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Der Sarg wird aus dem Mausoleum getragen.

Spanien

Francos letzter Auftritt

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Der Leichnam des spanischen Diktators wird in einer geschmacklosen Zeremonie umgebettet. Das demokratische Spanien muss den Hohn der Faschisten ertragen.

Um zwanzig nach zehn verschwand der letzte Franco hinter der kleinen Tür im großen Eingangstor zur Basilika im Valle de los Caídos, im „Tal der Gefallenen“. Danach gab es fürs Publikum zweieinhalb Stunden lang nichts zu sehen. Im Inneren der Basilika wurde der Sarg Francisco Francos aus seiner Grabstätte hinterm Altar hervorgeholt, und außer 22 Angehörigen des Diktators und ein paar Offiziellen sollte niemand das sehen. Ganz anders als bei der Beerdigung vor 44 Jahren, am 23. November 1975, einem Staats- und Propagandaakt mit Zehntausenden Teilnehmern, der in alle spanische Wohnzimmer ausgestrahlt wurde. „Ich war damals zehn“, erzählt Emilio Silva, „wir saßen vor dem Fernseher, sahen, wie Franco ins Grab hinabgelassen wurde, und fragten uns: Was kommt jetzt?“

Was kam, war die Transición, der Übergang zur Demokratie. Zum Geist der Transición gehörte es, möglichst niemandem wehzutun, vor allem nicht Vertretern des alten Regimes, von denen niemand je zur Rechenschaft gezogen wurde, nicht mal symbolisch. Franco blieb unbehelligt in seinem Grab im Altarraum der Basilika, die er in einen Bergfels nordwestlich von Madrid hatte treiben lassen. Ein scheußliches Symbol seiner Macht, in dem er die Überreste von mehr als 30 000 Bürgerkriegsopfern anonym verscharren ließ. „Gestorben für Gott und Vaterland“ steht heute noch auf Marmortafeln in der Basilika. In Wirklichkeit waren die dorthin Verfrachteten gestorben, weil sich 1936 rechte Militärs – deren Führung nach kurzer Zeit Franco übernahm – gegen die Republik erhoben hatten. Franco siegte, und als unübersehbares Zeichen seines Sieges ließ er das Valle de los Caídos bauen, gekrönt von einem 150-Meter-Betonkreuz.

Spaniens Demokraten fanden sich mit der Verherrlichung des Diktators ab, weil sie doch die Demokratie wiederhatten und weil sie einen neuen Bürgerkrieg fürchteten, falls sie zu tief in der Geschichte wühlen sollten. 44 Jahre blieb die Leiche Francos unbehelligt. Bis zu diesem Donnerstag. Um 12.53 Uhr öffnete sich das große Tor der Basilika. Auf den Schultern von acht Franco-Nachfahren schwankte der Sarg ins Freie hinaus. Das Ende eines grausigen Mausoleums.

„Ich freue mich, dass Franco aus dem Valle de los Caídos verschwunden ist“, sagt Emilio Silva. Er ist der Gründer des „Vereins zur Wiedererlangung des Historischen Gedächtnisses“, der mehr als 9000 Opfer Francos aus ihren anonymen Gräbern in Straßengräben oder auf offenem Feld exhumiert hat. Er hat den entscheidenden Anstoß zu einem Sinneswandel in Spanien gegeben, Anstoß für die Erkenntnis, dass sich die Vergangenheit nicht ignorieren lässt, egal, wie Spaniens Rechte das empfindet. Als im Juli 2018 der Sozialist Pedro Sánchez die Macht übernahm, kündigte er als eine seiner ersten Amtshandlungen an, Franco aus dem Valle de los Caídos herauszuschaffen.

So schnell ging es dann nicht, weil die Familie klagte, was das Zeug hielt. Vor einem Monat erst gab der Oberste Gerichtshof der Regierung recht. Danach wurde ausführlich über die Modalitäten der Umbettung verhandelt, was Silva „ziemlich feige“ findet. Herausgekommen sei eine Veranstaltung ganz „im Geiste der Transición“ – also: ohne allzu sehr wehzutun. Für die Franco-Familie sei das eine „goldene Minute“ der Propaganda gewesen.

Es werden vier goldene Minuten: Die acht Männer treten aus dem Fels, den Sarg aus Holz, darin ein Zinksarg, auf den Schultern, drauf ein Kranz mit rotgelben Schleifen, ein paar Schritte über den leeren Vorplatz, zehn Stufen hinab zum Leichenwagen; der franquistische Prior des Benediktinerordens der Basilika besprengt den Sarg mit Weihwasser, die Angehörigen bekreuzigen sich und rufen: „Viva Franco, Viva España!“ Ganz Spanien muss die Szene über alle großen TV-Kanäle verfolgen. Im Hintergrund sieht man Justizministerin Dolores Delgado mit säuerlicher Miene.

Eine Dreiviertelstunde später hebt der Hubschrauber der Luftwaffe ab, der den Sarg nach El Pardo bringt, einen Außenbezirk Madrids, keine 20 Flugminuten vom Valle de los Caídos entfernt. Von El Pardo aus regierte Franco Spanien; es ist ein kleiner Ort, an dessen Rand der Friedhof Mingorrubio liegt, auf dem der Kleinbürger Franco an diesem Tag zum zweiten Mal bestattet wird.

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