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Auf Brandqualm folgt Tränengas: Verzweiflung und Leid auf Lesbos.

Flüchtlinge auf Lesbos

Flüchtlingslager Moria: Tausende Menschen in auswegloser Lage

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Bei einem Brand im überfüllten Flüchtlingslager Moria auf Lesbos sterben eine Mutter und ihr Kind. Hilfsorganisationen kritisieren die EU-Politik scharf.

Die Bundesregierung hat sich bestürzt über den Brand mit zwei Toten im griechischen Flüchtlingslager Moria auf der Insel Lesbos geäußert und dringt zugleich auf schnellere Rückführungen in die Türkei. Regierungssprecher Steffen Seibert sprach am Montag in Berlin von einer „Tragödie, die auch uns bestürzt“.

Die griechische Regierung arbeite derzeit intensiv an Lösungen angesichts der zum Teil sehr schwierigen Lage auf den Inseln, und die Europäische Union stehe bereit, substanzielle Hilfe zu leisten. „Ein Schlüssel“ sei dabei in der EU-Türkei-Erklärung zu finden: So müsse die Zahl der Rückführungen deutlich gesteigert werden. Griechenland teile diese Sichtweise, fügte Seibert hinzu.

Aufstand der Migranten

Am Sonntag waren in dem überfüllten Lager zwei Brände ausgebrochen. Augenzeugenberichten zufolge sollen randalierende Migranten die Feuer gelegt haben. Polizei und Feuerwehr rückten an, wurden aber mit Steinwürfen, Knüppeln und Eisenstangen angegriffen. Zwei Löschfahrzeuge wurden demoliert. So konnten sich die Flammen ausbreiten. „Wir hatten Angst um unser Leben“, sagte der Feuerwehrmann Georgios Dinos im griechischen Fernsehen. Als die Polizei die Migranten mit Tränengas zurückdrängen und die Feuerwehr löschen konnte, waren bereits acht Wohncontainer ausgebrannt.

Nach Agenturberichten kamen dabei eine Mutter und ihr Kind ums Leben. Dem tödlichen Feuer folgten neue Ausschreitungen. Die Randalierer demolierten Einrichtungen des Camps, steckten Müllcontainer in Brand und verwüsteten die Büros der Lagerleitung sowie der Asylbehörde. Bei den Auseinandersetzungen, in deren Verlauf auch Migranten unterschiedlicher Herkunft aufeinander losgingen, wurden viele Menschen verletzt. Acht Männer, sechs Frauen, zwei Kinder und ein Säugling mussten mit Verletzungen ins Krankenhaus gebracht werden.

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„Keiner dieser Menschen, speziell von den Kindern, sollte hier sein“, twitterte die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, deren Mediziner Verletzte auf der Insel versorgten. Der Geschäftsführer der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl, Günter Burkhardt, erklärte: „Wer Tausende Menschen einer ausweglosen Lage aussetzt, ist mitverantwortlich für eine Eskalation.“

Flüchtlinge sollen in die Türkei zurück

In Moria, dessen Unterkünfte und sanitäre Anlagen für 3000 Menschen ausgelegt sind, sind nach offiziellen Angaben vom vergangenen Freitag 12 305 Menschen eingepfercht. Weil alle Wohncontainer belegt sind, hausen Tausende in selbstgezimmerten Unterschlägen oder Campingzelten. Sie warten auf die Bearbeitung ihrer Asylanträge. Aber das dauert Jahre. Insgesamt harren auf den Ägäisinseln 29 223 Menschen aus – mehr als doppelt so viele wie noch im April. Und der Migrationsdruck wächst ständig.

Im August kamen 8103 Schutzsuchende aus der Türkei zu den griechischen Inseln, doppelt so viele wie im Vorjahresmonat. Im September waren es bereits über 9000. Das ist die höchste Zahl innerhalb eines Monats seit Inkrafttreten des Flüchtlingsabkommens mit der Türkei im März 2016. Während noch in der Nacht zum Montag weitere Einheiten der Bereitschaftspolizei mit einem Militärflugzeug vom Festland nach Lesbos gebracht wurden, beriet am Montagvormittag in Athen das Kabinett in einer Sondersitzung über die Lage. Die Regierung will jetzt die Sicherung der Seegrenzen verstärken, mehr Migranten von den Inseln aufs Festland bringen und abgelehnte Asylbewerber zügiger in die Türkei zurückschicken, wie es der Flüchtlingspakt vorsieht.

Der für die Migrationspolitik zuständige Vizeminister Giorgos Koumoutsakos will am Mittwoch mit der türkischen Regierung über ein Gegensteuern angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen beraten.

EU-Grenzschutzagentur Frontex soll aushelfen

Am Donnerstag und Freitag kommen Bundesinnenminister Horst Seehofer, sein französischer Amtskollege Christophe Castaner und der EU-Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos nach Ankara und Athen. Dabei geht es um weitere Finanzhilfen für die Türkei, die bereits rund vier Millionen Migranten beherbergt. Auch Griechenland ruft nach Hilfe: Bei der EU-Grenzschutzagentur Frontex hat Athen nun technische Ausrüstung zur Überwachung der Seegrenze angefordert.

Lesen Sie hier unseren Kommentar zum Flüchtlingslager Moria

Die griechische Regierung wünscht sich auch mehr Unterstützung der EU bei der Bearbeitung der Asylanträge und eine gerechtere Verteilung der Migranten. In einer Rede vor der Uno-Vollversammlung in New York hatte der griechische Premierminister Kyriakos Mitsotakis am Freitag gesagt: „Griechenland kann nicht allein die Last der Massenbewegungen von Menschen schultern, die vor Kriegen und Unterdrückung fliehen oder einfach ein besseres Leben suchen.“ (mit epd, dpa)

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