1. Startseite
  2. Politik

Flughafen Frankfurt: „System ist am Anschlag“ – Gewerkschaftssekretär erklärt Chaos

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jutta Rippegather

Kommentare

Der Check-In ist für Christoph Miemietz einer von vier „Flaschenhälsen“ in Frankfurt.
Der Check-In ist für Christoph Miemietz einer von vier „Flaschenhälsen“ in Frankfurt. © Boris Roessler/dpa

Verdi-Gewerkschafter Christoph Miemietz über die extreme Arbeitsbelastung am Flughafen Frankfurt, Angriffe von Reisenden und warum die Billigfliegerei ein Auslaufmodell ist.

Herr Miemietz, Sie kommen gerade aus dem Slowenien-Urlaub. Wie war die Abfertigung am Flughafen von Ljubljana?

Deutlich besser als in Frankfurt. Dort gibt es auch wesentlich weniger Flüge und mit einem internationalen Drehkreuz haben wir es auch nicht zu tun. Allerdings bin ich mit Verspätung in den Urlaub gestartet. Zwei Tage vor Abflug wurde der Flug gecancelt und ich musste mich selbstständig um einen anderen Flug bemühen.

Wie lange haben Sie nach Ihrer Landung in Frankfurt auf Ihr Gepäck gewartet?

Das war meisterhaft in 15 Minuten. Der Pilot hat extra angesagt, dass wir großes Glück haben, dass wir gleich abgefertigt werden und wahrscheinlich schnell zu unseren Koffern kommen.

Da haben Sie wirklich Glück gehabt. Es gibt andere Passagiere, die stundenlang auf ihre Koffer warten oder sie gar nicht bekommen. Stimmt es, dass sich Berge von Gepäck am Flughafen türmen?

Ja, das kann ich bestätigen. Frankfurt ist ein Hub, ein Umsteigeflughafen, der in der aktuellen Situation hoch fragil ist. Wenn eine Verspätung eintritt, und das passiert ständig wegen des Personalmangels, dann erreichen die Leute ihre Anschlussflüge nur sehr knapp. Das Gepäck wird dann aber nicht rechtzeitig abgefertigt, der nächste Anschlussflug ist auch voll und dann bleiben die Gepäckstücke liegen. Mitunter müssen die Passagiere mehrere Tage oder sogar Wochen auf ihre Koffer warten.

Das ist der Anfang. Ende der Woche starten in Hessen und weiteren Bundesländern erst die Sommerferien. Ist der Frankfurter Flughafen darauf vorbereitete?

Der Flughafen ist darauf nicht vorbereitet. Das sieht man auch daran, dass Tausende Flüge von der Lufthansa gestrichen wurden und dass der Flughafenbetreiber Fraport jetzt auch andere Airlines bittet, Flüge zu streichen, um einen Zusammenbruch im Sommer zu verhindern. Es wurden viele Flüge auch zusammengelegt, das erzeugt sehr viel Frust bei den Passagieren. Und es ist davon auszugehen, dass weitere Flüge gestrichen werden. Das System ist wirklich am Anschlag.

Zur Person

Christoph Miemietz, 36, ist seit drei Jahren Gewerkschaftssekretär im Verdi-Büro am Flughafen in Frankfurt.

Wo ist der Flaschenhals am Flughafen?

Wir haben vier Flaschenhälse: Den Check-In, wo seit Monaten Personal fehlt und es auch schwierig ist, neues zu gewinnen. Die Bodenverkehrsdienste, die für das Be- und Entladen der Flugzeuge zuständig sind. Nächster Flaschenhals ist die Luftsicherheit. Und der vierte Flaschenhals sind die fehlenden Flugbegleiter, ohne die ein Flugzeug nicht abheben kann.

Fraport-Tochter Fraground hatte in der Pandemie mehr als 1000 befristete Arbeitsverträge bei den Bodenverkehrsdiensten nicht verlängert. Warum kehren diese Leute jetzt nicht zurück ins Unternehmen?

