Flüchtlinge warten vergebens auf Brot aus Moskau

In Tschetschenien fehlt Nahrung und Medizin / Berichte über Plünderungen von Hilfslieferungen durch Soldaten

Von Florian Hassel

Entgegen offizieller russischer Darstellung leiden hunderttausende Menschen im vom Krieg zerstörten Tschetschenien Hunger. Wie ausländische Helfer beklagen, kommen Nahrungslieferungen aus Moskau nicht bei den Flüchtlingen an. MOSKAU, 12. April. Zwar lobten der für Tschetschenien zuständige Vize-Premier Nikolaj Koschman und Vize-Generalstabschef Walerij Manilow vor kurzem die "Fortschritte" des Wiederaufbaus in der Kaukasusrepublik. Tatsächlich aber fehlt es den Menschen in Tschetschenien am Nötigsten: Essen, Medikamente und Material für den Aufbau der zerbombten Häuser. Dies geht aus vertraulichen Lageberichten hervor, die der FR vorlagen.

Während sich die Versorgung der knapp 220 000 tschetschenischen Flüchtlinge in der Nachbarrepublik Inguschetien auch dank internationaler Hilfe stark verbessert hat, leben in Tschetschenien weit mehr als 200 000 Menschen unter dem Existenzminimum. Im Verwaltungsbezirk Urus-Martan südlich der Hauptstadt Grosny hausen nach einer Analyse von Verwaltungschef Schirwani Jasajew viele der etwa 146 000 Einwohner und Flüchtlinge ohne ausreichende Nahrung und Medikamente in Kellern. Die Versorgung durch Moskau mit Öl, Mehl und Zucker verzögere sich. In Alchan-Jurt, einem westlich von Grosny gelegenen Dorf, entwirft Bürgermeister Wachitow in einem Bericht vom 10. Februar ein düsteres Bild von der Lage nach der "Befreiung" durch die russische Armee. Von 9778 Einwohnern seien 1278 Flüchtlinge. Bomben hätten 311 Häuser völlig zerstört und weitere 600 unbewohnbar gemacht. Wachitow bestätigt indirekt auch die Berichte über Massaker russischer Soldaten an mehr als 40 Zivilisten Anfang Dezember vergangenen Jahres. "42 Menschen sind bei den Kriegshandlungen ums Leben gekommen", so der Bürgermeister.

In den Dörfern Sernowodsk und Assinowskaja im Westen übertrifft die Zahl der Flüchtlinge bei weitem die der Bewohner. In Assinowskaja lebten bis Kriegsbeginn 12 000 Menschen, inzwischen hat das Dorf ebenso viele Vertriebene aufgenommen. Die Nachbargemeinde Sernowodsk ist nicht größer und bietet sogar 14 500 Menschen ein Notquartier. "Tatsächlich ist die Zahl der Flüchtlinge aber hier und anderswo wesentlich höher als offiziell angegeben", sagt Jonathan Littler von der Hilfsorganisation "Action contre la Faim" (ACF). "Die Behörden verweigern denen die Registrierung, die aus angeblich sicheren Dörfern kommen." Der russische Migrationsdienst und das Moskauer Ministerium für Katastrophenhilfe, zuständig für die Versorgung der Menschen in Tschetschenien, beklagen Geld- und Personalmangel. Die ACF-Managerin Nathalie Ernoult sagt: "Die Flüchtlinge bekommen praktisch nichts." Nur selten würden die Flüchtlinge überhaupt in die Listen für die Lebensmittelhilfe aufgenommen. Augenzeugen berichteten, dass "ein erheblicher Teil dieser Brot- und Essenslieferungen an den Kontrollpunkten von russischen Soldaten systematisch geplündert wird", sagt Ernoult.

Nun versuchen die Russen, internationale Helfer schnell zur Rückkehr nach Tschetschenien zu bewegen. Ein Treffen zwischen Abgesandten des Kremls und Vertretern von neun Hilfsorganisationen gab es am 5. April in der Militärkommandantur in Atschchoi-Martan. "Die Einstellung der Russen ist viel entgegenkommender als nach dem ersten Tschetschenien-Krieg", sagte ein Helfer der FR. "Jedoch haben sie Tschetschenien in diesem Krieg auch viel gründlicher zerstört."

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