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Indien wird voraussichtlich in acht Jahren China als bevölkerungsreichstes Land der Welt abgelöst haben.

Interview

„Wir müssen bei uns anfangen“

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Experte Uwe Schneidewind über die ökologischen Folgen des Bevölkerungswachstums.

Uwe Schneidewind, Jahrgang 1966, ist seit 2010 Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie. Der Wirtschaftswissenschaftler ist zudem Mitglied im „Club of Rome“ und hat eine Professur für „Innovationsmanagement und Nachhaltigkeit“ an der Bergischen Universität Wuppertal inne. Sein Institut hat ein Tool entwickelt, um den eigenen Ressourcenverbrauch zu ermitteln: www.ressourcen-rechner.de Wuppertal Institut

Herr Schneidewind, die UN gehen davon aus, dass 2050 9,7 Milliarden Menschen auf der Erde leben werden. Finden Sie solche Zahlen erschreckend?
Das nicht. Die fast zehn Milliarden sind schon seit längerem der Orientierungspunkt für alle, die sich mit nachhaltigen Zukunftsstrategien beschäftigen. Aber natürlich ist das Bevölkerungswachstum aus ökologischer Perspektive eine Riesenherausforderung, vor allem wegen des starken Trends zur Urbanisierung. Wir gehen davon aus, dass in den kommenden Jahrzehnten rund drei Milliarden zusätzliche Menschen in Städte ziehen werden – gerade in Asien und Afrika. Das hat Folgen. In China beispielsweise ist zwischen 2008 und 2011 so viel Beton verbaut worden wie in den USA im gesamten 20. Jahrhundert. Wenn das so weiterginge, würde in den kommenden Jahren das gesamte Kontingent an CO2, das wir erzeugen dürfen, wenn wir das 1,5-Prozent-Ziel einhalten wollen, nur durch die Herstellung von Betonbauten verbraucht werden.

Wirtschaftswissenschaftler Uwe Schneidewind ist Mitglied im „Club of Rome“.

China holt letztlich nach, was der Westen vorgemacht hat. Und noch immer produzieren Länder wie Deutschland oder die USA einen Großteil der weltweiten Emissionen - weit mehr als die Menschen in vielen Staaten mit hohem Bevölkerungswachstum.
Das stimmt. Deswegen können wir hier nicht einfach so weitermachen wie bisher und dann den Menschen in anderen Teilen der Welt sagen: Ihr müsst jetzt aber anders leben. Als Wuppertal Institut propagieren wir die Acht-Tonnen-Gesellschaft. In Deutschland verbrauchen wir momentan im Durchschnitt 40 Tonnen an natürlichen Ressourcen, in Ruanda oder Bangladesch liegt der Pro-Kopf-Verbrauch lediglich bei zwei bis vier Tonnen. Wir müssen also bei uns selbst anfangen.

Und wenn alle nur acht Tonnen verbrauchen würden, könnte auch eine wachsende Weltbevölkerung den Planeten nachhaltig bewohnen und bewirtschaften?
Genau. Wir beschäftigen uns intensiv mit der Frage, wie eine Welt aussehen könnte, in der auch zehn Milliarden Menschen ein würdevolles Leben führen. Und das wird vermutlich nicht alleine dadurch zu schaffen sein, dass wir immer neue technologische Innovationen in die Welt werfen. Es müssen sich auch die Lebensstile ändern. Immer mehr Menschen leben heute in Wohlstand. Wenn sie sich alle einen ähnlichen Lebensstil aneignen, wie wir ihn haben, wird es nicht funktionieren. Wir alle brauchen ein neues Verständnis davon, wie wir in Wohlstand leben wollen.

Sie haben vom Trend zur Urbanisierung gesprochen, der den Ressourcenverbrauch verstärken könnte. Liegen die Antworten für die Zukunft in den Städten?
Städte sind zentral für die nachhaltige Transformation einer Gesellschaft, weil ein Großteil der Menschen künftig in Städten leben wird, aber auch, weil sie schon immer Labore für den Rest der Gesellschaft waren. Ein wichtiger Anknüpfungspunkt ist hier die Verkehrsfrage. Früher galt es als rückständig, dass in chinesischen Städten viele Menschen Fahrrad fuhren. Heute ist Kopenhagen als fahrradfreundliche Stadt Vorreiter. Diese Entwicklung muss weitergehen – und das hat auch ökonomische Folgen. Wenn in unseren Städten künftig E-Bikes statt SUVs fahren, dann wird zwangsläufig in diesem Bereich das Bruttosozialprodukt sinken. Aber wir müssen uns darauf besinnen, dass die Ökonomie im Dienste eines guten Lebens für alle stehen sollte. Und wenn sie das nicht mehr tut, dann müssen wir sie verändern.

Sie haben kürzlich ein Buch darüber geschrieben, wie eine „große Transformation“ hin zu einer sozial und ökologisch gerechten Welt gelingen könnte. Wo stehen wir heute?
Ich habe zumindest in Deutschland den Eindruck, dass wir uns in einer Umbruchphase befinden. Es gibt eine intensive Debatte über die Städte der Zukunft und über die Frage, wie wir uns künftig ernähren werden. Die politischen Mehrheiten für eine echte Transformation wachsen. Jetzt ist die Frage, ob wir es schaffen, den Schwung von „Fridays for Future“ und Co. in Taten umzusetzen. Aber ich finde, es gibt zumindest berechtigte Hoffnung auf grundsätzliche Weichenstellungen.

Interview: Alicia Lindhoff

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