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FR-Autor Stephan Hebel geht in Rente: „Warum nicht optimistisch sein? Trotz dieser Scheißlage“

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Von: Michael Bayer, Thomas Kaspar, Karin Dalka

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Januar 2017: Stephan Hebel live in der „Aktuellen Stunde“ – eine Veranstaltungsreihe im Frankfurter Club Voltaire.
Januar 2017: Stephan Hebel live in der „Aktuellen Stunde“ – eine Veranstaltungsreihe im Frankfurter Club Voltaire. © Andreas Arnold

Der politische Autor Stephan Hebel über Pazifismus und Visionen, die Überwindung des Kapitalismus - und warum er auch jetzt als Rentner nicht von der Frankfurter Rundschau loskommt

Stephan, wie bist du zur Frankfurter Rundschau gekommen?

Ich habe mit 14 Jahren einen Limerick geschrieben und an die FR geschickt – mit der Schreibmaschine, die ich zu Weihnachten bekommen hatte. Die FR wurde bei uns zu Hause gelesen, und ich wollte irgendwann mal etwas in dieser Zeitung veröffentlichen. Aber der Limerick wurde nicht gedruckt.

Gibt es den Limerick noch?

Nein. Ich weiß nur noch, dass die Schreibmaschine Monica hieß.

Wie Stephan Hebel zur Frankfurter Rundschau kam

Wie war der zweite Anlauf zur FR?

Mit 19 Jahren, das war im Jahr 1975, bin ich in einen Volkshochschulkurs gegangen – für Menschen, die Pressearbeit in Vereinen machen wollten. Er wurde geleitet von Adolf Karber, der damals für die Stadtteilseiten der FR verantwortlich war und sich als Volontärsvater um die Ausbildung gekümmert hat. In seinem Kurs durfte man einen Text schreiben, der es, wenn man Glück hatte, in die Frankfurter Rundschau schaffte. Ich schrieb über die vielen Menschen, die sich freitags mittags wegen der Wohnungsanzeigen die Vorab-Wochenendausgabe der FR holten. Wenn sie zu zweit waren, besetzte einer die nächste Telefonzelle, die andere besorgte die Zeitung. Dann wurde gerannt und angerufen. Seit diesem Artikel war ich freier Mitarbeiter - auch die ganze Zeit während meines Studiums.

Danach Volontär, Redakteur, Berlin-Korrespondent, stellvertretender Chefredakteur, Textchef, politischer Autor ... Du bist immer bei der FR geblieben, bis zu deinem Renteneintritt zum 1. April. Kommt man von der Zeitung nicht los?

Ich hatte das Glück, viele verschiedene Dinge machen zu können. Außerdem hatte ich von Jugend an eine tiefe Bindung zu dieser Zeitung, die aus einem antifaschistischen Geist gegründet worden war. Ich wüsste nicht, wo ich sonst hätte hingehen sollen. Nirgendwo sonst ist dieser Geist von Antifaschismus, friedlicher Konfliktlösung, sozialem Zusammenhalt und Kritik an Mächtigen so eindeutig prägend wie bei der Frankfurter Rundschau.

Stephan Hebel: Was ein guter Leitartikel braucht

Damit sich die Leserinnen und Leser die Arbeit in der Redaktion besser vorstellen können, bitten wir dich, einige Sätze zu vervollständigen. Beginnen wir mit: Einen Tag in der FR überlebt man nicht ohne …

Ihr lasst mich eine Sekunde nachdenken.

Ist das das Satzende?

… Witz! Die Antwort lautet Witz!

Am Redaktionsalltag werde ich am meisten vermissen …

… das soziale Umfeld. Die Gesprächsfetzen, die man im Laufe eines Tages so austauscht.

Ein guter Leitartikel kommt nicht aus ohne …

… Visionen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass guter Journalismus nur funktioniert, wenn er sich nicht die Köpfe an der Politik zerbricht und die Grenzen des vermeintlich Möglichen zum Maßstab macht, sondern die Dinge auch an einem Ideal misst – gerne an einer eigenen Vision von einer besseren Welt. Das gehört zur Tradition der Frankfurter Rundschau – und nur so kann distanzierter Journalismus mit Haltung gelingen.

Letzter Halbsatz: Journalismus als Beruf würde ich …

… sofort wieder wählen!

Wie Stephen Hebel den Ukraine-Krieg einordnet

Zu den Visionen, von denen du sprichst, gehört auch die von einer friedlicheren Welt. Du hast im Laufe deiner Karriere über viele Kriege berichtet. Wie ordnest du den Krieg in der Ukraine ein? Hat er deine pazifistische Haltung verändert?

