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Afghanistan

Flucht aus Afghanistan: Kaum jemand glaubt noch an die Versprechen der Taliban

  • Andreas Schwarzkopf
    VonAndreas Schwarzkopf
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US-Streitkräfte bringen afghanische Geflüchtete nach Ramstein – und dann nach Washington. Viele sind aber gezwungen, die gefährlichere Flucht über Land zu wagen.

Ramstein - Es ist eine ungewöhnliche Szene in einem Hangar der US-Air Base Ramstein. Dort wo sonst Militärflugzeuge gewartet werden sitzen 264 afghanische Geflüchtete auf Stuhlreihen hinter Absperrgittern, die sie von den Soldatinnen und Soldaten abtrennen. Die Frauen, Männer und Kinder scheinen ruhig nach der jüngsten Etappe ihrer Flucht vor den Taliban in eine ungewisse Zukunft in den USA. Gespräche mit ihnen sind nicht erlaubt. Das US-Militär fürchtet, die Dschihadisten könnten in Afghanistan zurück gebliebene Familienangehörige der Geflohenen bedrohen.

Die US-Armee hat sie nach Auskunft von General Jeffrey Lee Harrigian von Kabul nach Katar geflogen. Von dort ging es weiter auf den Militärflugplatz in der Nähe von Kaiserslautern.

Flucht aus Afghanistan: Unternehmen bei Ramstein helfen bei der Versorgung

Rund 9.000 afghanische Geflüchtete sind nach Angaben des US-Militärs bislang in Ramstein angekommen, 2500 von ihnen konnten bereits in die Vereinigten Staaten weiterreisen. Die anderen sind in einer Zeltstadt auf dem Areal untergebracht und werden dort von den rund 11 000 US-Soldatinnen und -Soldaten des Stützpunktes versorgt. Für diesen Teil der Mission arbeitet das Militär mit den umliegenden Gemeinden und zuständigen Behörden zusammen.

Nach der Landung in Ramstein versorgen US-Militärärzte eine Frau, die auf dem Flug ein Kind geboren hat.

Diese Kooperation lobt Harrigian als Kommandeur der US-Streitkräfte in Europa mehrfach. Deutsche Unternehmen helfen demnach dabei, um Afghaninnen und Afghanen etwa mit Nahrung oder wichtigen Artikeln für die Hygiene zu versorgen. Sie werden auch medizinisch betreut. Sie seien beispielsweise alle auch auf Corona getestet, heißt es.

Afghanistan: Geflüchtete sollen verteilt werden

Die 264 erwähnten Geflüchteten warten auf ihren Weiterflug mit einer Chartermaschine, die in Sichtweite auf dem Rollfeld steht. Sie werden in dem improvisierten Terminal ähnlich abgefertigt wie auf zivilen Flughäfen. Offizielle vom US-Heimatschutzministerium prüfen ihre Dokumente. Registriert werden die Flüchtlinge während des Aufenthalts in Ramstein. Offiziell gab es dabei keine Probleme.

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Nach ihrer Ankunft am Airport Dulles in Washington sollen sie im ganzen Land verteilt werden. Wo sie am Ende leben werden, kann niemand in Ramstein sagen. Ziel sei es, jede Woche 5000 Menschen durchzuschleusen, sagt Major Justin Dere, der für die Abfertigung im Hangar zuständig ist. Ramstein ist nur ein Stützpunkt von dreien in Europa, wo afghanischen Flüchtlinge für ihre Weiterreise in die USA gesammelt werden. Flüge gehen auch von der Sigonella Air Station auf Sizilien und aus dem spanischen Rota, heißt es. Für die US-Rettungsaktion hat die Biden-Administration nicht nur mit dem Golfstaat Katar sondern noch mit gut zwei Dutzend weiteren Staaten vereinbart, die Flüchtlinge für kurze Zeit in dem jeweiligen Land unterzubringen.

Afghanistan: 70.000 Menschen aus Kabul fortgebracht

Bislang hat alleine das US-Militär rund 70 000 Menschen aus Kabul fortgebracht. Wie viele es am Ende sein werden, kann in Ramstein niemand beziffern. „Unser Auftrag ist es, so viele Menschen rauszubekommen, wie möglich“, sagt Clark Price, der ranghöchste US-Diplomat in Deutschland auf der Air Base.

Ob über Kabul auch nur ein Mensch noch rauskommt, ist nach den tödlichen Explosionen am Flughafen extrem zweifelhaft. Verbündete wie Belgien und die Niederlande haben ihre jeweiligen Missionen bereits gestoppt. Frankreichs Premier Jean Castex hat angekündigt, die Armée de l’Air werde von Freitag an Kabul nicht mehr anfliegen. Die Einheiten der Bundeswehr sollten an diesem Freitag zurückkehren. Die letzten US-Militärs sollen dann am 31. August das Land verlassen.

Hunderttausende in Afghanistan auf der Flucht

Gleichzeitig verhandeln westliche Staaten weiter mit Vertretern der Taliban in Doha darüber, ob und wie weitere Hilfskräfte oder bedrohte Afghaninnen und Afghanen das Land verlassen können. Die Islamisten haben zwar angekündigt, dass alle mit gültigen Ausweisen nach dem Ende der Evakuierung Afghanistan noch verlassen können, sobald der Internationale Airport in Kabul übernommen sei. Doch kaum jemand glaubt, dass sie diese Versprechen auch halten.

