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Helm auf zur Vermummung: Juan Antonio Gonzalez Pacheco.

Spanien

Der Folterer mit dem Bubiface

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Der berüchtigte Scherge der Franco-Diktatur, „Billy el Niño“, stirbt mit 73 Jahren in Madrid an Covid-19. Der spanische Staat hat ihn nie zur Rechenschaft gezogen für seine Taten.

Er war klein, hässlich, mit hervorspringenden Augen. 28 Jahre alt, nur zwei Jahre älter als ich. Und er genoss es zu foltern. Man merkte es ihm an, weil er inmitten des Wütens, wenn er dir Ohrfeigen und Tritte gab, einen Ausdruck der Freude, der Zufriedenheit zeigte.“ So erinnerte sich Felisa Echegoyen vor sieben Jahren an Billy el Niño, was spanisch für Billy the Kid ist. Mit bürgerlichem Namen hieß er Juan Antonio González Pacheco, er war Polizist und Folterer. Am Donnerstag ist er in einem Madrider Krankenhaus 73-jährig an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung gestorben.

Pacheco war ein gutes Jahrzehnt lang Polizist, von 1971 bis 1982. Seinen Opfern brannten sich Name und Gesicht für immer ein. Sein jugendliches Aussehen und die Angewohnheit, seine Pistole um den Finger kreisen zu lassen, brachten ihm seinen Beinamen ein. Felisa Echegoyen, eine frühere Aktivistin der Liga Comunista Revolucionaria, erinnerte sich an den Tag im Oktober 1974, in der Spätzeit der Franco-Diktatur, als sie Billy el Niño begegnete. „Fünf Polizisten kamen in meine Wohnung. Sie brachen die Tür auf und fingen gleich an, fröhlich Schläge auszuteilen.“

Sie wurde zur Dirección General de Seguridad (DGS) gebracht, der „Sicherheitsgeneraldirektion“ an der Madrider Puerta del Sol, keinen Kilometer von ihrer Wohnung entfernt. „Die DGS war die Folterkammer“, sagte Echegoyen. Dort lernte sie Billy el Niño kennen, der sich seinem Opfer langsam näherte „und dir seinen nach Alkohol riechenden Atem ins Gesicht blies“. Dann begannen die Schläge, die Misshandlungen, die Folter.

Nach allem, was heute bekannt ist, musste Pacheco nur einmal für seine Gewalttätigkeit büßen. Davon berichtete Paco Lobatón, ein bekannter spanischer Fernsehjournalist, der sich 1972 als Student in eine Versammlung von Professoren schleichen wollte. Billy el Niño nahm ihn fest und fuhr mit ihm zur DGS an der Puerta del Sol. Unterwegs, als sie am Parque del Oeste vorbeifuhren, sagte er zum Fahrer: „Halt an, wir liquidieren ihn gleich hier.“ Stattdessen holte er dann einen Schlagstock hervor und verprügelte Lobatón den Rest des Weges bis zur DGS. Für die Schläge wurde er später verurteilt: zu einem Tag Suspendierung vom Dienst. Lobatón erhielt eine fünfjährige Haftstrafe, der er sich durch Flucht nach Genf entzog.

Am 20. November 1975 starb Franco, aber Pacheco blieb Polizist. In seinen elf Dienstjahren erhielt er vier Auszeichnungen, eine zu Zeiten der Diktatur, die anderen danach. Die Ehrungen erhöhten später seine Pension um 50 Prozent. In der Zwischenzeit arbeitete er als Sicherheitschef in Privatunternehmen. Zu seinen alten Kollegen behielt er guten Kontakt. Einer von ihnen, ein Hauptinspektor, gestand Ende vergangenen Jahres in einem Gerichtsverfahren ein, dass er Billy el Niño vertrauliche Informationen zukommen ließ. Sein „Freund“ habe sich bedroht gefühlt.

Dabei musste sich Pacheco in diesen nun bald 45 nachfranquistischen Jahren von niemandem bedroht fühlen. Das spanische Parlament verabschiedete 1977 eine Generalamnestie für alle politisch motivierten Straftaten, und damit war Pachecos Vergangenheit ad acta gelegt.

Unbehelligt bis zum Tod

Im Jahr 2013 musste er dann doch noch einmal vor Gericht erscheinen. Der Nationale Gerichtshof tagte, weil eine argentinische Richterin die Auslieferung von Billy el Niño wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit beantragt hatte. So wie einst der Spanier Baltasar Garzón die Festnahme des Chilenen Augusto Pinochets veranlasst hatte, wollte sich nun die argentinische Justiz um spanische Verbrechen kümmern, die die Heimatjustiz nicht interessierten.

„Es ist das erste Mal, dass sich ein kleiner Spalt in der großen Mauer des Franquismus auftut“, sagte damals einer der Demonstranten vor dem Gericht, der sich als Paco und Opfer von Billy el Niño vorstellte. Der Spalt war schnell wieder geschlossen, Spaniens Nationaler Gerichtshof entschied gegen eine Auslieferung nach Argentinien. Juan Antonio González Pacheco, genannt Billy el Niño, lebte weiter in Madrid, unbehelligt bis zu seinem Tod.

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