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Nach der Flutkatastrophe: Das Ahrtal als Modellregion

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Von: Joachim Wille

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Auf die Dächer sollen Solarmodule, auf die Berge Windräder. Boris Roessler/dpa
Auf die Dächer sollen Solarmodule, auf die Berge Windräder. © dpa

Beim Wiederaufbau im Flutgebiet soll erneuerbare Energie zum Standard werden, doch bei der Umsetzung hapert es.

Ahrtal – Der Wiederaufbau in den Jahrhundertflut-Regionen von Juli 2021 läuft. Die Kosten, die dafür aufgewandt werden müssen, sind gewaltig. Allein der Bund hat dafür einen Aufbauhilfefonds mit 30 Milliarden Euro eingerichtet. Das Ahrtal in Rheinland-Pfalz, die am stärksten betroffene Region, könnte eine Klima-Vorzeigeregion werden – ein SolAHRtal. So sieht es ein Konzept vor, das von mehr als 20 Umwelt- und Klimaorganisationen erarbeitet worden ist. Doch das Vorzeigeprojekt kommt nur langsam in Fahrt.

Die Verwüstungen durch die Überschwemmungen sind eine Katastrophe, sie bieten aber auch eine Chance. Beim Wiederaufbau müsse natürlich der Hochwasserschutz berücksichtigt werden, sagt Professor Urban Weber von der Technischen Hochschule Bingen. Aber: „Es sollte auch die Gelegenheit ergriffen werden, die Infrastruktur und die Gebäude gleich auf eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien umzurüsten, wie sie ohnehin mit Blick auf die im Bundesland Rheinland-Pfalz bis spätestens 2040 angestrebte Klimaneutralität erforderlich ist.“

Ahrtal: Energieversorgung von Ahrweiler komplett auf erneuerbare Energien umstellen

Dafür liegt seit Mai ein ausgearbeiteter Masterplan vor, präsentiert von der Initiative „Aus Ahrtal wird SolAHRtal“. Der Anstoß dazu kam bereits im vorigen August von kommunalpolitischen Akteuren, den Scientists for Future sowie dem bundesweiten NGO-Arbeitskreis „Runder Tisch Erneuerbare Energien“, der sich für eine dezentrale Energiewende einsetzt. Mitglieder sind hier Gruppen wie das Bündnis Bürgerenergie oder Eurosolar. Eine Gruppe von Wissenschaftler:innen erarbeitete im September das SolAHRtal-Konzept“, auf das der aktuelle Masterplan aufbaut. Hauptautor des Konzepts ist Weber.

Laut dem Masterplan ist es möglich, die Energieversorgung des Landkreises Ahrweiler bis 2030 komplett auf erneuerbare Energien umzurüsten. Dazu müssten die Kapazitäten für Solar- und Windenergie in der Region deutlich ausgebaut werden. Pro Jahr sieht das Konzept beim Solarstrom einen Zubau von 70 Megawatt (MW) auf Dächern und Freiflächen sowie bei der Windkraft von etwa 40 MW vor, was etwa zehn Rotoren entspricht. Im Jahr 2021 betrug der Zubau bei der Solarenergie nur 6,1 MW, also weniger als ein Zehntel, und der der Windkraft war zuletzt ganz ins Stocken geraten.

Ahrtal: „Es läuft insgesamt zu zäh“

Ein zentraler Sektor ist auch die Wärmeversorgung der Häuser für Heizung und Warmwasser. Heizungen, die mit Erdgas und Erdöl laufen, sollen laut dem Konzept ersetzt werden – dort, wo es möglich ist, durch Nahwärme-Netze, ansonsten vor allem durch Wärmepumpen, ergänzt durch Solarkollektoren. Auch die Nutzung von Biomasse, etwa Holz oder Stroh, ist Teil des Konzepts.

Allerdings soll sie möglichst effizient in Heizkraftwerken genutzt werden, also gleichzeitig zur Wärme- und Stromproduktion, sowie aus lokaler Erzeugung stammen, die nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion steht. Vor allem bei der Wärmeversorgung sei eine gezielte Beratung der Hauseigentümer notwendig und geeignete Fördermaßnahmen wichtig, um weg von Erdgas und Erdöl zu kommen, so lautet eine Forderung.

Die Grundidee des SolAHRtal traf bereits im vergangenen Jahr auf viel Zustimmung, bei den Bürger:innen und in der Politik. Es tat sich regional auch einiges, so haben inzwischen bereits acht Gemeinden konkrete Pläne für Nahwärmenetze in Planung. Und sogar auf dem UN-Klimagipfel im schottischen Glasgow im vergangenen November wurde das Konzept als wegweisend für den Umbau zu einer Klima-Modellregion vorgestellt.

Trotzdem sind die Initiator:innen unzufrieden. „Es läuft insgesamt zu zäh“, sagt Weber. So sei schon im vergangenen Jahr bei der Ausgestaltung des Wiederaufbaufonds die Gelegenheit versäumt worden, die Hilfen mit einer klimapolitischen Ausrichtung zu verknüpfen und den Öko-Technologien Vorrang im Vergleich zu den fossilen zu geben. „Natürlich war es richtig, zum Beispiel zerstörte Gasleitungen wiederherzustellen, damit die Menschen im letzten Winter wieder heizen konnten“, sagt der Experte.

Aber nun werde teilweise sogar der Neubau von Erdgas-Infrastrukturen geplant. Tatsächlich hat der Zweckverband Wasserversorgung Eifel-Ahr eine Erweiterung des Netzes im mittleren und oberen Ahrtal vorbereitet. Ein solcher Ausbau sei ein Unding in Zeiten der Folgen des Ukraine-Kriegs und zementiere die Abhängigkeit von dem teuren und klimaschädlichen Rohstoff, meint Weber.

Der Professor appelliert an das Land Rheinland-Pfalz und den Bund, den Klima-Umbau im Ahrtal finanziell gezielt zu unterstützen. „Es ist nie zu spät, mit dem Aufbau einer 100-Prozent-Erneuerbare-Energien-Region zu beginnen“, sagt er. Auch wenn jetzt mit etwas Verspätung gestartet werde, könne das Projekt immer noch Modellcharakter haben. An der Ahr könne gezeigt werden, wie schnell der Aufbau gehen kann und welche Vorteile ein ganzheitlicher Ansatz hat, der die Bürger konsequent beteiligt. (Joachim Wille)

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