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Christine Blasey Ford ringt während ihrer Aussage sichtlich um ihre Fassung.

Justizausschuss im US-Senat

Ford belastet Kavanaugh schwer

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Christine Ford schildert dem Justizausschuss des US-Senats, wie Brett Kavanaugh sie sexuell bedrängt haben soll. Die Aussage fällt ihr sichtlich schwer. Der Supreme-Court-Kandidat geht dagegen in die Offensive.

Die großen Brillengläser sind beschlagen, der Atem geht schwer, nur mühsam kann Christine Blasey Ford ihre Fassung bewahren. „Was ist ihre stärkste Erinnerung?“, hat sie Senator Patrick Leahy gerade bei der Anhörung im Justizausschuss des US-Senats gefragt. „Das ist unauslöschlich im Hippocampus abgespeichert“, sucht die Psychologieprofessorin zunächst den Schutz ihrer nüchternen Wissenschaft. Doch dann kann sie die Tränen nicht mehr zurückhalten: „Das schallende Lachen der beiden, und dass sie Spaß auf meine Kosten hatten. Ich lag unter einem von ihnen, während sie lachten.“

Mehr als vier Stunden lang wird die 51-Jährige an diesem Donnerstag von 21 Politikern zu einem Jahrzehnte zurückliegenden Ereignis befragt, das nach ihrer Aussage ihr Leben geprägt hat. Bei einer Schüler-Party im Sommer 1982 soll ein 17-Jähriger versucht haben, sie zu vergewaltigen. Sein Name: Brett Kavanaugh. Der erzkonservative Jurist soll in Kürze auf Vorschlag von Präsident Donald Trump auf Lebenszeit an den obersten Gerichtshof berufen werden, obwohl neben Ford noch zwei weitere Frauen Nötigungs-Vorwürfe gegen ihn erheben. Seit Tagen gibt es in den USA kein anderes Thema. Die Sitzung des Justizausschusses entwickelt sich zum nationalen Drama.

Republikaner versuchen Fords Glaubwürdigkeit zu untergraben

„Ich bin heute nicht hier, weil ich das will“, hat Ford zu Beginn gesagt: „Ich habe Angst. Ich bin hier, weil ich glaube, dass es meine Bürgerpflicht ist.“ Also berichtet sie, wie Kavanaugh sie bei jener Party angeblich betrunken auf ein Bett warf, ihr den Mund zuhielt, sie begrapschte und zu entkleiden versuchte. Sie erzählt, dass sie bis heute unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leide. Das alles klingt glaubhaft, obwohl die Anklägerin deutliche Erinnerungslücken hat. Sie sei zu 100 Prozent sicher, dass es Kavanaugh war, der ihr das angetan hat, versichert Ford.

Während die Demokraten im Ausschuss die Fragerunde nutzen, um den Mut der verängstigten Frau zu loben, haben die elf Republikaner – ausschließlich Männer – ihr Fragerecht einer weiblichen Staatsanwältin aus Arizona übertragen. Sie versucht geschickt, die Glaubwürdigkeit von Ford zu untergraben und ihr politische Motive zu unterstellen. Fast glaubt man, die Zeugin sitze auf der Anklagebank. 

Brett Kavanaugh wittert „koordinierte Charakter-Hinrichtung“

Brett Kavanaugh hingegen geht gleich in die Offensive. Wütend und mit rotem Kopf redet sich der Kandidat immer mehr in Rage: Eine „nationale Schande“ sei der Nominierungsprozess. Zwei Wochen lang sei sein guter Name zerstört worden. „Das ist eine koordinierte Charakter-Hinrichtung“, wettert der 53-Jährige. Doch vermeidet er zunächst direkte Angriffe auf Ford: „Ich bezweifle nicht, dass ihr das irgendwann und irgendwo widerfahren ist. Aber ich war es nicht.“

Allerdings hat das Image des Juristen, der sich bei seiner Nominierung als aufrichtiger, integrer und eher biederer Katholik und liebevoller, sportbegeisterter Familienvater präsentierte, inzwischen deutliche Kratzer bekommen. Bekannte aus Schulzeit und Studium beschreiben ihn keineswegs als jenen Chorknaben, als der er sich darstellte. „Ich habe viel mit Freunden getrunken. Manchmal trank ich zuviel. Im Rückblick habe ich in der Vergangenheit Dinge gesagt und getan, die mich heute erschauern  lassen“, räumt Kavanaugh nun ein. Doch niemals habe er sich an Frauen vergangen.  

Trumps persönliches #Metoo-Erlebnis

Nun stehen Aussage gegen Aussage. Und Überzeugung gegen Überzeugung. Längst geht es um weit mehr als einen möglichen individuellen Missbrauchsfall. Bei einer wilden Pressekonferenz in New York am Mittwoch hat Präsident Trump unfreiwillig deutlich gemacht, weshalb diese Personalie das Land weit über den politischen Widerstand gegen die Berufung eines erzkonservativen Abtreibungsgegners an den Supreme Court hinaus so existentiell aufwühlt.

Die  Frauen, die Kavanaugh belasten, beschreiben eine  College-Kultur, in der junge Männer sich bei Sauf-Partys nahmen, was sie haben wollten, und Frauen aus Scham über die Übergriffe schwiegen. Das weckt im Zeitalter von „Me Too“ („Ich auch“) bei vielen Frauen Erinnerungen an eigene, verletzende Erlebnisse und mobilisiert einen mächtigen Vertrauensvorschuss für die Anklägerinnen.

Auf der anderen Seite hat Trump persönlich ein ganz anderes „Me-Too“-Erlebnis: „Es ist mir oftmals selbst passiert“, klagte er und meinte, dass Frauen einen erfolgreichen Mann denunzieren. Tatsächlich sind die Schweigegeldzahlungen für Affären des Immobilienmoguls genauso belegt wie  seine Prahlerei, er könne jeder Frau zwischen die Beine fassen. Insofern entspringt Trumps „Me-Too“-Gefühl einer narzisstische Wahrnehmungsstörung. Eine Kritik von ihm teilen trotzdem viele männliche Amerikaner: „In diesem Fall ist man schuldig, bis die Unschuld bewiesen ist.“

In den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob die Republikaner mit ihrer hauchdünnen Mehrheit im Senat die Personalie tatsächlich durchziehen. Trump hatte am Mittwoch angedeutet, er könne den Kandidaten auch zurückziehen, „wenn ich überzeugt werde, dass er Schuld ist“. Doch das klang eher wie eine diplomatische Phrase. Ein paar Minuten später machte er seiner wahren Empörung Luft: „Das Ganze ist ein dicker, fetter Beschiss.“

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