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In Zukunft Alltag? Wasserstoff für den Tank.
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In Zukunft Alltag? Wasserstoff für den Tank.

Interview

„Fossilfrei oder gar nicht“

  • Frank-Thomas Wenzel
    VonFrank-Thomas Wenzel
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DIW-Expertin Claudia Kemfert über Nutzen und Risiken von Wasserstoff.

Frau Kemfert, die Bundesregierung verabschiedet ihre nationale Wasserstoffstrategie als Teil des Konjunkturpakets. Wo und wie können die Beschlüsse tatsächlich die Konjunkturentwicklung in diesem und im nächsten Jahr positiv beeinflussen?

Wir brauchen Wasserstoff, um die Pariser Klimabeschlüsse zu erfüllen und in einer Welt, die zu 100 Prozent auf erneuerbaren Energien basiert. Wasserstoff ist wichtig, aber ich warne vor Euphorie. Es wird schon seit fast einem halben Jahrhundert von einer „Wasserstoffgesellschaft“ geträumt. In den 80er Jahren versuchten Atomenergie-Unternehmen mit solchen Fantasien ihre Geschäftsmodelle zu legitimieren und zu verlängern. Aber nein, Wasserstoff ist nicht das neue Öl! Es schlummert nicht seit Jahrtausenden unter der Erde und muss nur herausgepumpt werden, sondern Wasserstoff muss aufwendig hergestellt werden – und zwar mit Hilfe anderer Energien. Diesen Mehraufwand – eine Energieform in eine andere umzuwandeln, um sie dann zu nutzen – wird man nur dann betreiben, wenn es gar nicht anders geht. Dann – aber eben auch nur dann – kann Wasserstoff der deutschen Wirtschaft nutzen. Langfristig lassen sich durch die Förderung der Wasserstofftechnologien sicher wichtige Innovationen und neue zukunftsweisende Jobs schaffen und damit die Wettbewerbsfähigkeit stärken. Mittel- bis langfristig wird diese Technik in einzelnen Segmenten sicher zum Einsatz kommen. Aber als kurzfristiges Konjunkturprogramm taugt die Wasserstoff-Förderung nicht.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Faktoren, um eine Wasserstoff-Wirtschaft aufzubauen und werden sie von der Bundesregierung hinreichend berücksichtigt?

Drei Dinge sind wichtig. Erstens: Wasserstoff ist kostbar. Er ist quasi der Champagner unter den Energieformen. Die Herstellung von Wasserstoff erfordert drei- bis fünfmal so viel Energie, wie wenn man erneuerbare Energien direkt nutzen würde. Man wird Wasserstoff deshalb vernünftigerweise nur dort einsetzen, wo es keine andere Möglichkeit gibt. Zweitens: Aus ökologischen und ökonomischen Gründen dürfen wir Wasserstoff nicht aus Öl, Gas oder Kohle herstellen, sogenannter grauer Wasserstoff, sondern müssen dafür erneuerbare Energien einsetzen, also grünen Wasserstoff produzieren. Ansonsten erreichen wir die Pariser Klimaziele nicht und das wird in jeder Hinsicht teuer. Drittens: Wer von Wasserstoff träumt, muss in erneuerbare Energien investieren und viel schneller ausbauen als bisher. Damit aus Wasserstoff und erneuerbaren Energien ein wirkungsvolles und effizientes Team werden kann, sollte neben der Abschaffung unnötiger Abgaben bei der Herstellung zuallererst Energieherstellern grundsätzlich erlaubt werden, Wasserstoff als Speicher zu produzieren, zu nutzen und zu verkaufen.

Für wann können wir mit grünem Wasserstoff rechnen, der wettbewerbsfähig ist, also mit den Preisen von fossiler Energie – insbesondere von Erdgas – mithalten kann?

