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Flüchtlinge aus dem Lager Moria warten darauf aufs griechische Festland gebracht zu werden.

EU-Asylpolitik

Flüchtlinge: Hungerstreik in Landau gegen Europas Asylpolitik

Junge Menschen fordern mit einer radikalen Aktion die Evakuierung griechischer Lager.

Die Idee, in einen Hungerstreik zu treten, kam sehr spontan, erzählt Clara Reis der FR. Die 18-jährige Abiturientin aus dem pfälzischen Landau diskutierte mit ihrer Mitstreiterin Lovisa Matros, 17, über Protestformen, um auf die „katastrophalen Zustände in den griechischen Flüchtlingslagern aufmerksam zu machen und insgesamt für eine bessere Flüchtlingspolitik zu protestieren“, wie sie auf ihrem Instagram-Account @cxlxured_rain schreiben. Am 29. April bauten sie ein Zelt auf dem Hauptplatz von Landau auf, ihren Hungerstreik sehen sie als ihre „Möglichkeit, aus der Hilflosigkeit auszubrechen“.

Eigentlich wollte sie als Hilfskraft in einem Camp auf Lesbos arbeiten, so Reis. Dann kam Corona. „Wir wollten die Situation in Moria nicht einfach hinnehmen. Wir hatten über Gandhi gesprochen, der friedlich im Hungerstreik war.“ Wie jetzt auch „Coloured Rain“ – so haben sie ihre Aktivist*innen-Gruppe genannt. In den vergangenen zwei Wochen haben sie viel dazugelernt: „Lovisa und ich sind gutgläubig in die Sache gegangen. Uns war nicht bewusst, dass Hungerstreik eher mit der RAF oder kurdischen Bewegungen assoziiert wird und für viele Gefängnisinsassen die letzte Möglichkeit ist“, gibt Clara Reis ehrlich zu. „Es ist einfach das radikalste Mittel, das ich kannte.“

Seit dem 29. April ist Coloured Rain täglich auf dem Rathausplatz der pfälzischen Stadt. Ihnen haben sich mehrere Aktivist*innen angeschlossen; in Landau protestieren vier, in Trier zwei junge Leute, auch in Dresden und anderen Städten waren zwischenzeitlich junge Aktivist*innen beteiligt. „Einige haben wieder aufgehört, nur eine Person ist seit 14 Tagen im Hungerstreik. Wir wechseln uns ein bisschen ab.“

Zu denen, die sich angeschlossen haben, gehört auch die 18-jährige Antonia Widmer, die am vierten Tag dazu stieß. Sie schildert den neuen Alltag: „Zurzeit sind wir als offiziell angemeldete Versammlung sechs, sieben Stunden täglich auf dem Rathausplatz“ – coronabedingt mit Abstand. Um halbwegs fit zu bleiben, trinken sie viele Tees, Säfte und Gemüsebrühe. „Morgens bauen wir unsere Banner und machen Orga, Pressearbeit, haben Plena, schreiben Organisationen an und diskutieren mit Passanten.“ Dabei gebe es viel Zuspruch, „wir werden aber auch angepöbelt“.

Nur Tee, Säfte und Brühe

Fragt man nach den Zielen, wird Clara Reis leidenschaftlich. „Wir fordern die sofortige Evakuierung der griechischen Flüchtlingslager oder zumindest Hilfe vor Ort, dass Europa und Deutschland ihrer Verantwortung gerecht werden“, sagt sie. Das verlangen sie auch von der rheinland-pfälzischen Landesregierung, die im Zweifel auch im Alleingang handeln solle.

Gemeinsam mit einer Asylexpertin vom Multikulturellen Zentrum Trier hat Coloured Rain die Forderungen ausgearbeitet und steht in Austausch mit Geflüchteten auf Lesbos. Auch haben sie Kontakte zu Organisationen wie Seebrücke oder Fridays For Future, auch wenn sich, wie Clara Reis einräumt, „viele am Hungerstreik als Protestform“ stören und sich deswegen nicht öffentlich solidarisieren wollen. Auch die Kampagne #LeaveNoOneBehind, initiiert von dem Grünen-Europapolitiker Erik Marquardt, befürworten sie.

Marquardt, der selbst monatelang aus Moria berichtete und seit langem die Evakuierung der Lager fordert, sagt zum Hungerstreik, es sei „toll, dass sich so viele Menschen für die Grundrechte von Geflüchteten einsetzen“. Er nennt es aber auch erschreckend, dass Menschen, „die sich für Würde und Menschenrechte einsetzen, zu solchen Aktionsformen greifen müssen, um gehört zu werden“.

Von Isabella Caldart

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