Studie

Flüchtlinge sind weniger willkommen

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54 Prozent der Deutschen halten die Belastungsgrenze für erreicht - vor rund zwei Jahren teilten diese Auffassung noch 40 Prozent, wie eine Studie zeigt.

Die Deutschen präsentieren sich als eine offene und gereifte Einwanderungsgesellschaft. Allerdings ist die Bereitschaft, weitere Flüchtlinge aufzunehmen, offenbar an ihre Grenzen gekommen. 54 Prozent der Deutschen sehen die Belastungsgrenze erreicht, vor rund zwei Jahren teilten diese Auffassung 40 Prozent. Die Zahl derjenigen, die für die Aufnahme weiterer Flüchtlinge aus humanitären Gründen sind, ging von 50 auf kaum 40 Prozent zurück. Zu diesen Ergebnissen kommt eine repräsentative Studie der Bertelsmann-Stiftung auf Grundlage einer Emnid-Umfrage, die am Freitag veröffentlicht wurde.

Die Forscher schreiben jedoch auch, dass die Zahlen nicht als grundsätzlicher Stimmungsumschwung in der Behandlung von Flüchtlingen zu bewerten seien. Noch immer wünsche sich eine steigende Mehrheit eine faire Lastenverteilung in Europa. Die 2015 von der EU-Kommission vorgeschlagene, aber bisher nicht umgesetzte Regelung zur Verteilung befürworten acht von zehn Befragten. Sie sind der Meinung, dass jedes EU-Land, abhängig von Größe und Wirtschaftskraft, eine feste Anzahl von Flüchtlingen aufnehmen müsse.

„Die Menschen in Deutschland blicken selbstbewusst darauf zurück, so viele Flüchtlinge so freundlich empfangen zu haben. Sie sagen aber auch: Jetzt sind andere Länder ebenfalls an der Reihe“, sagte Jörg Dräger vom Vorstand der Bertelsmann-Stiftung.

80 Prozent der Befragten sprachen sich für eine rasche Arbeitsaufnahme der Flüchtlinge aus. Weniger als ein Fünftel der Befragten sehen die Flüchtlinge nur als „Gäste auf Zeit“ und finden, dass keine Integrationsbemühungen unternommen werden müssten. „Es ist klar, dass sich so eine Akzeptanz nicht auf Dauer halten kann, wenn das Gefühl aufkommt, dass Deutschland diese Aufgabe alleine bewältigen muss. Die Verantwortung muss Europa gemeinsam übernehmen“, sagte auch Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, der FR. Man müsse klar machen, dass sich einige Länder nicht einfach entziehen könnten und auch politisch Druck machen.

Wachsende Skepsis im Osten

Peter Neher, Präsident des Deutschen Caritasverbandes, stellt fest, dass es „nach wie vor ein hohes und ungebrochenes Engagement in der Zivilgesellschaft“ gebe. „Da ist kein Rückgang zu erkennen. Das ist ein wichtiges Signal. Die Integration ist ohne das Ehrenamt nicht zu leisten und ein wichtiger Bestandteil unseres Landes“, sagte Neher dieser Zeitung. Immer noch kämen neue Helfer. Die würden aber jetzt an anderer Stelle gebraucht, für die Integration, zum Beispiel als Paten oder für Gänge zu den Ämtern. Allerdings hätten die Angriffe auf die Flüchtlingshelfer in den vergangenen zwei Jahren zugenommen. Das ginge von Schmierereien und Hass-Mails bis zu tätlichen Angriffen, sagt Neher.

Bei einem Empfang von ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern im Kanzleramt mahnte auch Veronika Ortega aus dem bayerischen Gunzenhausen die Bundeskanzlerin, sie solle „nicht so sehr auf die lauten Stimmen hören“. Es gebe sehr viele Hilfsbereite: „Wir sind die Mehrheit.“

Merkel sagte, sie müsse als Kanzlerin beide Seiten hören. Sicher sei aber: „Niemand verlässt seine Heimat ohne ziemlich triftige Gründe.“

Bei der Umfrage wurden die Menschen bei einigen Themen nicht direkt nach der eigenen Haltung, sondern nach ihrer Wahrnehmung befragt. Die Methode soll ermöglichen, dass die Befragten sich negativ äußern können, ohne dafür normativ haftbar gemacht zu werden.

Die Unterschiede in der Haltung zu Flüchtlingen zwischen Ost und West sind gewachsen. Schon vor zwei Jahren blickten die Ostdeutschen skeptischer auf die Einwanderung. (mit vat)

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