Dazu muss ich zunächst sagen: Ich bin wahrscheinlich kein Pazifist. Denn ich bin in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass es eines furchtbar opferreichen Abwehrkrieges bedurfte, um Deutschland vom Faschismus zu befreien. Daraus konnte ich nicht in einer plumpen Weise die Schlussfolgerung ziehen: nie wieder Krieg! Aber ich war tatsächlich in den allermeisten Fällen gegen die Kriege, mit denen ich mich journalistisch beschäftigen musste, weil ich sie eben nicht in der Tradition der Befreiung sehen konnte. Das gilt – mit Einschränkung – für Afghanistan, für den Irakkrieg oder auch den völkerrechtswidrigen Einsatz im Kosovo. Ich hatte immer tiefste Zweifel, dass da die Schwelle überschritten wird, bei der Gewalt das einzige Mittel ist, um Gewalt zu bekämpfen.

Gilt das auch für die Ukraine?

Mir ist am Beispiel Ukraine deutlich geworden, dass es Grenzen der Möglichkeiten gibt, Konflikte ohne den Einsatz von Gewalt zu bearbeiten. Ich halte es unter Schmerzen für nachvollziehbar, dass Deutschland jetzt Waffen zur Verteidigung an die Ukraine liefert. Das fällt mir schwer, aber es leuchtet mir ein. Von einem sollten wir uns allerdings nicht abbringen lassen: Wir müssen auch die Frage stellen, ob wir – der Westen, die Nato – am Scheitern einer gesamteuropäischen Friedensordnung mit Schuld tragen. Und wenn ja: Kann es nur an zu wenig Rüstung gelegen haben oder nicht doch an zu viel? Ich finde, diese Frage wird im Moment zu wenig gestellt – auch medial. Ich habe darauf keine klare Antwort. Aber ich erschrecke, wenn vor allem Menschen, die sich irgendwann mehr oder weniger dem pazifistischen Lager zugeordnet haben, jetzt meinen, es müsste nun alles, alles falsch gewesen sein, was sich gegen den Versuch wendet, eine Konfrontation mit militärischer Aufrüstung zu bearbeiten. Ich finde es höchst gefährlich, wenn manche Fragen nicht mehr gestellt werden, zum Beispiel ob die Ausweitung der Nato-Tätigkeit bis an die russische Grenze richtig oder falsch war. Das rechtfertigt nichts, schon gar nicht Putin. Aber die Fragen müssen wir dennoch stellen.

Ist es ein Segen oder ein Fluch, gerade jetzt in den Ruhestand zu gehen?

Es ist beides. Ich habe schon immer der drohenden Verzweiflung an der Welt mit großer Lust die Möglichkeit entgegengesetzt, wenigstens öffentlich etwas dazu sagen zu können. Wenigstens den Versuch zu machen, zwei oder drei Menschen mit einer Perspektive zu überzeugen, die sie sonst vielleicht nicht gehabt hätten. Es ist kein Fluch, weil ich journalistisch weitermachen kann – mit größerer Ruhe und Hingabe und weniger Tageshektik.

WAS MACHT HEBEL ALS NÄCHSTES?

Rentenalter hin oder her – Stephan Hebel schreibt weiterhin in der Frankfurter Rundschau. Seinen Schwerpunkt legt er dabei künftig auf Texte jenseits der Tagesaktualität.

„Hebel meint“ heißt das neue Format, das am Mittwoch, 6. April, startet. Es bespricht die wichtigsten Themen der vorangegangenen zwei Wochen – „mit meiner möglichst dezidierten Meinung“, wie der Autor betont. Auf einer Magazin-Doppelseite in der Mitte der FR.

Im Feuilleton bleibt Hebel im Kreis der Autorinnen und Autoren unserer täglichen Glosse „Times mager“. Ein ungewöhnliches Format. Themen sind Alltagssituationen, die Anlass geben, über gesellschaftliche Verhältnisse nachzudenken – möglichst mit (Selbst-)Ironie und mit Witz im besten Sinne.

Das Paulskirchen-Jubiläum ist der dritte Schwerpunkt von Stephan Hebels künftigem Wirken für die FR. Die Nationalversammlung von 1848 in der Frankfurter Paulskirche jährt sich bald zum 175. Mal. Zahlreiche Veranstaltungen werden daran und an die dort beschlossene erste gesamtdeutsche Verfassung erinnern. Die „Woche der Demokratie“ beginnt mit einem Festakt am 18. Mai 2023. In die Jubiläumsfeier einbezogen wird das zivilgesellschaftliche „Netzwerk Paulskirche“.

