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Flüchtlinge auf der Balkanroute: Die Menschen leben abseits des serbischen Dorfes Horgoš in verfallenen Stallungen eines ehemaligen Guts.

Serbisch-ungarische Grenze

Flucht über die Balkanroute: Entwürdigt mitten im Niemandsland

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Offiziell ist die Balkanroute geschlossen. Trotzdem harren an der serbisch-ungarischen Grenze noch immer Geflüchtete aus. Sie verlieren ihre Familie und ihre Geschichte. Es sind Menschen, die an Europas Abschottungspolitik zerbrechen.

Diese Geschichte handelt vonFlüchtlingen, die an der serbisch-ungarischen Grenze darauf warten, einen Weg über diese Grenze zu finden. Allein, zu zweit, in einer Gruppe. Es gibt rund ein Dutzend solcher Orte an Europas Außengrenzen, an denen zumeist junge Männer, selten Familien, versuchen, die letzten Kilometer, die sie noch von der Europäischen Union trennen, illegal zu überwinden. An einer Stelle, die weniger bewacht ist, in einer mondlosen Nacht, allein oder mit Hilfe eines Schleppers. Sie nennen diese Versuche „das Spiel“. 

Manche haben das Spiel schon ein Dutzend Mal gespielt und sind immer wieder gescheitert. Nach jedem Scheitern kehren sie zurück in die Ruinen, in denen sie wohnen, oder in Camps, die man für sie eingerichtet hat. Dort warten sie darauf, dass ihre Familien ihnen wieder Geld über Western Union schicken. Oder dass sie einen besseren Schlepper finden. Dazwischen versuchen sie, die Zeit totzuschlagen. Es gibt nichts zu tun. Und eigentlich gibt es auch nichts zu hoffen. Die Mauern sind vielerorts fast undurchdringlich. Wie Findlinge, die ein sterbender Gletscher vor sich hergeschoben hat und dann liegen ließ, sind sie am Ende ihrer Reise angekommen. Nur wollen sie das nicht wahrhaben.

Die, von denen hier erzählt wird, traf ich im serbischen Horgoš, ein Dorf in der Provinz Vojvodina, das den Schlaf aller Provinzdörfer schlief, bis der ungarische Ministerpräsident Victor Orbán im Juni 2015 entlang der 175 Kilometer langen Grenze zu Serbien einen sechs Meter hohen Zaun errichten ließ und jede Vorwärtsbewegung zu einem abrupten Halt brachte. Zu jener Zeit kamen täglich rund tausend Menschen an diese Grenze, weil das Gerücht der Schließung schon lange umging und sie noch durch das Tor nach Europa wollten, bevor es endgültig zuging.

Flüchtlinge: Balkanroute galt als geschlossen 

Nach der Errichtung des Zauns mit Nato-Stacheldraht und Infrarotüberwachung sowie Patrouillen mit Hundestaffeln, galt diese Balkanroute als geschlossen, als „ausgetrocknet“, schrieben manche Medien, ganz so, als sei sie ein reißender Fluss gewesen, der schäumende Wasser nach Europa trug. Doch sie existiert weiter, denn heute ist fast überall der Weg nach Westeuropa versperrt. Über Whats-App-Gruppen werden Informationen über mögliche Schlupflöcher ausgetauscht, die Anzahl und Standorte der Patrouillen kommuniziert, erzählt, was geschieht, wenn man erwischt wird. 

Allerdings sind die Menschen jetzt auf sich allein gestellt. Die Karawane der Hilfsorganisationen ist weitergezogen, die Unterstützung der lokalen Bevölkerung hat nachgelassen. Auch in Horgoš kam wieder der Alltag, die Felder mussten bestellt werden, man hatte sein eigenes Leben, seine eigenen Sorgen.

Kein Tor, keine Regeln, niemand will gewinnen. Allein das Spielen, das Lachen, nimmt die Schwere. Alles andere vergessen, das tut gut.

Die gut 50 jungen Männer aus Afghanistan, dem Irak, Pakistan und einige wenige aus Syrien, mit denen ich einige Tage verbrachte, leben abseits von Horgoš in den verfallenen Stallungen eines ehemaligen Guts. Dieser Text ist das Protokoll der Gespräche. Er erzählt keine Schicksalsgeschichten, sondern davon, was es bedeutet, am Ende einer langen Flucht, nur wenige Kilometer vor Europa, zu scheitern und nicht vorwärts zu können, nicht zurück.

