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Ein Jahr nach dem Hochwasser: Wie geht es den Menschen jetzt?

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Von: Martin Benninghoff

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Uta Göpfert hilft Betroffenen im „Mobilen Sprechzimmer“ der AWO in Swisttal, Nordrhein-Westfalen.
Uta Göpfert hilft von der Flutkatastrophe Betroffenen im „Mobilen Sprechzimmer“ der AWO in Swisttal, Nordrhein-Westfalen. © AWO bonn/Rhein-Sieg

Awo-Beraterin Uta Göpfert hilft den Menschen nach der Flut in NRW. Im Interview spricht sie darüber, was die Menschen ein Jahr nach der Katastrophe brauchen.

Frau Göpfert, Sie sind Sozialarbeiterin bei der Arbeiterwohlfahrt und bieten Ihre Beratung mitten im Flutgebiet, in Swisttal, an. Mit welchen Anliegen kommen die Menschen zu Ihnen?

Die Menschen kommen in der Regel relativ unsortiert, da sie erst einmal das Gespräch suchen. Sie stehen unter Druck, weil sie zum Beispiel bei der Antragstellung für die Wiederaufbauhilfe NRW oder für Spenden überfordert sind. Dann kommen sie entweder direkt zum Fluthilfemobil der Arbeiterwohlfahrt oder rufen mich an, um einen Termin zu vereinbaren. Im Erstgespräch geht es in erster Linie darum, erst einmal herauszufinden, was der nächste Schritt ist, damit überhaupt an Lösungen gearbeitet werden kann.

Geht es dabei vor allem um praktische Fragen der Anträge und Hilfsgelder? Oder sind das emotionale Fragen, nachdem viele ihre Existenz oder zumindest ihr Umfeld teilweise verloren haben?

Beides lässt sich kaum voneinander trennen. Die individuell erlebten Schicksale sind natürlich immer mit Emotionen verbunden, etwa mit der durchlebten Angst während der Flut, der Trauer um Angehörige oder auch mit Zukunftsängsten. Eine reine Abarbeitung praktischer Fragen kommt nur sehr selten vor.

Hilfe nach der Flutkatastrophe in NRW: Oft wird psychologische Hilfe benötigt

Mit welchen konkreten Themen und Fragen kommen die Menschen zu Ihnen?

Handfeste Probleme sind zum Beispiel Anträge auf finanzielle Hilfen oder mögliche Bedarfe aus dem Bereich der Sozialgesetzgebung. Oft zeigt sich im Verlauf eines Gespräches, dass schon vor der Flut Schwierigkeiten existierten, aber noch nicht an der Oberfläche waren. Die Flut hat aus kleinen oft große Probleme gemacht. Der Bedarf an Hilfe und Unterstützung wurde sichtbarer und natürlich akut. Wer zur AWO-Beratung kommt, kann jetzt konkret Schritte gehen, die auch nachhaltig helfen. Das können Anträge zur Feststellung einer Behinderung oder des Pflegegrades sein, aber auch für den Kinderzuschlag, Wohngeld oder auch für Reha-Maßnahmen, weil sich herausgestellt hat, dass die Überforderung spürbar geworden ist, die vielleicht schon zuvor in Ansätzen da war. All diese konkreten Probleme sind aber immer vor dem Hintergrund von tief verankerten Emotionen zu lesen. Da ist sehr viel Sensibilität gefragt – und nicht selten vermitteln wir auch psychologische Unterstützung.

Welche Veränderung spüren Sie im Umgang in den betroffenen Gebieten? Im Zuge der Aufräumarbeiten gab es viel Solidarität. Glauben Sie, das ist nachhaltig?

Ich nehme wahr, dass im Gegensatz zur erlebten Isolation durch Corona zuvor, die Menschen offen aufeinander zugehen und leicht ins Gespräch kommen. Das ist derzeit ja auch wichtig. Die Menschen sind aufeinander angewiesen. Außerdem haben sich Freundschaften aufgrund der erlebten Hilfe gebildet. Die praktizierte Solidarität in den Flutgebieten ist nach wie vor sehr ausgeprägt. Dazu zähle ich im übrigen auch das Engagement der AWO hier vor Ort, auch, aber nicht nur durch das Fluthilfemobil. Die Bereitschaft von ehrenamtlichen Helfenden, die von weiter herkamen, hat jedoch abgenommen. Das ist ja auch nachvollziehbar. Dennoch gibt es nach wie vor auch Freundschaften zwischen ehrenamtlichen Helfern aus ganz Deutschland und den Menschen aus den betroffenen Gebieten. Da es eine Ausnahmesituation ist, wirklich existenziell Hilfe zu brauchen und diese auch zu bekommen, denke ich, dass die Freundschaften sehr tief wurzeln und beide Seiten die Unterstützung und Verbundenheit nicht vergessen werden.

Ein Jahr nach der Flutkatastrophe: Wie erleben die Anwohner den Jahrestag?

Mit welchen Gefühlen sehen Sie auf die Berichterstattung zum Jahrestag der Flut? Ist es gut, dass die Menschen wieder in den Mittelpunkt rücken – oder gibt es die Gefahr von Retraumatisierung?

Derzeit ist sichtbar, dass die Medien in sehr unterschiedlicher Weise aus den Flutgebieten berichten. Wenn reißerisch oder vermeintlich investigativ über Menschen oder Zusammenhänge berichtet wird, erleben manche Menschen eine zweite Flut. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass die Witterung der im vergangenen Jahr ähnelt. Es gab zum Beispiel Starkregen, die in den letzten beiden Monaten als sehr bedrohlich erlebt wurden. Jahrestage beinhalten grundsätzlich immer das Potenzial, noch einmal zu gedenken, sich zu erinnern an das, was verloren ist und auch an das, was erlebt wurde an Gutem, an Hilfe. Das eigene Erleben dazu ist individuell verschieden und da muss auch dementsprechend geschaut werden, wo Unterstützung gefragt ist. Diese Zeit ist sehr sensibel und birgt gleichermaßen Potenzial für Zuversicht wie auch für die Gefahr einer empfundenen Verschlimmerung. Da sind die Helfenden in den Gebieten sehr aufmerksam und dementsprechend vernetzt.

Wie lange wird es dauern, bis die Wunden der Flut verheilen? Wie lange sollte der Staat sich um die Menschen und ihre Anliegen kümmern?

Hier ist das Land gefragt, die Wiederaufbauhilfen zu verlängern. Ich erlebe, dass zum Teil Menschen erst jetzt überhaupt wahrnehmen, dass es Hilfen für sie gibt. Zuvor war es, etwa wegen der Traumatisierung, mitunter gar nicht möglich, überhaupt in der Realität anzukommen. Dies wird noch Zeit brauchen. Die Regierung muss die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Hilfsorganisationen ihre Angebote nicht vorschnell aus betroffenen Regionen abziehen müssen, oder es müssen ausreichend Spenden an die Hilfsorganisationen fließen. Gerade die Trauma-Aufarbeitung kann erst erfolgen, wenn die wohnliche Grundlage der Menschen wiederhergestellt sein wird. Das wird noch einige Jahre dauern.

Interview: Martin Benninghoff

In dem Ort Marienthal will man die Flutkatastrophe als Chance nutzen: Nach dem Aufbau der zerstörten Häuser sollen diese mit Sonnenenergie versorgt werden – und die Liste geht weiter.

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