Berichte der UN wie auch von Pro Asyl zeichnen ein anderes Bild: Demnach haben die Taliban bereits ehemalige Hilfskräfte der westlichen Staaten oder Angehörige etwa der Minderheit der Hazara hingerichtet, ausgepeitscht oder anderweitig drangsaliert. Außerdem müssen Frauen vielerorts wieder zumindest einen Schleier tragen und dürfen außerdem nicht mehr arbeiten.

Bedrohungen durch Kämpfe zwischen Taliban und der afghanischen Armee

Diese Bedrohungen und die Kämpfe zwischen Taliban und der afghanischen Armee sowie deren westlichen Verbündeten hat die Zahl der Binnenflüchtlinge in Afghanistan nach einem Bericht des UNHCR seit Januar auf 500 000 anwachsen lassen. Viele von ihnen campierten in Parks oder an anderen Orten in Kabul, bis die Taliban die Hauptstadt eingenommen haben.

Insgesamt gibt es demnach 3,5 Millionen Vertriebene im Land. Nicht nur sie wissen nicht, wie sie überleben sollen. 12,2 Millionen Menschen sind von Ernährungsunsicherheit bedroht. Diese Zahl dürfte noch wegen der andauernden Dürre wachsen, warnen internationale Hilfsorganisationen immer wieder.

Viele fliehen nach Pakistan, Iran schottet sich ab

Viele Afghaninnen und Afghanen sind deshalb – über einen längeren Zeitraum verteilt – in die Nachbarländer geflohen. Pakistan hat nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks rund 1,4 Millionen von ihnen aufgenommen, im Iran lebten Ende vergangenen Jahres rund 780 000.

Pakistan hat während der Machtergreifung der Taliban die Grenzen geschlossen. Inzwischen sind sie wieder geöffnet und laut dpa überqueren aktuell wieder mindestens 10.000 Menschen den Grenzpunkt Spin Boldak/Chaman. Wie sich Iran verhalten wird, ist noch unklar. Nach Schätzungen von Hilfsorganisationen ließ Teheran fast alle der 780.000 in den Iran Geflüchteten abschieben.

Flucht aus Afghanistan über Iran und Türkei wird immer schwieriger

Wie auch immer sich die Nachbarstaaten verhalten – der Weg nach Europa wird für Flüchtende aus Afghanistan schwieriger. Die Türkei, wo nach Angaben der UN zwischen 100.000 und 500.000 afghanische Flüchtlinge leben, baut eine Mauer an der Grenze zum Iran. Zusätzlich ist die einstige Balkanroute inzwischen nahezu undurchdringlich geworden.

All das erhöht den Druck auf westliche Staaten, sich nicht nur um die ehemaligen Hilfskräfte zu kümmern. Deshalb wird bereits darüber diskutiert, ob die USA, Deutschland und deren Verbündeten weitere Flüchtlinge aufnehmen.

Nördliche Nachbarn halten sich bisher zurück

Doch die lauteren Stimmen aus der EU sind bisher eher ablehnend. Sie favorisieren es, mit Geld die Nachbarn Afghanistans dabei zu unterstützen, die Geflohenen dort zu versorgen. Dabei dürften Pakistan und der Iran womöglich schon bereit sein, Afghaninnen und Afghanen aufzunehmen. Die nördlichen Nachbarn wie Usbekistan, Turkmenistan und Tadschikistan sind dazu bisher kaum oder gar nicht bereit gewesen.

Die Taliban dürften ohnehin nicht daran interessiert sein, zu vielen Menschen zu gestatten, das Land zu verlassen. Sie wiesen bereits mehrfach darauf hin, dass sie nicht zu viele gut ausgebildete Fachkräfte verlieren wollen. Deshalb dürften sie in Verhandlungen mit westlichen Staaten darauf drängen, mit finanziellen Hilfen die Menschen im Land zu halten. Das birgt zwar für den Westen das Dilemma, künftig den einstigen Gegner unterstützen zu müssen. Gleichzeitig scheint das die einzige Chance, einige Fortschritte seines 20-jährigen Afghanistan-Einsatzes zu bewahren.

Flucht aus Afghanistan: Kehren die Menschen je wieder zurück?

Womöglich kehren dann einige der Geflüchteten wieder zurück. Undenkbar ist das nicht. Nach dem Einmarsch der Sowjetunion 1979 flohen rund sechs Millionen Afghaninnen und Afghanen vor allem nach Pakistan und in den Iran. Viele gingen nach dem Abzug der Sowjets wieder zurück.

Ähnliches ereignete sich nach der Flucht vor dem Bürgerkrieg Anfang der 90er Jahre oder nach der Flucht vor den Taliban und deren Schreckensherrschaft von 1996 bis 2001. Das UNHCR hat vier Millionen Menschen dabei geholfen, zwischen 2002 und 2007 wieder nach Afghanistan zu gehen. Freilich unter anderen Voraussetzungen. (Andreas Schwarzkopf)

Rubriklistenbild: © EDGAR GRIMALDO/AFP

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