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Im Lager in Vucjak backen Migranten aus Pakistan Brot – bevor sie erneut versuchen werden, nach Kroatien zu gelangen.

Bosnisch-kroatische Grenze

Flüchtlinge auf dem Balkan: Mit Gewalt zurück ins Lager

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Migranten berichten von massiver Gewalt der kroatischen Polizei. Der Weg in die EU ist ihnen versperrt, doch sie geben die Hoffnung nicht auf.

Einige Männer sitzen auf Decken auf dem Boden. Sie haben sich Öl, Mehl und Salz aus der Stadt geholt und backen in Metallschüsseln pakistanisches Brot – Roti, wie sie sagen – und trinken dazu selbstgemachten Tee mit Milch. Einer hat sogar eine Art kleines Geschäft vor seinem Zelt eingerichtet, so müssen nicht alle hinunter nach Bihac, wo sie ohnehin nicht mehr gern gesehen sind.

Die bosnische Stadt an der Grenze zu Kroatien ist seit zwei Jahren zum Sammelplatz von Migranten geworden, die von hier aus versuchen, über die Berge in die EU zu gelangen. Zu Beginn zelteten sie in den Parks, die Leute hießen sie willkommen und feierten mit ihnen Iftar, das muslimische Fastenbrechen. Doch dann realisierten die Bewohner von Bihac, dass die allermeisten keine Kriegsflüchtlinge sind – wie sie es selbst vor 25 Jahren waren –, sondern Arbeitsmigranten aus Pakistan. Die Solidarität schwand. Zweimal gab es sogar Proteste gegen die Zustände, etwa gegen den Müll.

Edin Moranjkic, Kabinettschef des Bürgermeisters, erzählt, dass sich auch Touristen, die hier an den schönen Fluss Una kommen, beschwert hätten. Einige Migranten waren zudem in Wochenendhäuser von Bosniern eingebrochen; immer wieder kam es zu Messerstechereien im Park. Als diesen Sommer wieder Tausende Migranten mit Bussen und Zügen anreisten, beschloss die Stadtregierung, ein neues Lager außerhalb der Stadt einzurichten – in Vucjak, etwa acht Kilometer entfernt.

Früher war auf dem Gelände eine Mülldeponie

In Bihac gibt es bereits drei Flüchtlingszentren, sie werden von der EU finanziert und von internationalen Organisationen betreut. Vucjak ist das einzige Camp, das von der Stadtverwaltung finanziert wird – im Monat kostet es für die etwa 400 Leute 100.000 Euro. Auf dem Gelände befand sich laut Moranjkic bis 1996 eine Mülldeponie, diese wurde laut der Stadtverwaltung allerdings vollständig saniert. Die UN warnen vor Gesundheits- und Sicherheitsrisiken. Moranjkic meint hingegen, dass von der Deponie keine Gefahr mehr ausgehe. Der Boden ist mit Erde bedeckt, zwischen den Zelten liegen Plastiktüten und Tetraverpackungen herum. In den Zelten dösen müde Männer vor sich hin. Einige haben in der Nacht wieder einmal versucht, von hier aus Richtung Italien zu gelangen.

Wenn sie den Wald hinaufstapfen, den Blick auf das Navigationsprogramm auf ihren Handys gerichtet, sind sie oft noch voller Zuversicht. Meistens werden sie aber von kroatischen Grenzbeamten aus ihren Zukunftsträumen gerissen. Viele Migranten erzählen, dass ihnen Geld, Rucksäcke und Handys abgenommen wurden, neuerdings auch ihr Schuhe. Die Beamten verbrennen das Hab und Gut und brüllen die Migranten an, dass sie nie wieder versuchen sollten, über die Grenze zu kommen. Manche Polizisten schlagen auch zu oder treten mit den Füßen nach den jungen Männern, die dann wieder ohne Schuhe umkehren. Im Lager erzählen Flüchtlingshelfer, dass kürzlich ein Mann zurückgekehrt sei, aus dessen Ohr Blut tropfte. Die Schläge der Beamten hätten ihm das Trommelfell zerrissen.

Die Botschaft an die Welt: Kroatien hält Schengen-Voraussetzungen ein

Die kroatischen Polizisten haben den Auftrag, niemanden vorbeizulassen, die Grenze in den Wäldern dicht zu halten, obwohl das kaum möglich ist. Sie sollen vor allem die Botschaft in die Welt senden, dass Kroatien in der Lage ist, die Voraussetzungen für den Beitritt zum Schengenraum zu erfüllen – und begehen dabei Menschenrechtsverletzungen. Moranjkic kritisiert, dass die kroatischen Beamten die Migranten ins bosnische Territorium zurückbringen. „Es ist aber nicht erlaubt, dass sie in Gruppen zurückgeschickt werden“, führt er aus. Selbst die kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic hat Push-Backs unter Anwendung von Gewalt mittlerweile eingeräumt. „Natürlich braucht es ein wenig Gewalt, wenn man Menschen abschiebt“, sagte sie kürzlich dem Schweizer TV-Sender SRF.