Wir haben es hier mit 20 Jahren Lohndumping in vielen Bereichen des Luftverkehrs zu tun. Infolge von Outsourcing, Unternehmensausgründungen hatten wir eine Entwicklung von Lohnsenkung, einen Wettbewerb unter den Unternehmen, der über die Löhne lief. Das rächt sich jetzt, noch verstärkt durch die Pandemie. Die Arbeitsplätze wurden unattraktiv. In der Kurzarbeit mussten die Menschen auch noch auf Zuschläge für Wochenenden oder Feiertagsarbeit verzichten. Das hat sie gezwungen, sich auf dem Arbeitsmarkt umzuschauen. Dabei stellten sie fest, dass man in anderen Branchen auch gut verdienen kann.

Wo sind die hin?

In die Logistik sind viele gegangen, die körperliche Arbeit verrichtet haben. Der Internethandel boomt ja. Servicekräfte der Airlines sind zur Bahn abgewandert, weil sie mit ihrer guten Ausbildung dort direkt Anschluss finden konnten. Viele junge Hochqualifizierte sind abgewandert, weil sie nicht warten wollten, bis der Luftverkehr nach Jahren wieder Karrieremöglichkeiten eröffnet.

Christoph Miemietz, 36, ist seit drei Jahren Gewerkschaftssekretär im Verdi-Büro am Flughafen in Frankfurt.
Christoph Miemietz. © Privat

Der Flughafen hatte immer ein gutes Image als attraktiver Arbeitgeber. Hat sich das gewandelt?

Das hat sich definitiv verändert. Die Krise wird noch einige Zeit dauern. Das führt zu einer Verunsicherung bei den Beschäftigten, das Image ist sehr angekratzt. Viele arbeiten hier weiter sehr gerne und mit Herzblut. Machen Überstunden und versuchen, in der aktuellen Situation alles rauszuholen, damit die Menschen wieder reisen können. Aber die Belastung der Beschäftigten ist enorm.

Und da ist noch die schlechte Stimmung der Passagiere?

Ja, sie ist aufgeladen. Die verbalen, aber auch körperlichen Angriffe auf die Beschäftigten nehmen zu. Die Reisenden sind verständlicherweise sehr frustriert und laden das leider bei den Falschen ab. Bei den Beschäftigten am Check-In oder Flugbegleiter:innen. Die Passagiere sollten sich per Mail beim Management beschweren. Die haben das Chaos zu verantworten.

Chaos am Frankfurter Flughafen

„Eine Zumutung für alle“: Reisende berichten über das Warten an der Gepäckausgabe

Was hat das Management falsch gemacht?

Wir erleben hier eine Folge eines jahrelangen Missmanagements, das sich in den letzten Monaten noch verschärft hat. Beschäftigte wurden die ganze Zeit einzig als Kostenfaktor gesehen. Die Löhne waren vielerorts schlecht. Das sieht man daran, dass die baldige Erhöhung des Mindestlohns 20 Prozent der Beschäftigten in der Luftfahrtbranche zugutekommen wird. Das Lohnniveau ist viel zu gering.

Das heißt, wir Touristen sind billig in den Urlaub geflogen auf den Rücken der Beschäftigten. Ist die Billigfliegerei ein Auslaufmodell?

Auf alle Fälle, die sozialen und ökologischen Folgen werden ja immer sichtbarer. Billigfliegen war auch politisch gewollt. Losgetreten hat den ganzen Dumpingwettbewerb eine Verordnung der Europäischen Union, gestützt von den nationalen Regierungen. Das hat schon vor Corona begonnen. Corona war da noch mal ein Brandbeschleuniger. Und das rächt sich jetzt.

Für die 3500 Beschäftigten der Fraport-Bodenverkehrsdienste hat Verdi jetzt 14 Prozent mehr Geld und eine Einmalzahlung von 700 Euro erreicht. Ein Nachholeffekt oder eine beachtliche Lohnsteigerung?