Flüchtlinge auf der Balkanroute: Jeder Tag ist lang

Jeder Tag ist immer zu lang. Und doch, wenn er vergangen ist, ist er ein weiterer Tag in einem fremden Land. In einem Leben, das sich nicht mehr anfühlt, als sei es ihres. Jeder Tag beginnt mit der Überlegung, ob man aufstehen soll. Oft ist es besser, liegenzubleiben. Im Winter bei Kälte sowieso. Dann ist der Schlafsack der einzige warme Ort. Oder wenn draußen der Regen fällt und sich alles aufzulösen scheint, der Himmel, der Boden und jedes Geräusch untergeht in dem Trommeln der Tropfen auf dem Dach. Dann sind die Schlafsäcke feucht und fangen an zu schimmeln.

Wenn der Regen vorbei ist, kommt der Wind. Es ist ein anderer Wind als zu Hause. Dieser Wind weht über die riesigen Weizenfelder der serbischen Ebene, kein Baum hindert ihn, er treibt den Sand vor sich her, manchmal pfeift er, manchmal klagt er. Für die, die hier wohnen, ist er alltäglich, für sie wie ein dunkles Lied.

Schlimm ist es aufzustehen, wenn sie kein Geld mehr haben, um die Akkus ihrer Handys an der Tankstelle aufzuladen, wenn sie wissen, egal, wie lang der Tag ist und was er bringt, sie können ihre Familien nicht anrufen, auf dem Bildschirm ihrer Handys nicht teilnehmen an dem, was zu Hause geschieht. Können ihnen nicht sagen, es gehe ihnen gut, nur ein paar Tage, dann seien sie über die Grenze, obwohl sie wissen, die anderen glauben es ihnen kaum noch. So oft haben sie es schon gesagt, monatelang. Nie sagen sie, dass es unmöglich ist, fast unmöglich jedenfalls.

Balkanroute: Flüchtlinge leben in einer Ruine

Sie erzählen auch nicht von der Ruine, in der sie leben, vom Schlafen auf dem kalten Boden, von der Zeit, die so zäh vergeht. Immer sagen sie, es gehe ihnen gut, ja, sie haben genug zu essen, die Landschaft ist ganz anders und dann laufen sie mit dem Handy herum und zeigen denen zu Hause, wie es aussieht. Die riesigen Felder, die Apfelbaumplantage, die Weinreben. Die daheim staunen über diese Landschaft. Sie zeigen die Baumstämme, auf denen sie am Feuer sitzen, und sie zeigen ihnen die anderen Männer, mit denen sie hier wohnen, alle winken dann einmal in die Kamera, ganz fröhlich. Wie auf einem Schulausflug.

Jeder Tag ist immer zu lang. Es gibt nichts zu tun. Und auch nichts zu hoffen.

Die Tage, an denen sie nicht mit ihren Familien sprechen, sind die einsamsten und längsten. Wenn sie sich gegen das Aufstehen entscheiden, ziehen sie den Schlafsack über den Kopf, wie Mumien liegen sie auf dem Boden, ein wenig Stroh, einige Decken gegen die Bodenkälte, mehr haben sie nicht. Dicht an dicht schlafen sie. Immer riecht es in dem Gebäude nach nassen Mauern und nach dem Nachtschweiß junger Männer, nach dem Rauch eines Feuers, an dem sie sich wärmen. Nie dringen Sonnenstrahlen ein. Die Fenster haben sie vernagelt, die Tür schieben sie auch tagsüber zu. Ein Raum wie eine Höhle, wie der Vorraum zur Unterwelt. Dort verdämmern sie Tage, Nächte, vergessen die Zeit, wie im Fieber wandern sie durch die Erinnerungen an ihr Zuhause, bis die Bilder sich zu einem Schmerz verdichten, der sie noch tiefer in den Schlafsack treibt.

