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Flut in Pakistan: Tödliche Spuren des Klimawandels

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Von: Joachim Wille

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Ein drittel des Landes steht derzeit unter Wasser.
Ein Drittel des Landes Pakistan steht derzeit unter Wasser. © Jan Ali Laghari/Imago

Laut der Forschungsgruppe „World Weather Attribution“ (WWA) haben menschengemachte Klimaveränderungen die Megaflut in Pakistan „wahrscheinlich“ mitverursacht.

Es ist eine Katastrophe kaum vorstellbaren Ausmaßes. Ein Drittel von Pakistan, eines Landes mit 220 Millionen Einwohner:innen, ist überflutet. UN-Generalsekretär António Guterres, der Pakistan am vergangenen Wochenende besuchte, forderte die Weltgemeinschaft dazu auf, „die Kräfte aller im Kampf gegen den Klimawandel zu mobilisieren“. Die Welt laufe auf eine Katastrophe zu. „Wir haben einen Krieg gegen die Natur geführt und die Natur schlägt jetzt auf verheerende Weise zurück“, sagte er in der Hauptstadt Islamabad.

Eine aktuelle wissenschaftliche Studie stützt diese Aussage nun. Laut der Arbeit der Forschungsgruppe „World Weather Attribution“ (WWA) haben menschengemachte Klimaveränderungen die extremen Regenfälle „wahrscheinlich“ mitverursacht. Einige der benutzten Klimamodelle haben danach sogar ergeben, dass der Anstieg komplett auf die Erderhitzung zurückzuführen ist. Das Team räumte jedoch ein, dass die Ergebnisse noch Unsicherheiten enthielten.

Flut in Pakistan: „Die Fingerabdrücke der Klimaerwärmung sind offensichtlich“

Die Gruppe ist ein Zusammenschluss führender Klimawissenschaftler:innen auf dem Feld der sogenannten Attributionsforschung. Der Forschungszweig versucht zu ermitteln, wieviel Klimawandel in einem Wetterereignis steckt. Eine WWA-Analyse zu der extremen Hitzewelle, die in Indien und Pakistan in diesem Frühjahr herrschte, hatte gezeigt, dass diese dadurch rund 30-mal wahrscheinlicher geworden war als in einer Welt ohne Klimawandel. Die Attributionsanalyse ist bei Hitzeperioden grundsätzlich leichter durchzuführen als bei Regenextremen.

Die WWA-Expertin Friederike Otto vom Imperial College in London kommentierte: „Was wir in Pakistan gesehen haben, ist genau das, was Klima-Projektionen seit Jahren vorhersagen.“ Die neue Analyse zeige, dass eine weitere globale Erwärmung die Regenfälle noch weiter verstärken werde. Es sei zwar schwierig, den Anteil des Klimawandels genau zu quantifizieren. „Die Fingerabdrücke der Klimaerwärmung sind aber offensichtlich.“

Flut in Pakistan: Das Finanzministerium rechnet mit Schäden von 30 Milliarden Euro

Pakistan ist bereits seit Mitte Juni von extrem starkem Monsunregen betroffen. Im August war die Regenmenge laut WAA landesweit dreimal so hoch wie normal, in den besonders betroffenen Süd-Provinzen Sindh und Belutschistan sogar sieben- bis achtmal. Laut der nationalen Katastrophenbehörde steht derzeit etwa ein Drittel des Landes unter Wasser. Insgesamt leiden rund 33 Millionen Menschen unter den Fluten, fast ein Siebtel der Bevölkerung. Damit ist die Lage schlimmer als während der „Superflut“, die das Land 2010 erlebte. Damals waren 20 Millionen Menschen betroffen.

In der aktuellen Megaflut sind inzwischen rund 1400 Menschen gestorben, 660.000 mussten aus ihren Dörfern gerettet werden und leben nun zumeist in provisorischen Lagern. Die Zahl der zerstörten Häuser wird auf 1,7 Millionen geschätzt, zahlreiche Straßen, Brücken und Bahnlinien sind nicht mehr funktionsfähig. Viele Felder sind überflutet und Ernten zerstört, darunter die der wichtigen Produkte Reis- und Baumwolle. In den Dörfern stirbt das Vieh, es findet kein Futter mehr. Das pakistanische Finanzministerium taxiert die Schäden auf umgerechnet knapp 30 Milliarden Euro.