„Der utopische Raum im globalen Frankfurt“ , eine Initiative in diesem Netzwerk, wird eine globale Versammlung organisieren. Sie soll eine Plattform für den Austausch von Ideen sein, die Demokratie global weiterzuentwickeln. Dafür haben sich die Stiftung Medico International, das Institut für Sozialforschung und die Frankfurter Rundschau zusammengeschlossen. FR

Stephan Hebel über soziale Gerechtigkeit

Ein anderes deiner Herzensthemen ist soziale Gerechtigkeit. War das schon immer so, oder gab es einen besonderen Moment, eine Art Erweckungserlebnis?

Ich kann mich nicht erinnern, dass es irgendwann anders gewesen wäre. Ich bin unter relativ guten, privilegierten Verhältnissen aufgewachsen. In meiner Familie war immer ein Bewusstsein für Ungerechtigkeit und deren Bekämpfung vorhanden. In meinen jungen Jahren war ich viel in Lateinamerika unterwegs. Dort zeigt sich massiv die internationale Dimension – und in den einzelnen Ländern die regionale Dimension – von sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Ganz wichtig ist mir dabei allerdings das, was in der Frankfurter Rundschau seit ihrem ersten Tag sozialliberal heißt: Die soziale Frage darf niemals gegen Freiheitsrechte ausgespielt werden. Das tun leider auch manche, die sich als Linke bezeichnen. Aber vom Sozialstaat sollte nicht reden, wer nicht auch von Rechtsstaat und Freiheit redet.

Stephan, wir haben uns vor dem Gespräch in der Redaktion umgehört. Die Kolleginnen und Kollegen haben uns Fragen mitgegeben. Eine lautet: Wird das noch was mit der Überwindung des Kapitalismus?

( Lacht. ) Ja, das kann was werden. Da muss man sich dort umschauen, wo manche Hauptstadtjournalist:innen nicht genug hinsehen – nämlich in der Gesellschaft. Dort sind schon viele Ideen und Aktivitäten und Alternativen unterwegs. Mit meinem geradezu pathologischen Optimismus bin ich zutiefst überzeugt: Es kann Situationen geben, in denen sich diese Inseln des Besseren verdichten und bündeln zu einer großen Landmasse von Veränderung. Und die kann dann diese ausbeuterische Form von Kapitalismus, vor allem gegenüber dem Süden, aber auch intern hier bei uns, überwinden. Mein Lieblingsspruch ist der Titel eines Romans von Ilija Trojanow, der heißt: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“. Daran glaube ich, und deshalb geht es mir trotz allem gut.

Beschreibe doch mal die Landmasse, die daraus entstehen kann!

Also am wichtigsten wäre, dass Bewegungen, die sich an unterschiedlichen inhaltlichen Orten engagieren, Wege finden würden, sich untereinander besser zu vernetzen. Es hat etwa erste Versuche gegeben von „Fridays for Future“, Aktionen gemeinsam mit Verdi zu machen – oder auch mit der IG Metall, was ja noch faszinierender ist: die Autogewerkschaft mit den Klimaschützer:innen. Solche Dinge müssten viel mehr passieren. Dann würde man sehen: Bewegungen können durchaus an einen Punkt kommen, wo sie durch irgendwelche Ereignisse, die wir jetzt noch nicht vorhersehen können, tatsächlich Erfolge erzielen. Ein gutes Beispiel ist das Verfassungsgerichtsurteil zum Klimaschutzgesetz. Wer hätte vor fünf Jahren gedacht, dass eine Klimaschutzbewegung die deutsche Regierung per Verfassungsgerichtsurteil zwingen kann, eine andere, bessere – noch lange nicht ausreichende – Klimaschutzpolitik zu machen? Das ist doch großartig! Da hat sich eine Landmasse gebildet, sozusagen eine kritische Masse, die tatsächlich an Stellen, wo man es gar nicht erwartet, zu größeren Veränderungen führen kann. Insofern: Warum nicht optimistisch sein? Trotz dieser Scheißlage, in der wir uns befinden.

Ist das auch der Grund für dein Engagement beim Paulskirchenprojekt, das du für die FR mitorganisierst? Dass da neue Landmasse entsteht?

