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Kaduna, Nigeria, Herbst 2019: Hinter den rosa getünchten Mauern wurden Hunderte Kinder grausam misshandelt.

Islamismus in Afrika

Folterkammer im Namen des Propheten

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In Nordnigeria halten angebliche Koran-Schulen junge Menschen wie Sklaven.

Von außen sieht der Gebäudekomplex wie ein harmloser Apartmentblock aus: Zwei Stockwerke, kleine Fenster, die Fassade in Rosa gestrichen. Doch was sich hinter der Fassade in der angeblichen Schule in der nigerianischen Provinzhauptstadt Kaduna bereits seit Jahrzehnten abspielte, hört sich wie ein Horrorfilm an: Mehrere hundert Kinder, manche nicht älter als fünf Jahre, wurden dort wie Schwerverbrecher festgehalten, mit Peitschen verprügelt, mit Fußketten an Felgen gekettet, in einer „Folterkammer“ an den Händen gefesselt und dann von der Decke gehängt. „Es war die Hölle“, sagte der 29-jährige Isa Ibrahim der BBC: „Sie haben uns dauernd geschlagen. Morgens wurden wir mit Schlägen geweckt. Ich habe Wunden am ganzen Körper.“

Ein Hinweis von Nachbarn rief schließlich die Polizei auf den Plan: Sie befreite jüngst weit über 300 Kinder, Jugendliche und junge Männer aus dem Komplex in Kadunas Rigasa-Viertel; viele waren an irgendwelche Gegenstände gefesselt, die meisten traumatisiert. Einige mussten sofort ins Krankenhaus eingeliefert werden, die anderen wurden erst einmal in Kadunas Stadion gebracht, wo sie erste Hilfe und etwas zu Essen bekamen. Die Schüler der angeblichen Koran-Schule seien ausgehungert, sexuell missbraucht und gefoltert worden, teilte Polizeisprecher Yakuba Sabo mit: Sieben „Lehrer“ wurden festgenommen.

Unter den Eingesperrten – alle männlichen Geschlechts – sollen sich Jugendliche mit Disziplinschwierigkeiten, Diebe, Drogenabhängige und Homosexuelle befunden haben. Gegenüber Agence France Presse gab sich auch ein junger Mann zu erkennen, der in Großbritannien eine Christin geheiratet hatte und seine Kinder in christlichem Glauben aufziehen wollte. Das habe für seine muslimischen Verwandten ausgereicht, den Abtrünnigen in die „Umerziehungsanstalt“ zu bringen, wo er bis zu seiner Befreiung zwei Jahre lang eingesperrt war. Tatsächlich wurden die „Schüler“ weder im Koran noch in anderen Fächern unterrichtet, teilte die Polizei mit.

Sogenannte Koran-Schulen sind im Norden Nigerias allgegenwärtig – und seit langem umstritten. Arme Familien geben ihre Kinder oft in deren Obhut; dort lernen sie dann zumindest Arabisch und den Koran lesen. Um für ihre Versorgung aufzukommen, werden sie meist zum Betteln geschickt. Nach Schätzungen der Menschenrechtsorganisation „Muslim Rights Concern“ besuchen im islamisch dominierten Norden Nigerias mindestens zehn Millionen Jugendliche solche „Al Majiri“ genannten Schulen. Falls sich deren Lehrer des Missbrauchs schuldig machten, müssten sie selbstverständlich zur Verantwortung gezogen werden, meint der Direktor der Organisation, Isha Akintola. Würden diese Einrichtungen jedoch alle geschlossen, landeten zehn Millionen Jugendliche ohne Schutz und Ausbildung auf der Straße.

Der jüngste Fall in Kaduna habe der Regierung „die Augen geöffnet“, sagte Hafsat Baba, Sozial-Kommissarin des Bundesstaats Kaduna. Die Zentralregierung in Abuja erwägt jetzt ein Verbot der Koran-Schulen. Zuvor müssten jedoch noch umfangreiche Konsultationen geführt werden, sagte ein Regierungssprecher.

Die Eltern der in Kaduna eingekerkerten Jugendlichen hatten offenbar mehrheitlich keine Ahnung, um was für eine Einrichtung es sich handelte. Die „Schule“ verlangte umgerechnet gut 100 Euro pro Halbjahr, war jedoch weder als Schule noch als Umerziehungs-Anstalt registriert. Mohammed Sani Abu Sha’aban, der zwei seiner 13 Kinder der Obhut der „Al Majiri“ überlassen hatte, sprach sich eindringlich gegen deren Schließung aus: „Was sollen wir denn sonst mit unseren ungezogenen Kindern tun?“

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