei Taten, die vorsätzlich geschehen, stößt sie jedoch an ihre Grenzen. Wir müssen jetzt aufpassen, dass es nicht zu Nachahmungstaten kommt.“

Lesen Sie auch den Kommentar zur Attacke von Frankfurt: Hetzer, haltet mal den Mund!

Der mutmaßliche Täter von Frankfurt wurde am Dienstag dem Haftrichter vorgeführt. Ihm werde Mord und Mordversuch in zwei Fällen vorgeworfen, sagte die Sprecherin der Frankfurter Staatsanwaltschaft, Nadja Niesen, am Dienstag. Was er in den Tagen vor der Tat in Frankfurt gemacht hat, weiß die Staatsanwaltschaft bislang nicht. Zum Tatmotiv machte der Festgenommene keine Angaben. Er habe zum Zeitpunkt der Tat nicht unter Drogeneinfluss gestanden. Ein Atemalkoholtest, dem der Tatverdächtige freiwillig zustimmte, ergab 0,0 Promille. „Er wird psychiatrisch begutachtet“, betonte Niesen.

Die Polizei wertet aktuell weitere Bilddateien aus und befragt Zeugen. Auf einen Aufruf sei mindestens ein Video bei den Ermittlern eingegangen, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Darüber, wie es dem Lokführer geht, der den Unglückszug fuhr, hat die Staatsanwaltschaft keine Erkenntnisse.

Lesen Sie auch

Notfall-Seelsorge: „Das Leben ist von einer Sekunde zur anderen nicht mehr das, was es war“

Schreie und Tränen am Gleis 7: Nach dem Drama am Frankfurter Hauptbahnhof sind Augenzeugen und Reisende fassungslos

Psychologe über ein mögliches Motiv: „Die Täter sind in einem anderen Modus“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion