Schwedische Nationalisten protestieren gegen den Bau einer Moschee in Göteborg.
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Schwedische Nationalisten protestieren gegen den Bau einer Moschee in Göteborg.

Nationalismus in Nordeuropa

"Formbarer und flexibler Populismus"

  • vonThomas Borchert
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Die Politologin Ann-Cathrine Jungar spricht im Interview über das Erfolgsrezept der Rechtspopulisten, die Folgen von Regierungsbeteiligungen und die Rückkehr des Nationalismus in Nordeuropa.

Warum sind rechtspopulistische Parteien ausgerechnet in den so stabilen und reichen Ländern Nordeuropas so erfolgreich?
Der Populismus in Nordeuropa hat sich als formbar, flexibel und bereit zu Veränderungen erwiesen. Das ist wohl der Schlüssel zu seinen Erfolgen. Die Parteien in den vier Ländern haben historisch ganz unterschiedliche Wurzeln. Es gab eine bäuerlich populistische Protestpartei in Finnland, dann die Steuerrebellen gegen hohe Einkommenssteuern in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts in Dänemark und Norwegen. Zuletzt kamen die Schwedendemokraten mit ihren eindeutig faschistischen und nationalsozialistischen Wurzeln. Zu den skandinavischen Demokratien gehörte eine ausgeprägte Konsenskultur in der von den Sozialdemokraten geprägten Ära. Der Populismus war auch eine Reaktion darauf und kam früher als anderswo in Europa. Diese Länder sind außerdem ethnisch und sprachlich ausgesprochen homogen gewesen, mit Ausnahme vielleicht der starken Arbeitsimmigration in Schweden. Drei der vier nordischen Populistenparteien haben auch keine historische Belastung mit Antisemiten, Holocaustleugnern oder dergleichen.

Gibt es gravierende Unterschiede?
Die Parteien sind einander ähnlicher geworden. Die jüngste Welle des Populismus drückt sich vor allem als Wohlfahrtschauvinismus aus: Dass die Zuwanderung eine Gefährdung des Wohlfahrtsstaates ist. Alle Parteien kombinieren eine generell autoritäre Politik mit sozial- und wirtschaftspolitischen Mittepositionen sowie natürlich der Zuwanderungs- und Islamkritik.

Macht die Regierungsbeteiligung in drei der vier Länder die Populisten noch stärker? Oder werden sie dadurch eher „entzaubert“?
Am erfolgreichsten ist bisher die Dänische Volkspartei (DF) als Stützpartei für eine bürgerliche Minderheitsregierung. Jetzt ist sogar die Tür offen für eine Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten. In Dänemark haben sich die etablierten Parteien sehr weitgehend den Positionen der DF angepasst. In Finnland hat die Regierungsbeteiligung zur Spaltung der Populistenpartei geführt und auch zu kräftigem Rückgang bei Umfragen. Grund ist der Zwang zu Kompromissen, bei EU-Stützpaketen und der Flüchtlingspolitik. Die Fortschrittspartei in Norwegen hat eigene Kernforderungen in der Regierung durchgesetzt.

Hat sich die politische Mitte in den nordischen Ländern den Populisten genähert oder umgekehrt?
In die Regierungen sind die nordischen Populisten gekommen, weil sie sich gemäßigt haben. Vor allem die Dänische Volkspartei und die Schwedendemokraten achten sehr darauf, dass sich bei ihnen keine Extremisten und Rassisten laut äußern. Sozial- und wirtschaftspolitisch haben sie sich Richtung Mitte bewegt. Umgekehrt haben sich die etablierten Parteien bei der Zuwanderung und der EU-Politik auf die Populisten zubewegt. In Schweden ist diese umgekehrte Anpassung später gekommen, aber jetzt paradoxerweise umso kräftiger. Die Populisten haben den Nationalismus eindeutig in den Norden zurückgebracht. Nationale Identität, nationale Werte und Kultur stehen viel stärker im Vordergrund. In Schweden wird gerade sehr deutlich, wie stark der Einfluss der Schwedendemokraten darauf ist, worüber und wie andere Politiker sprechen.

Interview: Thomas Borchert

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