An anderen Tagen ist es leichter. Wenn die Sonne scheint und draußen schon jemand lacht. Wenn sie hören, wie gegen einen Ball getreten wird und sie blinzelnd ins Licht gehen, raus aus der kalten, klammen Ruine, wenn da draußen gespielt wird, als sei dies ein vertrautes Leben, ein vertrauter Ort, ein vertrauter Tag im Fluss vieler Tage eines Lebens, das ihres ist. Dann werden sie auch leicht, laufen mit auf das Feld, es gibt kein Tor, es gibt keine Regeln, niemand will gewinnen. Allein das Spielen, das Lachen nimmt die Schwere. Alles andere vergessen. Es tut gut.

Balkanroute: Flüchtlinge finden ein Reh und ziehen es auf

Leichter ist es auch, wenn sie neben dem Reh schlafen, das sie im vergangenen Jahr verwaist im Gebüsch fanden, jetzt immer noch mit der Flasche füttern, dieses zarte Geschöpf, das ihnen vertraut, wie sie selbst schon lange nicht mehr vertrauen. Das Reh ist warm, und morgens stupst es sie so lange, bis sie aufstehen müssen, Feuer machen, die Milch wärmen. Sie lieben dieses Reh, es ist so bedürftig. Noch ausgelieferter als sie. Der Schwache fühlt sich stark, wenn einer noch schwächer ist als er. Sie nennen das Reh Soja. Kleiner Bruder.

Am späten Nachmittag ist die Wärme der Sonne fort. Aber der Tag ist noch lang, die Langeweile ist ihr Feind, sie drückt sie nieder, sie klebt an ihnen wie getrockneter Schweiß, sie lässt sich nicht abwaschen, nicht fortjagen. Sie könnten ins Dorf gehen und eine Cola kaufen oder eine Tüte Chips. Wenn sie langsam gehen, brauchen sie eine Stunde. Es gibt einen Supermarkt, der hat zwei Gänge mit Regalen links und rechts, Nudeln, Konserven, Thunfisch in der Dose, eine Kühltruhe und ein Brotregal. Wenn sie sich alles genau anschauen, vielleicht sogar das Etikett lesen, brauchen sie nochmal eine Stunde. Auf dem Hinweg können sie an der Tankstelle ihr Handy vorbeibringen, es auf dem Rückweg wieder abholen, ein Euro pro Aufladung.

In der Dämmerung gehen sie oft zum Grenzzaun. Auf der anderen Seite sehen sie Polizisten. Aber der Zaun ist lang. Es gibt viele Stellen, da wurde er durch leeres Land gezogen, da stehen nur ein paar Gehöfte, Buchenwälder, Birkenhaine. Aber auch dort gibt es noch Infrarotüberwachung und Hunde, wenn nur die Hunde nicht wären. Wenn sie zurückkommen, wird es dunkel sein. Die Dunkelheit ist die Zeit des Rückzugs. Jeder kriecht in seinen Schlafsack, schweigt. Was es zu reden gibt, haben sie am Tag zueinander gesagt. Wenn die Nacht tief ist, steht einer auf und rollt seine Sachen zusammen, geht los für eine weitere Runde des Spiels. Nur einmal über die Felder, einmal durch die Apfelbaumplantage, gleich hinter den Hecken. Nur einmal den Draht durchschneiden.

Wenn er wiederkommt, gescheitert, geprügelt, verfroren, tun sie so, als sei er gar nicht fort gewesen.

Flüchtlinge auf der Balkanroute: Dorf liegt eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt

Zwei Gehöfte am Anfang, dann leere Landschaft, Weizenfelder, eine Biegung, und dort liegt das Gut. Fünf weit verteilte Stallungen, noch stehend, doch schon mit Rissen und Brüchen. In der Mitte, erhöht wie auf einer Inselwarft, der riesige Getreidespeicher, den irgendeine Verordnung einst unter Denkmalschutz stellte und der dann vergessen wurde. Mit Fenstern wie eine Kirche und Schwärme von Vögeln, die unter seinem riesigen Dach nisten. Bei jedem lauteren Geräusch fliegen sie auf, drehen eine Runde hinein in den Himmel, gerade so, als wollten sie denen, die in der Ruinen seit Monaten auf eine Weiterkommen warten, die Schönheit des Fliegens zeigen.

Diese Irgendwo-im-Nirgendwo-Orte machen einsam und müde.

Eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt liegt das Dorf. Eine schnurgerade Hauptstraße mit kraftvollen Birken zu beiden Seiten, linkerhand die Schule, rechterhand das Büro von Western Union, wo die Flüchtlinge das Geld abholen, das ihnen ihre Familien überweisen. Friseur, Kneipe, Supermarkt, zwei Hostels. Die Häuser sind schmuck auf den ersten Blick, doch dann sieht man schnell den Verfall, alte Fenster, feuchte Mauern, das Dach müsste längst gedeckt werden.

Die Vojvodina, jene Region, an deren Rand Horgoš liegt, ist eine autonome Region innerhalb Serbiens, dank ausländischer Investoren recht wohlhabend. Doch außerhalb der Städte ist davon nicht viel zu spüren, ist das Leben bescheiden. Eine Art Nordfriesland ohne Meer, karges Bauernleben, harte Arbeit. Orte verlorener Sehnsucht inmitten von endlosen Feldern.

Flüchtlinge auf der Balkanroute: Ungarn errichtet eine geschlossene Grenze

Die Flüchtlingsbewegung kam über Horgoš wie ein Sturm, von dem man schon lange weiß, er wird kommen, aber immer noch hofft, er werde beidrehen, eine andere Richtung nehmen. Was er auch getan hätte, wäre nicht gleich hinter Horgoš ein Grenzübergang nach Ungarn gewesen, Horgoš auf dieser, das ungarische Röszke auf jener Seite. Eine Bahnlinie verband beide Orte, nur wenige Minuten dauerte das Von-hier-nach-da, die Strecke war eingleisig, man plante einen Ausbau. Doch dann wollte Ungarn eine geschlossene Grenze. Am 14. September 2015 errichtete es auf diesen Schienen ein großes Eisentor und versperrte es mit einem Schloss.

Nichts war vorbereitet damals. Keine Camps, keine Garküchen, keine mobilen Duschen oder Toiletten. Nach langem Regen waren die Böden im Grenzland aufgeweicht, alles versank darin, Mensch, Zelte, verlorene Gegenstände. Von überall kamen Freiwillige, auch aus Ungarn, aus der Slowakei, aus Bosnien, die meisten jung, kräftig, sie konnten anpacken und taten es, sie kochten und sammelten Kleidung, sie bauten Unterkünfte auf und zogen die kleinen Kinder aus dem Schlamm. Verteilten Medikamente gegen Bronchitis, Erkältung, Krätze.

Dabei war auch Kristóf, Sohn eines Landwirts, studierter Philosoph, Forstarbeiter. Kind der Grenzregion, aufgewachsen zwischen diesen weiten Feldern, unter diesen Wolken, die wie Gebirge am Himmel hängen. Und Zuzana, Model, Studentin, Städterin aus Bratislava, die schöne Mode mag und selbst schön ist. Es wird eine Liebesgeschichte daraus. 2016, wieder Flüchtlinge an der Grenze, gemeinsam helfen sie. Zuzana postet Fotos auf Facebook, auf denen sehen die Helfer aus wie Jeanne d’Arcs und Robin Hoods. Entschlossen. Der Gerechtigkeit verpflichtet.

Ein Jahr später kaufen die beiden eine der verlassenen Farmen, einsam gelegen zwischen Subotica und Horgoš. Ein paar Tausend Euro, mehr zahlen sie nicht, mehr ist hier kaum ein Gebäude wert. Es gibt kein Bad, keine Küche, es ist kalt und zugig, sie haben nur wenig Geld, ihr Winter ist so kalt wie der Winter in den Stallungen, in denen die Flüchtlinge schlafen. Sie bekommen einen Sohn, das Geld ist nach wie vor knapp, sie bauen ein wenig Gemüse an, halten Schaf und Hund, ein paar Hühner. Die eigene Armut beginnt mehr Raum einzunehmen als die Sorge um die Flüchtlinge. Ein paarmal noch fahren sie zu dem Gut, reden ein wenig mit denen, die dort sind, doch das Feuer des Protests ist erloschen. Das eigene Leben geht weiter, das eigene Leben ist auch hart.

Flüchtlinge auf der Balkanroute: Fliehen nach Europa

Irgendwann ist da der erste Gedanke: fliehen nach Europa. Sie müssen ihn oft denken, bis er kleiner und begreifbar wird. Vielleicht wuchs das Gefühl der Gefahr. Oder der Aussichtlosigkeit, wenn sie bleiben, wo sie sind. Zu gehen heißt, sein Schicksal in die Hand zu nehmen und nicht zu warten auf göttlichen Rat, Frieden, ein Ende des Terrors oder der Armut. Wer geht, übernimmt die Verantwortung für sich. 