Beides. Die Löhne haben in den letzten Jahren stagniert und das Niveau war schon vor der Pandemie zu gering. Zu einer Zeit, als die Unternehmen hohe Gewinne gescheffelt haben. Die Lohnerhöhung kam zu spät, aber sie kam immerhin.

Fraport hat eigenen Angaben zufolge in diesem Jahr rund 1000 neue Kolleg:innen für die Gepäck- und Bodenabfertigung eingestellt. Warum knirscht es trotzdem weiter?

Das ist kein langfristiger Personalaufbau. Der Großteil sind Leiharbeiter:innen. Viele hören auch wieder auf wegen der extrem hohen Arbeitsbelastung. Die Leiharbeit bringt das Gegenteil von kurzfristiger Entlastung angesichts der Personalknappheit und einer Krankenquote von 20 bis 30 Prozent. Die Neuen müssen parallel zur ohnehin stressigen Arbeit noch angelernt werden.

Als Lösung steht jetzt im Raum, Aushilfskräfte aus der Türkei für drei Monate anzuheuern. Eine gute Idee?

Grundsätzlich begrüßen wir den Vorschlag, weil er zu einer Personalentlastung führen könnte. Doch im Grunde ist es für solche Aktionen zu spät. Die Menschen müssen erst mal herkommen, brauchen eine Unterkunft, Deutsch- oder Englischkurse, sie müssen Sicherheitschecks ablegen, eingearbeitet werden, das dauert Monate. Wenn die Entlastung endlich da wäre, wäre der Sommer schon vorbei.

Was wäre eine bessere Idee?

Auf die Arbeitnehmervertretungen hören. Die warnen seit Monaten davor, dass der Betrieb unter den bestehenden Bedingungen nicht funktionieren kann. Das wurde lange Zeit ignoriert. Erst in letzter Minute kommt die Einsicht.

Flugzeugbewegungen am Frankfurter Flughafen
Flugzeugbewegungen am Frankfurter Flughafen © FR/Statista

Nächstes Wochenende könnte der Frankfurter Flughafen wieder die Vorpandemiezahl von 200 000 Fluggästen am Tag erreichen. Was sind ihre Erwartungen?

Wir gehen davon aus, dass sich die Situation leider noch zuspitzen wird. Momentan sieht es nicht so aus, als würde sich etwas spürbar verbessern. Das sind tatsächlich keine guten Aussichten momentan.

Und wie ist die Lage an anderen Airports?

Wir haben diese Situation an allen deutschen und vielen europäischen Flughäfen. An den großen Hubs ganz besonders. Wir versuchen, diese Folgen des Lohndumpings einzufangen, indem wir mit den Arbeitgeberverbänden und dem Bundesarbeitsministerium für Arbeit einen bundesweiten Branchentarifvertrag für die Bodenverkehrsdienste anstreben. Ziel ist, dort stabile Lohn- und Arbeitsbedingungen zu schaffen und den ruinösen Wettbewerb der vergangenen Jahrzehnte zu beenden.

Also Corona als Chance für einen Umbruch in der Branche?

Es ist ein Skandal, dass Unternehmen und Politik die Situation so weit haben zuspitzen lassen. Trotz aller Signale. Bereits im vergangenen Sommer hat sich das abgezeichnet, als eine kurze Zeit Reisen möglich war. Da haben wir gewarnt. Und auch schon früher den Unternehmen gesagt, dass das mit dem Personalstand nicht klappen kann.

Welche Themen stehen derzeit noch aktuell auf Ihrer Agenda?

Die Tarifverhandlungen mit Lufthansa kommen in die heiße Phase. Wir hoffen, dass die Lufthansa die Situation der Beschäftigten anerkennt. Wir wollen ein gutes Ergebnis am Verhandlungstisch erzielen. Sonst können wir als Gewerkschaft Streik nicht ausschließen, obwohl wir den Konflikt nicht auf den Rücken der Passagiere austragen wollen. Unser Ziel sind vernünftige Arbeitsbedingungen, damit die Menschen in Zukunft wieder beruhigt in den Urlaub fliegen können. (Interview: Jutta Rippegather)

Auch interessant

Kommentare