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Wahlkampf mit Wilders (Mitte) in Volendam.

Thierry Baudet

Fortuyn als Vorbild

In den Niederlanden ist der Populist Thierry Baudet auf dem Sprung in den Senat.

Nach dem tödlichen Angriff in Utrecht stoppten alle Parteien sofort ihre Kampagnen für die niederländische Senatswahl an diesem Mittwoch – sogar der Rechtspopulist Geert Wilders. Nur ein 36-jähriger Politiker machte einfach weiter: Thierry Baudet, Chef des rechtspopulistischen Forums für Demokratie, schlachtete die Bluttat sogar für seinen Wahlkampf noch aus.

Baudet, der seine Partei erst Ende 2016 gegründet hat, wird nach der Wahl voraussichtlich zum neuen Machtfaktor. Die Niederländer wählen ihre Provinzvertreter und damit indirekt auch den Senat. Mit der Partei von Wilders und den Grünen kämpft Baudet laut Umfragen um den zweiten Platz, hinter dem bürgerlich-liberalen VVD von Ministerpräsident Mark Rutte. Gemeinsam könnten Baudet und Wilders deutlich mehr als 20 Prozent der Stimmen holen.

Baudet will eine sehr restriktive Migrationspolitik und warnt vor einer „homöopathischen Verwässerung“ der niederländischen Bevölkerung. Mit seiner Migrations- und Islamkritik sowie mit Angriffen auf die europäische Integration und Kritik an Bemühungen um mehr Klimaschutz hat sich Baudet dem etablierten Rechtspopulisten Wilders und seiner Partei für die Freiheit zwar inhaltlich angenähert.

Thierry Baudet kämpft unter anderem gegen die europäische Integration.

Doch Baudet tritt auf wie ein Intellektueller. Damit unterscheidet er sich stark von seinem volksnahen Konkurrenten. Nachdem er im vergangenen Jahr in die zweite Kammer des niederländischem Parlaments gewählt worden war, ließ er sein Klavier in sein Büro bringen, wo er nun gerne Brahms und Wagner spielt. Seine Antrittsrede im Unterhaus hielt er in lateinischer Sprache. Und während Wilders Talkshows meidet, verpasst Baudet keine Gelegenheit, daran teilzunehmen.

In dieser Hinsicht erinnert Baudet eher an den niederländischen Politiker und Rechtspopulisten Pim Fortuyn, der 2002 mitten im Wahlkampf ermordet worden war. Er selbst hat einmal zugegeben, sehr von Fortuyn inspiriert zu sein. „Man muss nicht volksnah sein, um das Volk vertreten zu können“, sagte Baudet schon vor zwei Jahren in einem Interview.

Baudet wurde 2017 von der Nachrichtensendung „EenVandaag“ zum „Politiker des Jahres“ gekürt, stand aber andererseits dauerhaft in der Kritik. Innenminister Kajsa Ollongren von den Linksliberalen bezeichnete ihn als „Bedrohung für die Grundwerte der Niederlande“, und der sozialdemokratische Spitzenkandidat für die Europawahl, Frans Timmermans, nannte ihn kürzlich noch einen „Idioten“.

Wegen seines intellektuellen Erscheinungsbildes ist Baudet für rechtskonservative Niederländer allerdings eine wählbare Alternative. Dies ist ein Problem für Premier Rutte und seine Mitte-rechts-Koalition. Derzeit wird seine Regierung noch von einer minimalen Mehrheit im Senat unterstützt, doch der Regierungschef muss mit erheblichen Verlusten rechnen. Von Ties Brock

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