Manchmal dauert es Monate, bis sie so weit sind. Sie brauchen Geld. Sie müssen alles regeln. Wer versorgt die Eltern, die Geschwister, die Ehefrau, die Kinder? Wer bestellt die Felder, hütet das Vieh, das Haus? Der Abschied ist auch immer zugleich ein Versprechen, es zu schaffen. Für die, die zurückbleiben, zu sorgen. Erst das Versprechen macht den Abschied wirklich und endgültig. Bevor sie Abschied nehmen, sind sie einer von vielen. Das Gehen macht sie zu Rettern. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Retter geben nicht auf. Retter bezahlen den Versuch der Rettung notfalls mit dem eigenen Leben.

Was sie sich versprechen? Eine Zukunft ohne Not, Krieg und Tod. Sie alle wissen, wenn sie zu uns kommen, müssen sie sagen, sie werden verfolgt. Es fällt uns leichter, mit denen, die verfolgt und unterdrückt werden, Empathie zu haben. Sie haben für uns etwas Heldenhaftes. Wer in x-ter Generation arm ist und niemals der Armut entkommen wird, er nicht, seine Kinder und Kindeskinder nicht, ist uns weniger willkommen. Der Armut haftet nichts Heldenhaftes an, sie ist klebrig und schäbig, sie ist etwas für Verlierer. In einer kapitalistischen Welt ist Armut ein Zustand, dem man entkommen kann, wenn man sich nur genügend anstrengt. Die Idee, dass Leistung zugleich Wohlstand bedeutet, verleugnet die strukturelle Armut, ignoriert geografische und geopolitische Gegebenheit, ausbeuterische Verhältnisse und die Folgen des Klimawandels. Nur so konnten wir auf die Idee kommen, der Wirtschaftsflüchtling sei ein Schmarotzer.

Balkanroute: Arme Menschen als Flüchtlinge zweiter Klasse

Selbst unter jenen, mit denen sie auf der Flucht zusammenkommen, auf der Straße oder in den Bergen schlafen, sich über Routen und Zugänglichkeit von Gebieten austauschen, mit denen sie sich verbünden, um einen Schlepper zu bezahlen, gelten die, die arm sind, als Flüchtlinge zweiter Klasse, eine unliebsame Konkurrenz, die den „Politischen“ und Kriegsflüchtlingen Raum und Möglichkeiten nimmt.

Der Tag des Abschieds ist immer der Schlimmste. Viele von ihnen sind in der Nacht aufgebrochen, wenn das Dorf oder die Stadt noch schlief, auch die Kinder schliefen, die Eltern, die sie ziehen lassen, wissend, es gibt vielleicht kein Wiedersehen. Noch einmal an ihre Betten, Köpfe streicheln, jetzt wäre der Moment, noch anders zu entscheiden, aber nein, es gibt keinen anderen Weg. Was sie gepackt haben, ist sehr sorgfältig ausgesucht, leicht muss das Gepäck sein, die Schuhe gut.

Die Dunkelheit macht die Heimat weniger heimatlich, schwarze Schatten statt warmem Sonnenlicht, sie alle sagen, sie drehten sich nicht mehr um. Bestiegen einen Bus, ein Auto, wer es sich leisten kann, fliegt von Kabul bis in den Iran. Elf Stunden mit dem Bus dauert es von Teheran bis an die türkische Grenze. Maximal drei Monate, dann sind wir da, haben sie zu ihren Familien gesagt. Nun sind sie manchmal schon drei Jahre unterwegs und kein Ende in Sicht. 

Flüchtlinge auf der Balkanroute: Europa als Verheißung

Nicht für alle ist der Abschied schlimm. Manche sind erleichtert, befreit von sozialen und familiären Zwängen. Sie dürfen reisen, unabhängig sein. Wenn sie jung sind, ist dieses Europa für sie wie eine Verheißung, glitzernd, lebendig, luxuriös. Erst auf dem Weg werden sie verstehen, dass sie mehr verloren haben als Familie und Besitz. Würde, Männlichkeit, Zugehörigkeit, Erinnerungen, die ungeteilt bleiben. Und sie verstehen, dass jeder Schritt fort sie mehr zu einem Niemand macht.