Die Migranten nennen es „the game“: Wer kann sich an den kroatischen Polizisten vorbeischleichen? Wer schafft es, sich bis nach Slowenien durchzuschlagen? Es ist ein riskantes Unterfangen, bei dem man viel verlieren und kaum etwas gewinnen kann. Denn selbst wenn es einer bis Italien schafft, wird er dort vielleicht nur Tagelöhner und höchstwahrscheinlich ausgebeutet. Die Situation erinnert an das Lager in Calais in Frankreich, von wo aus Migranten und Flüchtlinge versuchten, nach Großbritannien zu gelangen.

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Trotzdem dominiert in Vucjak das Prinzip Hoffnung. Hussein L., ein 25-jähriger Mann aus der Nähe von Peschawar, war ein Jahr lang in Griechenland und konnte dort keinen Job finden. Jetzt will er nach Italien, dort will er aber nicht um Asyl nachsuchen. Er weiß wie die anderen hier, dass er gar keine Chance hat, einen legalen Aufenthaltsstatus zu bekommen. Wenn Männer wie er ins Lager nach Vucjak zurückkehren, werden die Wunden an ihren Füßen vom bosnischen Roten Kreuz oder ausländischen Helfern versorgt. Hussein will nicht daran denken, wie es wäre, wenn er zurück nach Pakistan müsste. Wenn er trotzdem daran denkt, schließt er die Augen: Er stellt sich die Scham vor, die er dann verspüren würde. Husseins Eltern haben schließlich ihr Haus verkauft, damit ihr Sohn auf Reisen gehen kann. Umgerechnet 5500 Euro haben sie dafür bekommen, und das meiste dieses Geldes ist bereits verbraucht. „Ich muss mir immer vorstellen, dass ich es schaffe“, sagt er. Die jungen Glücksritter setzen auf Zuversicht, gegen die die Realität schwer ankommt.

Grenze am Fluss Drina wird scheinbar wenig kontrolliert

In der Stadtverwaltung fühlt man sich hingegen im Stich gelassen. „Alle putzen sich an uns ab“, meint Moranjkic, „die Regierung ignoriert unsere Situation total.“ In Bihac versteht man nicht, weshalb die Migranten ohne gültige Dokumente überhaupt quer durchs Land reisen können. „Es braucht mehr Grenzbeamte an der bosnisch-serbischen Grenze“, fordert Moranjkic.

Die allermeisten Migranten kommen tatsächlich über Serbien nach Bosnien-Herzegowina. Die Grenze am Fluss Drina wird aber offensichtlich wenig kontrolliert. Das serbische Mitglied im bosnischen Staatspräsidium, Milorad Dodik, verweigert auch den Einsatz der Armee dort. Er weiß genau, dass die Migranten ohnehin nicht in dem Landesteil Republika Srpska bleiben werden, sondern weiter in den Kanton Una-Sana ziehen. Wer die internen bosnischen Verhältnisse kennt, kann sich vorstellen, dass es hier auch um politische Ziele geht. Hammad Afzal ist auch über diese Grenze nach Bosnien-Herzegowina gekommen. Er ist erst 15 und sitzt etwas verschüchtert im Rot-Kreuz-Zelt. Der Jugendliche aus Gujrat sollte eigentlich in dem Zentrum für Minderjährige in der Stadt sein. Dort durfte er laut eigenen Angaben aber nicht hinein. Die Europäische Kommission will dem Land nun zusätzliche finanzielle und technische Hilfe zukommen zu lassen, aber sie verlangt, dass die zersplitterten Verwaltungseinheiten besser zusammenarbeiten.

Die Zelte in Vucjak wurden vom türkischen Roten Halbmond gespendet, die Duschen vom italienischen Roten Kreuz. Wenn es Essen gibt, stellen sich die Männer in einer langen Reihe an, bis sie zu dem riesigen Topf gelangen, aus dem die Rot-Kreuz-Leute aus Bihac eine Art Gulasch ausschenken. An der Mauer einer Hütte sind Landkarten angebracht, auf denen jene Gebiete rot eingezeichnet sind, in denen noch keine vollständige Entfernung der Minen aus den Kriegsjahren 1992–1995 vorgenommen wurde. Es ist aber mehr als fraglich, ob die Migranten die Karten lesen können.

Offensichtlich sind in Bihac viele überfordert. Was fehlt, sind ernsthafte Gespräche mit den Migranten über realistische Perspektiven, etwa über die Rückkehr in die für sie zuständigen EU-Staaten Griechenland und Bulgarien oder eine organisierte Heimreise nach Pakistan. Hussein will einstweilen weiter hoffen, auch wenn ihn immer mehr Zweifel einholen. „Ich würde meinem Bruder niemals sagen, dass er hierher aufbrechen soll“, sagt er. „Ich würde auch nicht mehr weggehen, wenn ich gewusst hätte, wie es hier ist“, fügt er hinzu.

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