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Flüchtlinge im Lager Moria.

Griechenland

Flüchtlinge: Ägäis vor dem Kollaps

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Auf den griechischen Lager-Inseln ist Generalstreik. Die Insulaner wollen das Flüchtlingselend dort nicht länger hinnehmen. Und sie wollen die Menschen loswerden.

Die griechische Regierung gerät ob ihrer Flüchtlingspolitik zunehmend unter Druck: Je mehr Menschen kommen, umso wütender wird die heimische Bevölkerung. Einer aktuellen Umfrage nach fordern sieben von zehn Griechen einen härteren Kurs gegenüber Flüchtlingen.

Direkt vor Ort in der Ägäis, auf Lesbos, Chios und Samos, wurden die Leute zur Wochenmitte noch aggressiver. Denn auf den Inseln war Generalstreik, alle Behörden geschlossen, alle Läden verrammelt. Damit sollte auf die katastrophalen Zustände in den Flüchtlingslagern aufmerksam gemacht werden – und auf die Auswirkungen für die Insulaner. Auf Lesbos sind derzeit offiziell 19 225 Menschen in ein Lager gepfercht, das für 2840 Personen ausgelegt ist. Auf Chios ist das für 1014 Bewohner vorgesehene Lager mit 5695 Menschen fünffach überbelegt. Auf Samos bietet das Lager Vathy 648 Plätze – für 7208 Menschen.

„Lager verlorener Seelen“

„Unsere Inseln können nicht länger Lager verlorener Seelen leidtragender Menschen sein“, sagt der Regionalgouverneur der Ägäisinseln, Kostas Moutzouris. Auf Lesbos versammelten sich am Mittwoch Tausende Einheimische zum Protest vorm Stadttheater, an dessen Fassade eine riesige griechische Fahne hing; darunter stand auf einem Transparent: „Wir wollen unsere Insel zurück, wir wollen unser Leben zurück.“ Die Inselgriechen klagen über angeblich zunehmende Diebstähle, Prostitution und Drogenhandel. „Früher haben wir abends nur die Türen unserer Läden abgeschlossen, jetzt sichern viele Händler ihre Schaufenster mit schlagfestem Spezialglas und Rollgittern“, berichtete der Vorsitzende des Einzelhandelsverbandes von Samos, Manos Giokarinis. In Vathy, der Inselhauptstadt von Samos, zählt man mehr Flüchtlinge als Einwohner. „So geht es nicht weiter“, sagt Bürgermeister Georgios Stantzos. „Unsere Infrastruktur, die Müllbeseitigung, Abwasserentsorgung, Gesundheitsdienste – alles ist am Limit. Wir fühlen uns von der Regierung in Athen und von Europa im Stich gelassen.“

In den überfüllten Lagern kommt es immer wieder zu Konflikten. Im Lager Moria auf Lesbos wurde am Dienstag eine 17-jährige Afghanin von einem drei Jahre älteren Mann durch Messerstiche lebensgefährlich verletzt. Vergangene Woche gab es nach einer tödlichen Messerattacke in Moria schwere Krawalle.

2019 kamen laut UNHCR fast 60 000 Schutzsuchende aus der Türkei zu den griechischen Inseln, 83 Prozent mehr als 2018. Die griechischen Behörden sitzen nun auf einem Berg von fast 88 000 unerledigten Asylanträgen. Die Regierung hat zwar eine Beschleunigung der Asylverfahren und zügige Rückführungen abgelehnter Asylbewerber in die Türkei angekündigt. Davon ist aber bisher nichts zu merken.

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