Der Grad des Mitleids der anderen nahm ab, je näher sie der EU kamen. In Albanien sah die Polizei weg, wenn sie im Wald auf sie stieß. In Montenegro gaben ihnen die Menschen Essen und oft auch ein Bett zum Schlafen. In den Bergen trafen sie auf Soldaten, die brachten ihnen Wasser. Die Mildtätigkeit ist dort leicht zu verteilen. Jeder weiß, dass die Hungrigen und Durstigen nur Durchreisende sind. Irgendwann waren es dann nur noch wenige Kilometer, die sie von dem ersehnten Europa trennen. Irgendwann waren sie nur noch unter sich, unter jungen Männern, die den illegalen Weg gehen wollen. So wie in Horgoš.

Flüchtlinge auf der Balkanroute: Der Winter wird sehr lang

Die ersten Stunden mit ihnen waren schwierig. Vier Dutzend junge Männer, ein paar Kinder: unbegleitete Flüchtlinge. Es waren die ersten warmen Tage nach einem langen Winter, und sie hatten die Matten, Schlafsäcke und Decken nach draußen getragen, lagen oder saßen im Gras wie Schüler in einem Jugendheim. Nur gab es hier keine Gitarre und keine Lieder von Frieden und Hoffnung.

Sie waren freundlich, brachten Tee, wollten das Essen teilen. Manche, die dort in den Ruinen leben, waren seit einem Jahr dort, andere ein paar Wochen oder auch nur Tage zuvor gekommen. Der Winter, erzählten sie, sei lang gewesen, nie wurden sie richtig warm, immer schliefen sie in aller Kleidung, die sie haben. Viele wurden krank, nachts ein einziges Husten und Röcheln. Wenn sie Geld hatten, nahmen sie Ibuprofen oder Antidepressiva, die ihnen die Schlepper verkauften. Die, die es nicht aushielten, gingen zurück nach Belgrad, wo es Camps gibt, regelmäßig Essen, geschützte Schlafplätze, Ärzte, Medikamente.

Welche Fragen stellt man jungen Männern, die an sich selbst nur eine Frage haben: Wie und wann werden sie über die Grenze kommen? Die vor Monaten, manche vor Jahren in ihren Heimatstädten und -dörfern aufbrachen. Für die diese Flüchtlingsexistenz doch nur eine Zwischenstation sein sollte. Kein Leben in Ruinen, in Camps, auf den Straßen, in Wäldern, Bergen, an Irgendwo-im-Nirgendwo-Orten, die einsam machen und müde.

Flüchtlinge auf der Balkanroute: Geschichte schon vielfach erzählt

Und wie kann man von jenen erzählen, die auf unsere Solidarität setzen, ohne erneut ins Klischee vom bedauernswerten Flüchtling zu verfallen? Reicht es, ihnen ein Gesicht, einen Namen, eine Geschichte zu geben? Wohl kaum. Die meisten dieser Geschichten wurden schon so vielfach erzählt, dass ihnen entlang des Erzählens die Authentizität verloren geht. Man müsste nicht nur kommen und wieder gehen, wieder in sein Auto steigen und die Nacht in einem warmen Hotel verbringen, um wirklich zu verstehen. Man müsste bleiben, vielleicht Monate, müsste sich entfernen vom Offensichtlichen und Typisierten, man müsste begreifen können, was Zeit und Raum in einem Flüchtlingsleben bedeutet und woran sich Hoffnungen festmachen oder vergehen.

Mancher erzählt von sich aus, nie stringent, Bilder, Erinnerungen, Fakten, dazwischen geraten Ausschnitte der Flucht, Gedanken, Angst, oft Wut auf alles, was ihnen geschah, und immer wieder die Frage, warum wir sie nicht wollen, warum wir ihnen, den Schutzlosen, Schutz verwehren, den Heimatlosen ein neues Zuhause.

