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Sebnem Fincanci, Juristin und Ärztin, hat den Hessischen Friedenspreis bekommen.

Türkei

"Folter gibt es sogar auf offener Straße"

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Die türkische Ärztin Sebnem Korur Fincanci über ihre Arbeit für Folteropfer und die Kraft, die Solidarität aus dem Ausland gibt.

Sie unterstützt Folteropfer und hilft dabei, Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Dafür nimmt die türkische Ärztin Sebnem Korur Fincanci Repressionen in Kauf. Beim Interview in Wiesbaden, wo sie den Hessischen Friedenspreis entgegennahm, strahlt Fincanci plötzlich über „großartige Nachrichten“. Einige Kollegen von der Türkischen Ärztekammer und der Medizinergewerkschaft sind freigelassen worden. 

Frau Fincanci, inwieweit wird in der Türkei gefoltert?
Es gibt Folter in der Türkei, und es hat sie schon immer gegeben.

Wo wird gefoltert: In Gefängnissen? In Polizeigewahrsam?
Es gibt sie überall, auch mitten auf der Straße bei Festnahme. Da gibt es ein wichtiges Urteil von 2013. Es ging um die Festnahme des Vorsitzenden der Gewerkschaft für Bildung in der Türkei. Ein Foto zeigte, dass er festgehalten und mit Pfefferspray besprüht wurde, um ihm wehzutun. Das Gericht hat das als einen Foltertatbestand definiert.

Normalerweise liegt Ihnen kein Foto von einer Folter vor. Wie stellen Sie Folter fest und was fangen Sie mit dem Wissen an?
Sie haben recht, normalerweise haben wir keine Fotos. Aber man kann Beweise ermitteln. Zum Beispiel gibt es Überwachungskameras, deren Bilder Nachweise liefern können. Normalerweise ist es Aufgabe der Staatsanwaltschaft, effektive Ermittlungen zu führen. Wenn die Staatsanwaltschaft das nicht macht, dann sind wir Ärzte es, die Nachweise suchen und liefern müssen. Der Körper des Menschen liefert uns Nachweise und auch das, was wir nicht sehen können. Wir können außerdem die menschliche Seele erforschen. Folter führt dazu, dass das Vertrauen zwischen den Menschen und in der Gesellschaft verloren geht. Wenn man das ermittelt, ist das durchaus auch ein Indiz für Folter. 

Ist die Staatsanwaltschaft bereit, mit Ihren Nachweisen den Folterern der Prozess zu machen?
Nicht unbedingt. Wir haben die Zahlen für 2017 ermittelt. An den Menschenrechtsverein in der Türkei haben sich mehr als 5000 Menschen gewandt mit der Begründung, dass sie gefoltert worden seien. Aber nur 42 Verfahren wurden eingeleitet. Dem gegenüber steht die Zahl der Verfahren aufgrund der Vorwürfe von Polizisten, dass man sich der Staatsgewalt widersetzt oder sie beleidigt hat oder versucht hat zu fliehen. Aus solchen Gründen wurden 26 192 Verfahren eingeleitet. 

Ihre Arbeit ist nicht leicht. Wie sehr leiden Sie persönlich mit den Folteropfern mit?
Wenn wir Ärzte mit allen Patienten leiden würden, könnten wir sie nicht mehr behandeln. Wir sind die, die heilen. Damit wir Patienten heilen können, müssen wir uns selber stärken und Heilmittel für uns finden. Das sind solche Preise wie der Hessische Friedenspreis. Die stärken die Seele, weil sie die Arbeit mit Bedeutung füllen und uns motivieren. So helfen sie auch den Patienten. 

Sie sind seit 2009 Vorsitzende der Türkischen Menschenrechtsstiftung. Können Sie und Ihre Organisation unbehelligt arbeiten? 
Ja, wir können unbehelligt arbeiten. Es ist eine andere Frage, ob der Staat damit zufrieden ist. Das heißt: Wir bekommen natürlich Drohungen. Es werden Ermittlungen gegen uns eingeleitet. Aber wir wissen, dass wir im Recht sind. 

Es gibt auch Verfahren gegen Sie. Worum geht es da und wie ist der Stand?
Am bekanntesten ist der Fall, wo ich als Zeichen der Solidarität für einen Tag als Chefredakteurin für die Özgür Gündem gearbeitet habe. Ein anderes Verfahren wurde eingeleitet, weil ich als Universitätsangehörige eine Erklärung für den Frieden unterzeichnet habe. Die Überschrift lautete: „Wir wollen nicht zu Mittätern werden“. Ein weiteres Verfahren ist eingeleitet worden, weil ich mich gegen den Einmarsch in Afrin (Gebiet im Norden Syriens, Red.) ausgesprochen habe. Im Jahr 2013, als die Gezi-Proteste waren, hatte der damalige Ministerpräsident und heutige Staatspräsident (Recep Tayyip Erdogan, Red.) zu den Todesfällen dort erklärt: „Ich habe den Befehl dazu erteilt.“ Ich setzte dazu einen Tweet ab, in dem es hieß: „RTE hat sich zu seiner Schuld bekannt. Er ist ein Massakrier.“ Daher läuft ein weiteres Verfahren. 

Haben Sie Angst, dass Sie ins Gefängnis müssen? 
Ich würde es nicht als Angst bezeichnen. Es könnte dazu kommen, dass ich verhaftet werde und ins Gefängnis muss. Wahrscheinlich nicht für eine lange Zeit, aber man kann es nie wissen. Internationale Solidaritätsbekundungen sind sehr wichtig. Sie können dazu führen, dass die Gegenseite sich   eingeschränkt sieht in den Maßnahmen, die sie verfolgt. 

Unsere Zeitung unterstützt türkische Journalisten, die wegen der Ausübung ihres Berufs inhaftiert wurden, mit einer Solidaritätskampagne und mit Briefen ins Gefängnis. Welche Unterstützung aus Deutschland hilft?
Es ist in jedem Fall eine Unterstützung, wenn Solidaritätsbekundungen von internationaler Seite kommen. Auch wenn es dazu führt, dass in der Türkei der altbekannte Vorwurf erhoben wird, wir würden vom Ausland unterstützt und seien Landesverräter. Die Öffentlichkeit weiß, dass wir uns zum Wohle des Landes engagieren. Das was Sie angeführt haben, Briefwechsel, hilft ungemein. Als ich für eine kurze Zeit im Gefängnis war, habe ich Briefe erhalten. Ich erinnere mich gut, wie sehr ich mich über jeden einzelnen Brief gefreut habe. Ich bewahre sie immer noch auf. Man hat das Gefühl, man ist nicht alleine. Es ist auch ein Zeichen an den Staat, dass er sich nicht alles herausnehmen kann, wenn er weiß, da gibt es internationale Aufmerksamkeit. 

Wann waren Sie selber in Haft?
Das war 2016 für zehn Tage zwischen dem 20. und dem 30. Juni. Glücklicherweise war das noch vor dem Putschversuch. Wäre das nach dem Putschversuch gewesen, hätte nichts mehr geholfen, auch nicht die internationale Solidarität, weil sie sich dann um gar nichts mehr geschert haben. 

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