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Als erstes widersetzte sich die „Sächsische Zeitung“ 2016 und nennt seitdem immer die Nationalität. Sie begründet das damit, dass die meisten Leser bei Nichtnennung der Herkunft automatisch von Flüchtlingen als Tätern ausgingen.

Berichterstattung

„Der Mann aus Eritrea“: Medienbranche diskutiert nach der Tat über Prinzipien

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Der Presserat empfiehlt, die Herkunft eines Täters „in der Regel“ nicht zu erwähnen - es sei denn, es bestehe ein „begründetes öffentliches Interesse“.

„Der Mann aus Eritrea …“ oder „Der Täter, der afrikanischer Abstammung gewesen sein soll …“ – solche Formulierungen las und hörte man am Montag schon wenige Stunden nach der Gewalttat am Frankfurter Hauptbahnhof fast überall - ob auf Bild.de oder in der Tagesschau. Die Selbstverständlichkeit, mit der fast alle Medien die Herkunft des Täters nannten, noch bevor nähere Erkenntnisse über Tat und Motiv bekannt waren, sorgt nun medienintern für Diskussionen. Beugen sich Journalistinnen und Journalisten Druck von rechts? Oder gehen sie lediglich ihrer Pflicht nach, in einem Fall, der „die gesellschaftliche Debatte in Deutschland prägen wird [...], die Wahrheit vollständig darzustellen“, wie Ines Pohl von der Deutschen Welle kommentierte?

Hendrik Zörner, Pressesprecher des Deutschen JournalistenVerbands (DJV) ist überzeugt: „Vor fünf Jahren hätten weder die Polizei noch die Presse sofort über die Nationalität des Verdächtigen berichtet.“ Damals habe sich ein Großteil der Redaktionen noch an den Vorgaben des Deutschen Presserats orientiert. Der empfahl, die Herkunft eines Täters „nur dann“ zu erwähnen, wenn ein „begründbarer Sachzusammenhang“ zur Tat gegeben sei.

Doch dann wurde Kritik an der Richtlinie immer lauter. Irgendwann kam der „Dammbruch“, so Zörner. Als erstes widersetzte sich die „Sächsische Zeitung“ 2016 und nennt seitdem immer die Nationalität. Sie begründet das damit, dass die meisten Leser bei Nichtnennung der Herkunft automatisch von Flüchtlingen als Tätern ausgingen. Ähnlich argumentierte die Deutsche Presse-Agentur. Und Anfang 2017 folgte der Presserat. In der Novelle seiner Richtlinie 12.1 heißt es nun, die Zugehörigkeit von Tatverdächtigen zu einer ethnischen oder religiösen Minderheit solle „in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse“.

Tat am Hauptbahnhof Frankfurt: Frage nach Nationalität meistgestellte Frage

Nach Einschätzung von DJV-Sprecher Zörner ist das keineswegs ein Einknicken vor rechten Demagogen. Das Ziel bleibe, Diskriminierungen und Verallgemeinerungen zu vermeiden. Problematischer sei, dass sich seiner Beobachtung nach immer weniger Redaktionen überhaupt an ihr orientierten. „Ich hatte bei der Berichterstattung gestern oft das Gefühl, dass die Diskussion überhaupt nicht mehr geführt wird.“ Gerade der Onlinejournalismus produziere ein Verlangen nach „Breaking News“ - und nicht immer würden dabei journalistische Maßstäbe eingehalten. Wenn allerdings die Polizei Informationen über die Herkunft herausgebe, geisterten sie sofort durchs Netz. Medien machten sich dann lächerlich, wenn sie nicht darüber berichteten.

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Ein Sprecher der Frankfurter Polizei sagte dagegen, seine Behörde habe nach der Tat zunächst andere Informationen für relevanter gehalten als die Herkunft des Verdächtigen. Allerdings sei schon kurz nach der Tat klar geworden, dass die Frage nach der Nationalität vielen Medienleuten „sehr unter den Nägeln gebrannt“ habe. „Es war die meistgestellte Frage des Tages“, sagte der Beamte. Grundsätzlich orientiere sich auch Frankfurts Polizei am Presserat und nenne die Herkunft nur, wenn ein Zusammenhang zur Tat oder ein besonderes öffentliches Interesse bestehe - was in diesem Fall gegeben gewesen sei.

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