Zum erhöhten Einsatz von Wasserstoff kann es kommen, sobald die Marktbarrieren abgeschafft sind. Um Wasserstoff überhaupt zu akzeptablen Preisen herstellen zu können, brauchen wir a) überschüssigen und b) abgeschriebenen Strom aus erneuerbaren Energien. Das ist eine Hürde, aber zugleich eine Chance, beispielsweise für die Produktion von Windenergie im Norden. Statt wie derzeit teure und unbeliebte Übertragungsnetze in den Süden zu bauen oder Windanlagen abzuregeln, könnte man sinnvollerweise aus der überschüssigen Windenergie die Produktion von Wasserstoff ermöglichen. Ob und wann sich die Produktion von Wasserstoff rechnet, hängt entscheidend davon ab, wie schnell erneuerbare Energien in Deutschland ausgebaut werden und die Rahmenbedingungen angepasst werden.

Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance.

Ist der Einsatz von „blauem Wasserstoff“ eine Übergangslösung oder ein Etikettenschwindel, mit dem fossile Energie doch wieder durch die Hintertür zum Zuge kommen soll?

Manche reden von Wasserstoff und haben zur Herstellung Erdgas oder gar Kohle samt CO2-Einlagerung im Sinn. Hier wird insgeheim Klimaschutz untergraben, um fossile Geschäftsmodelle zu retten. Der Einsatz fossiler Energien ist hier noch teurer als die ohnehin schon teure Wasserstoffproduktion mit Ökostrom von installierten Anlagen. Indem fossile Energien zur Wasserstoffherstellung aber angeblich „benötigt“ werden, wird der Umstieg hin zu einer vollständig auf erneuerbaren Energien basierende Energieversorgung blockiert. Und genau darum geht es manchen: Wasserstoff ist bloß ein Vorwand, um weiterhin fossile Energien nutzen zu können. Davon sollte man sich nicht in die Irre führen lassen. Kurzfristig haben wir kein Versorgungsproblem. Wir brauchen keinen blauen Wasserstoff als Übergangslösung. Wasserstoff muss jetzt und später zwingend „fossilfrei“, also grün hergestellt werden – oder lieber gar nicht.

Wo sollen die riesigen Mengen an erneuerbarem Strom herkommen, um grünen Wasserstoff herstellen zu können?

Die notwendigen erneuerbaren Energien können und sollten zuallererst aus Deutschland kommen. Auch produziert werden sollte der Wasserstoff mit erster Priorität in Deutschland. Langfristig könnte man Wasserstoff auch in Kooperation mit anderen Ländern etwa in Nordafrika produzieren; auch die Unterstützung im Rahmen von EU-Nordafrika-Kooperationen wäre bedenkenswert. Aber bitte: einen Schritt nach dem anderen!

Wie muss grüner Wasserstoff künftig für bestimmte Anwendungen „reserviert“ werden, damit er vor allem dort eingesetzt wird, wo er für den Klimaschutz unerlässlich ist?

Manche träumen offenbar davon, ihre übermotorisierten SUVs mit Wasserstoff zu betreiben. „Champagner in den Tank“ hilft aber weder dem Klima noch der Wirtschaft, sondern ist bloße Verschwendung oder eine simple Verlagerung der klimaschädlichen Emissionen von der Straße in die Blaue-Wasserstoff-Industrie. Wir brauchen stattdessen eine aktive Verkehrswende. Dafür sollte man gezielt die Elektromobilität über den Ausbau der Ladeinfrastruktur sowie den ÖPNV und Schienenverkehr fördern. Der ebenfalls verschwenderische oder klimaschädliche Einsatz von Wasserstoff im Gebäudebereich kann genauso verhindert werden, etwa indem die energetische Gebäudesanierung gefördert wird und auch in Gebäuden konsequent erneuerbare Energien eingesetzt werden. So können wir den kostbaren Wasserstoff am Ende vor allem im Industriebereich zum Einsatz bringen, etwa bei der Herstellung von Stahl oder im Bereich Schwerlast- und Schiffsverkehr. Das wäre Wasserstoffnutzung mit Vernunft, also grün und effizient.

Interview: Frank-Thomas Wenzel

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