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Flüchtlinge zwischen Belarus und Polen: Gefangen im Niemandsland

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Hungrig und durstig. erschöpft, teilweise verletzt: Geflüchtete in den Wäldern des polnischen Bialowieza-Nationalparks.
Hungrig und durstig. erschöpft, teilweise verletzt: Geflüchtete in den Wäldern des polnischen Bialowieza-Nationalparks. © Elisa Rheinheimer

Polen hat an der Grenze zu Belarus eine 180 Kilometer lange Mauer errichtet, um Flüchtlinge abzuwehren, die in die EU wollen. Doch noch immer harren viele Menschen dort aus. Von Elisa Rheinheimer.

Aufmerksam sieht Wojtek sich um, als er das Auto über die kleinen Waldwege in Podlachien im Osten Polens lenkt. Mit den Augen sucht er die Umgebung ab. Es ist niemand in Sicht, weder Grenzbeamt:innen noch Einheimische. Das beruhigt ihn. Auf der Rückbank sitzen zwei junge Männer, die auf dem Handy GPS-Koordinaten verfolgen. „Hier ist es!“, ruft einer von ihnen, und Wojtek hält den Wagen an. Seine zwei Mitfahrer werfen sich Trekkingrucksäcke über die Schultern, springen heraus und rennen in den Wald. Während Wojtek davonfährt, schlagen sie sich ins dichte Buschwerk. Es wirkt fast so, als ob die Männer in krimineller Mission unterwegs seien.

In den Augen der polnischen Regierung sind sie das auch: Wojtek, Michal und Krysz helfen Flüchtlingen, die über die wenige Kilometer entfernte belarussische Grenze kommen. Wem Beihilfe zur illegalen Einwanderung vorgeworfen wird, dem drohen in Polen hohe Strafen. Die drei Aktivisten, die eigentlich als IT-Fachmann, Fahrradpädagoge und Fotograf arbeiten und aus verschiedenen Gegenden Polens stammen, kommen trotzdem immer wieder. Unter dem Dach des Hilfsbündnisses Grupa Granica organisieren sie sich mit anderen Landsleuten, die nicht zusehen wollen, wie mitten in Europa schutzsuchende Menschen im Wald verhungern, dehydrieren, erfrieren. Mindestens 21 Flüchtlinge sind im polnisch-belarussischen Grenzgebiet schon ums Leben gekommen, seit der belarussische Diktator Alexander Lukaschenko im Juli 2021 Menschen aus aller Welt versprach, sie könnten von seinem Land aus weiter in die EU reisen – und die EU alles tut, um das zu verhindern.

Schnell sind die Männer im Wald verschwunden. Umgestürzte Bäume, herabhängende Zweige und hüfthohe Brennnesseln erschweren das Gehen. Es ist leicht, in dem Dickicht die Orientierung zu verlieren. Der Bialowieza-Nationalpark gilt als letzter Urwald Europas: Wölfe und Wisente, Luchse und Braunbären durchstreifen ihn, vielerorts ist es sehr sumpfig. Laut der Grupa Granica sind an einem einzigen Tag im Juli 54 Hilferufe von Schutzsuchenden eingegangen. Die Dunkelziffer jener, die im Wald ausharren, dürfte sehr viel höher liegen.

Grenze zwischen Belarus und Polen: Polens Mauer ist mehr als 180 Kilometer lang

Das kann auch die Mauer nicht verhindern, die die polnische Regierung Anfang Juli fertiggestellt hat. Fünfeinhalb Meter ist sie hoch, stacheldrahtbewehrt, mehr als 180 Kilometer lang. Längst nicht alle Menschen in Polen sind mit dieser Abschottungspolitik einverstanden. In Podlachien „verstecken einige Einheimische Flüchtlinge in ihren Kellern oder Scheunen“, erklärt Krysz. „Es fühlt sich an wie in Kriegszeiten. Früher haben sie hier in der Gegend Juden versteckt, heute Flüchtlinge.“

Krysz und Michal sind auf ihrem Marsch durch den Wald bei vier Flüchtlingen aus dem Kongo, die einen Hilferuf abgesetzt hatten, angekommen. Wie genau die Kommunikation über den Standort der Flüchtlinge funktioniert, wer wen auf welchem Wege informiert, wollen sie nicht preisgeben. Die drei Männer und eine Frau sitzen auf dem Waldboden, gegen Bäume gelehnt. Sie werden umschwirrt von unzähligen großen Stechmücken. Michal packt die Thermoskannen mit heißem, gesüßtem Tee aus und drückt den Menschen Becher in die Hand. Außerdem erhalten sie feste Schuhe, Powerbanks zum Aufladen ihrer Handys, Beutel voller Energieriegel, Wasser und goldene Rettungsdecken gegen die nächtliche Kälte. Auch Suppe holt Michal aus seinem großen Rucksack. „Esst! Das ist wichtig, es gibt euch Energie“, sagt er.