Warnung vor Hunger

Auf eine dramatische Zunahme von Hungersnöten in stark durch den Klimawandel betroffenen Gebieten hat die Hilfsorganisation Oxfam hingewiesen. In den zehn am meisten von extremen Wetterereignissen betroffenen Klima-Krisenherden kämpften mehr als doppelt so viele Menschen mit akutem Hunger als vor sechs Jahren, heißt es in einer Studie.

Die Klimakrise bringe mehr und mehr extreme Wetterverhältnisse wie Dürren, Wirbelstürme und Flut mit sich. Deren Zahl habe sich in den vergangenen 50 Jahren verfünffacht, auch forderten sie immer mehr Todesopfer.

In Kenia seien durch Dürre fast 2,5 Millionen Nutztiere gestorben, 2,4 Millionen Menschen kämpften dort nun mit Hunger, heißt es in der Analyse. Für Niger wurde die Zahl der hungernden Menschen mit 2,6 Millionen angegeben, fast acht mal so viele wie 2016. afp

Flut in Pakistan: WHO und Hilfsorganisationen warnen vor Infektionskrankheiten

Ein weitere, gravierende Gefahr sind nun Infektionskrankheiten, die sich im nur langsam abfließenden Wasser ausbreiten können. Die WHO und Hilfsorganisationen warnen, dass Durchfall, Cholera, Malaria und Dengue zum nächsten großen Problem in den Flutgebieten werden. Eine Entspannung der Lage ist hier vorerst nicht in Sicht, da im ganzen September gewöhnlich noch intensiver Monsunregen fällt.

Guterres sagte, der Klimawandel treffe Pakistan in einem bisher ungekannten Ausmaß. „Familien haben ihre Liebsten, ihre Häuser, ihre Ernte und ihre Arbeit verloren.“ Er habe noch nie ein „Klima-Massaker dieser Größenordnung gesehen“. Der UN-Chef sprach auch das Nord-Süd-Problem beim Klimawandel an. Pakistan gehöre zu den Ländern, die am meisten von der Klimakrise betroffen seien, habe aber selbst kaum dazu beigetragen.

„Es ist absolut notwendig, dass die Weltgemeinschaft das anerkennt, vor allem jene Länder, die mehr zum Klimawandel beigetragen haben“, mahnte Guterres, womit er vor allem die reichen Industrieländer meinte, die die Erdatmosphäre bereits seit über 150 Jahren verschmutzen. Er forderte eine sofortige Reduzierung der Emissionen. Denn: Was heute in Pakistan geschehe, könne morgen jedes andere Land treffen, sagte der UN-Chef.

Flut in Pakistan: Hilfe von China, Großbritannien, USA und weiteren großen Staaten

Ähnlich argumentiert auch die Regierung in Islamabad. Ministerpräsident Shehbaz Sharif betont, Pakistan sei weltweit mit am stärksten vom Klimawandel betroffen, obwohl es weniger als ein Prozent der globalen Emissionen ausstoße. Islamabad leitet daraus die Forderung ab, dass die Industrieländer dem Land finanzielle Hilfe leisten müssten. Auch Guterres forderte die internationale Gemeinschaft auf, Pakistan schnell und massiv zu unterstützen. „Und das ist nicht nur eine Frage der Solidarität und Großzügigkeit. Es ist eine Frage der Gerechtigkeit.“ Kritiker:innen sehen allerdings auch Versäumnisse im Land selber. Die Regierungen in Islamabad und der Provinzen hätten die Klimawandel-Gefahr nicht ernst genug genommen und auch bei der Katastrophenvorsorge versagt.

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Hilfe in der aktuellen Katastrophe kam bisher unter anderem von China, den USA, Großbritannien, Saudi-Arabien, Katar, der Türkei, Usbekistan und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Doch die Differenz zu den Summen, die benötigt werden, ist riesig. Damit verstärkt die Flut die Debatte über die generelle Finanzierung von Klimaschäden in den ärmeren Ländern, die bereits nicht mehr zu verhindern sind. Die Entwicklungsländer fordern seit langen in den internationalen Klimaverhandlungen einen Finanzierungsmechanismus für solche „Verluste und Schäden“ (Loss and Damage).

Obwohl die reichen Nationen den Finanzierungsbedarf zunehmend anerkennen, lehnen sie die geforderte „Klima-Fazilität“ weiterhin ab und wehren sich dagegen, dass das Thema auf dem UN-Klimagipfel COP 27 im ägyptischen Sharm el-Sheikh im November auf die offizielle Tagesordnung gesetzt wird. Es dürfte daher gleich zu Beginn des Gipfels für viel Ärger sorgen.

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