Was erwarten sie? Von einem Land, von dem sie nur einzelne Bilder kennen, die sich nicht zusammenfügen lassen, Teile ohne ein Ganzes. Von dem sie vieles Falsche hörten, unglaubliche Versprechen, die ihnen ein Schleuser machte, damals, als sie noch zu Hause waren. Deutschland nehme alle Flüchtlinge auf und gebe ihnen Arbeit. In Deutschland werde jeder reich. Merkel, sagen sie dann und sprechen das e wie ein ä aus, das l rollt seltsam über die Zungen. Die Mutter Theresa der Flüchtenden, Verlorenen, sie pflegt nicht ihre Wunden, aber ihre Hoffnungen.

Was erwarten sie von sich selbst? Was wollen sie diesem Land geben, in das sie fliehen? Und natürlich werden sie sagen, sie wollen die Sprache lernen, die Kultur, wollen Steuern zahlen und gute Bürger sein. Sie wissen, das wollen wir hören.

Flüchtlinge auf der Balkanroute: Was sind ihre Erwartungen?

Oder sie werden mit den Schultern zucken, weil sie keine Vorstellung von ihrem neuen Leben haben. Viele haben keinen Schulabschluss, keine Ausbildung, zu Hause brauchten sie die oft nicht, sie haben auf dem Feld gearbeitet oder im Laden des Vaters, im Restaurant, beim Friseur. Sie wissen nicht, dass man Zeugnisse haben muss und Zertifikate, sie verstehen die Wirtschaftsstruktur nicht, die Ordnung und die Bürokratie, die auf sie wartet. Wir sind in ihren Augen reich, es tut uns nicht weh, abzugeben. Wir schulden ihnen etwas, unsere Politik hat sie in die Lage gebracht, in der sie sind, wir sind in ihre Welt eingedrungen und haben sie zerwühlt, zertreten, nun wollen sie in unsere eindringen, aber anders als wir, die mit schweren Stiefeln kamen, kommen sie auf leisen Sohlen.

Wer sind sie? Flüchtling, Refugee, Réfugié, Geflüchteter, nie würden sie sich selbst so nennen. Es ist ein Wort der Politik, der Hilfsorganisationen, ein politischer und sozialer Begriff. Eine Kategorie, die es ermöglicht, sie statistisch zu erfassen, ihre Wege zu verfolgen, ihnen einen Platz zuzuordnen. Ein Wort, das Abgrenzung beschreibt zu allen anderen, die keine Flüchtlinge sind.

Dass sie nun Flüchtling heißen, mussten sie lernen, und auch, dass damit ihre Vergangenheit ausgeblendet und ihre Zukunft fraglich ist. Flüchtling ist eine Klassifizierung, die nur die Gegenwart betont. Wenn wir jemanden Flüchtling nennen, machen wir ihn zu einem Menschen, der bestenfalls eine Nationalität und eine nationale Geschichte, aber keine individuelle Historie hat. Wir schaffen ihm eine Identität, die seine ursprüngliche Identität negiert und auslöscht. In dieser neuen Identität können wir ihm neue Eigenschaften zuschreiben. Bedauernswert. Oder eine Zumutung, eine Gefahr. Sie sind die, die über uns kommen, ungebeten. Selbst dann, wenn wir verstehen, dass sie die Endmoränen der Eiszeit sind, die Kolonialismus und Globalisierung, Geopolitik und moderner Imperialismus erzeugt hat, ausgeworfen von Kräften, die außerhalb ihres Einflusses sind, geschoben, abgelegt an Europas Außengrenzen, selbst dann wissen wir nicht, wohin mit ihnen.

Ihre Antwort auf die Wer-Frage: Ein Bruder, Sohn, Ehemann, Vater. Ein Ingenieur, ein Bauer, ein Facharbeiter, ein Student. Einer, der einmal eine Autowerkstatt hatte oder einer mit 57 Ziegen. Einer, der gut mit Holz umgehen konnte. Oder: Ein zurzeit Verlorener, dem Allah helfen möge, einen Weg zu finden, um wieder Heimat zu haben. Oder: Ein Gehender, der lieber eine Bleibender wäre und es nicht sein kann. Vor allem aber: ein Mensch. Ein Mensch in Gefahr. Ein Mensch, der Heimweh hat. Der aufgeben musste, was ihm einmal lieb war. Der noch immer dieser Mensch ist, aber der Rahmen dafür ging ihm verloren. Jetzt fehlen die Längs- und die Querseiten, die man braucht für eine sichere Identität.

Von Andrea Jeska

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