Ja. Tatsächlich wollen wir dort Menschen die Möglichkeit bieten, sich zu vernetzen. Menschen, die sowohl geografisch als auch von den Inhalten her an ganz unterschiedlichen Stellen arbeiten. Wir sind dabei nicht die Papas aus dem Norden, die entscheiden, wer was macht. Aber wir stellen ihnen eine Plattform zur Verfügung, um sich über diese Fragen global auszutauschen: In welchen sich verengenden Räumen, unter welchen politischen Verhältnissen kämpfen wir um Landrechte, Klimaschutz, Gewerkschaftsrechte, Frauenrechte etc.? Und wo sind die Gemeinsamkeiten in all diesen Kämpfen? Vielleicht liegen die Gemeinsamkeiten auch nur in den Gegnern, mit denen man es zu tun hat. Aber auch das wäre schon eine Gemeinsamkeit. Und die Idee ist tatsächlich, aus dem Raum, in dem so etwas wie eine nationale Erhebung mal gedacht war – Paulskirche, Nationalversammlung –, einen utopischen globalen Raum zu machen, in dem sich die Leute, die doch ohnehin schon kämpfen, noch mal weltweit darüber verständigen können, wo die Chancen sind, aus inselhaften Einzelbewegungen etwas Größeres werden zu lassen.

September 2003: Stephan Hebel feiert ein neues Layout der Zeitung. Mit dabei Außenminister Joschka Fischer (Mitte) und Chefredakteur Roderich Reifenrath.
September 2003: Stephan Hebel feiert ein neues Layout der Zeitung. Mit dabei Außenminister Joschka Fischer (Mitte) und Chefredakteur Roderich Reifenrath. © FRFOTO

Nun eine weitere Frage aus dem Kreis der Kolleginnen und Kollegen: Naphta oder Settembrini?

Kann ich nicht beantworten. Es ist lange her, dass ich den „Zauberberg“ gelesen habe.

Anders gefragt: eher der Schiffbauingenieur oder die Sehnsucht nach dem Meer?

( Lacht. ) Sehnsucht nach dem Meer.

Hat Stephan Hebel sich Angela Merkel schon mal ins Amt der Kanzlerin zurückgewünscht?

Wir haben zwei Auftragsfragen, die sich auf Angela Merkel beziehen, über die du mehrere Bücher geschrieben hast. Nummer eins: Warum hast du nie ein Interview mit ihr bekommen?

Das weiß ich nicht. Als in vielfacher Hinsicht distanzierter Beobachter – geografisch wie inhaltlich – bin ich wohl nicht der ganz Richtige aus deren Sicht gewesen.

Nummer zwei: Hast du dir schon einmal Angela Merkel ins Amt der Kanzlerin zurückgewünscht?

Mit etwas Sarkasmus: Ich würde mir wünschen, dass der heutige Kanzler ähnlich geschickt wie Angela Merkel seinen Unwillen verbergen würde, Fragen wirklich zu beantworten. Scholz macht auf Automat. Sie hat so getan, als würde sie Fragen beantworten. Also was das Handwerkliche betrifft, da war sie geschickter. Was die politischen Inhalte betrifft, erkennen auch Leute, die nicht schon 2013 ein negatives Buch über Frau Merkel geschrieben haben, an wie vielen Stellen sie versagt hat. Da wünsche ich sie mir kein bisschen zurück.

Wir haben gehört, dass du damit liebäu- gelst, Orgel zu spielen. Ist das noch dein Plan?

Ich habe mal Orgel gespielt, und ich liebäugle damit, das wieder aufzunehmen. Ich mache mich jetzt auf die Suche nach einem bezahlbaren Instrument, mit dem man Kirchenmusik spielen kann. Wenn ich eines finde, dann werde ich mich hinsetzen und mal schauen, was meine Finger noch können.

Von welchem Stück träumst du? Was willst du auf deiner Orgel spielen können?

Ein Stück, das ich am Ende meiner kurzen Organistenlaufbahn mit größter Mühe mal aufgeführt habe: Das ist die Fuge, die zu der berühmten d-Moll-Toccata von Bach gehört. Eine wunderbare, großartige Fuge, die jenen, die sich mit Barock beschäftigen, in einem fast therapiegleichen Sinne abverlangt, unterschiedliche Bewegungen gleichzeitig zu erfassen und darzustellen. Wenn ich das wieder könnte, wäre ich musikalisch ein glücklicher Mensch.

Haben wir dir eine Frage nicht gestellt, die du dir selbst gern gestellt hättest? Wenn ja, welche wäre das?

Eine sehr grundsätzliche Frage: Wie können wir journalistische Qualität unter den heutigen Medienbedingungen sichern? Und meine Antwort lautet: Verleger mögen guten Willens sein oder auch nicht, aber Aufklärung ist gesellschaftliche Daseinsvorsorge und gehört in gesellschaftliche Hand. Sie wird auf Dauer nicht unter betriebswirtschaftlichen Bedingungen zu leisten sein. Das ist kein Plädoyer für eine Verstaatlichung, sondern für gesellschaftliches Eigentum. Ein Beispiel wäre die Organisationsform der Genossenschaft.

Interview: Michael Bayer, Karin Dalka und Thomas Kaspar

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