Unter ihnen sind auch zwei Minderjährige: Ruth aus der DR Kongo und Glody aus dem Kongo sind erst siebzehn Jahre alt. Besonders in der Nacht hätten sie Angst, erzählen die beiden. Vor wilden Tieren. Und davor, entdeckt zu werden. Seit zehn Tagen sind die vier Geflüchteten schon im Urwald unterwegs. Während die Männer psychisch relativ stabil wirken, wirkt Ruth apathisch. Sie redet kaum, isst nur wenig und klagt über Schmerzen in den Füßen. „Ich fühle mich nicht gut“, wiederholt sie immer wieder. Ihre Augen sind leer, sie lächelt selten. Was sie unterwegs erlebt hat, will sie nicht erzählen. Niemand von ihnen hat damit gerechnet, in diesem Dschungel zu landen. „Wie kommen wir von hier nach Warschau?“, fragen sie. „Warum gibt uns Polen keinen Schutz?“ Und: „Könnt ihr uns helfen, nach Deutschland zu kommen?“

Grenze zwischen Belarus und Polen: Stacheldraht um das „Bewachte Zentrum für Ausländer“

Für Wojtek, Krysz, Michal und ihre Mitstreiter:innen sind solche Fragen schwer auszuhalten. Zwischen August 2021 und März 2022 hat die Grupa Grancia Hilferufe von rund 9000 Schutzsuchenden erhalten. „Viele von uns sind zutiefst erschöpft“, berichtet die Aktivistin Agatha. „Wir haben nicht genug Leute. Die meisten, die jetzt helfen, waren schon im letzten Herbst mit dabei.“ Der Sprint ist zum Langstreckenlauf geworden. „Manchmal fühle ich mich wie ein Roboter. Ich höre von den schrecklichen Dingen, die im Wald geschehen, oder erlebe sie mit, aber ich fühle es nicht mehr“, sagt Agatha und klingt müde.

Sie weiß: Wenn die Grenzbeamt:innen die Flüchtlinge finden, werden diese in den allermeisten Fällen inhaftiert – etwa in Bialystok, rund 60 Kilometer weiter nördlich. Eine meterhohe Mauer mit Stacheldraht zieht sich um das „Bewachte Zentrum für Ausländer“, wie es offiziell heißt; ein Schild mit dem blau-gelben Sternenkranz der EU prangt neben dem hohen Eisentor. Es sieht aus, als säßen hier Schwerverbrecher:innen hinter Gittern. Aber: „Hier sind Asylbewerber ebenso untergebracht wie Migranten, die straffällig geworden sind und vor der Abschiebung stehen“, erklärt die polnische Rechtsanwältin Maria Poszytek, die in einem kleinen Raum im oberen Stockwerk der Haftanstalt juristische Beratung anbietet. Einmal im Monat kommt sie oder eine:r ihrer Kolleg:innen von der NGO Helsinki Foundation for Human Rights her. Weitere unabhängige Beratungsangebote vor Ort gibt es nicht, dabei ist der Bedarf groß. Illegal die Grenze überquert zu haben, reicht, um eingesperrt zu werden. Und legale Wege gibt es kaum.

Derzeit sind Männer aus Marokko und Georgien hier, aus Syrien, Belarus, Turkmenistan und weiteren Ländern. Abdul aus Ägypten betritt als einer der Ersten den Beratungsraum. Er wurde von belarussischen Grenzbeamten misshandelt und hat große Schmerzen, werde aber in Polen nicht richtig behandelt. Hinzu kommt die Angst vor der Abschiebung. Abdul, der eigentlich anders heißt, wurde von seiner muslimischen Familie verstoßen, weil er Christ werden möchte. Er kann die Tränen nicht zurückhalten, als er erzählt: „Heute Morgen habe ich meine Frau und Kinder angerufen. Sie haben zu mir gesagt: ‚Bleib bei den Christen. Für uns bist du tot.‘“ Maria Poszytek bietet an, Abdul rechtlich zu vertreten. Es ist der letzte Tag der Frist, um gegen die Abschiebungsandrohung vorzugehen, und reine Glückssache, dass Abdul heute den begehrten Beratungstermin erhalten hat.

Grenze zwischen Belarus und Polen: Viele Geflüchtete sind in wechselnden Lagern inhaftiert

Auch Miro, ein irakischer Kurde, der seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen will, hat Angst vor einer Abschiebung. Sieben Jahre hat der 29-Jährige mit einer Duldung in Deutschland gelebt, hatte in Niedersachsen eine Wohnung, arbeitete in Vollzeit. Im Sommer 2021 kam einer seiner Brüder über die belarussisch-polnische Grenze. Miro fuhr mit dem Auto hin, um ihn abzuholen, und nahm auch Mitreisende seines Bruders mit. In Polen wurde er daraufhin inhaftiert, vermutlich wegen angeblichen Menschenschmuggels. „Mein Bruder ist jetzt in Deutschland – und ich bin hier im Knast“, sagt er.

Viele Menschen, die hier einsitzen, sind wie Miro schon mehrere Monate in wechselnden Lagern inhaftiert. Das Haftzentrum in Bialystok mit den Sportgeräten, einem Gebetsraum, zwei Computerräumen und einer Bibliothek zählt da noch zu den besseren. Dennoch erinnert alles an ein richtiges Gefängnis. Die vergitterten Fenster. Die rund zwanzig Quadratmeter großen Zellen, die bis auf vier bis sechs Betten leer sind. Die verschlossenen Glastüren zwischen den einzelnen Stockwerken, die nur vom Sicherheitspersonal geöffnet werden können. Die Praxis, dass den Menschen ihre Handys abgenommen werden. Und die Tatsache, dass sie eine Nummer erhalten, wenn sie ankommen. Die Aufseher:innen rufen sie bei ihrer Nummer, ganz so, als hätten sie keine Namen. Angesichts der Situation der Menschen wirkt das bunte Bild, das im Beratungszimmer an der Wand hängt, wie Hohn. „Don’t forget to smile every day“ steht darauf.

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