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Zentralasien

Afghanistan: Taliban nach US-Abzug auf dem Vormasch

  • Stefan Scholl
    VonStefan Scholl
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Taliban-Guerilleros treiben auf ihrem Vormarsch hunderte Regierungssoldaten über die Nordgrenze in die zentralasiatischen Nachbarstaaten.

Schir Chan Bandar - Eine Reihe tarngrau gestrichener Hummer-Jeeps steht auf einem Feldweg, Männer in Kampfanzügen oder Räuberzivil laufen herum oder palavern, Sturmgewehre werden auf einen Haufen geworfen. Ein Video, das laut der russischen Agentur Sputnik-Tadschikistan eine Fahrzeugkolonne amerikanischer Produktion zeigt, die die Taliban im Norden Afghanistans erbeutet haben. Der Abzug der USA und ihrer Verbündeten ist noch im vollen Gange. Und schon treiben die islamistischen Guerilleros die Truppen der von den USA gestützten Zentralregierung unter Präsident Aschraf Ghani aus dem Land.

An mehreren Punkten haben die Taliban die Grenzen zu den zentralasiatischen Nachbarländern erreicht. Nach Angaben des tadschikischen Staatskomitees für Nationale Sicherheit schlugen sie am Montag an der tadschikisch-afghanischen Grenze in der Nordprovinz Balch reguläre Truppen in die Flucht, siebzehn afghanische Soldaten brachten sich auf tadschikischem Gebiet in Sicherheit.

Taliban: Auch die Stadt Masar I Scharif wird belagert

Vorher waren bei tagelangen Kämpfen um die Grenzstadt Schir Chan Bandar in der Provinz Kundus mehr als hundert Regierungssoldaten von den Taliban getötet, verletzt oder gefangen worden. Schließlich flohen am vergangenen Dienstag 134 Soldaten nach Tadschikistan, einen Tag später retteten sich 53 ihrer Kameraden aus dem umkämpften Landkreis Schortepa in der Balch-Provinz ins benachbarte Usbekistan. Auch die Stadt Masar I Scharif, unlängst noch Hauptquartier des Bundeswehrkontingents in Afghanistan, wird laut dem afghanischen TV-Sender TOLOnews von Taliban belagert.

Die Staatschefs von Usbekistan und Tadschikistan, Schawkat Mirsijojew und Emomali Rachmon, telefonierten besorgt miteinander, in mittelasiatischen Hauptstädten wird schon spekuliert, in wie viel Monaten die Taliban Ghanis Regierung stürzen werden.

Wie stark ist der Islamische Staat?

Und in Moskau fürchtet man ein regionales Wiedererstarken des islamistischen Terrors. „Die Lage in Afghanistan degeneriert, je weiter der Abzug der US- und Nato-Streitkräfte voranschreitet“, sagte Nikolai Patruschew, Sekretär des russischen Sicherheitsrates, vergangene Woche. Internationale Terrornetze wie der Islamische Staat oder Al Quaida erhielten neue Möglichkeiten, ihre Aktivitäten in dem Land auszuweiten.

Bewaffnete Milizen unterstützen die afghanische Armee im Kampf gegen die Taliban.

Aber es ist unklar, wie stark etwa der Islamische Staat in Afghanistan wirklich ist. Während die Taliban seit Mai mehr als 50 von knapp 400 afghanischen Bezirken eingenommen haben, gelang das IS-Kämpfern noch in keinem Bezirk.

Taliban sind dabei, die Nordprovinzen Afghanistans unter ihre Kontrolle zu bringen

Für die mittelasiatischen Staaten aber ist vor allem alarmierend, dass die Taliban, deren Bewegung im Süden des Landes groß geworden ist und die sich vor allem aus Paschtunen rekrutiert, jetzt offenbar auch dabei sind, die Nordprovinzen Afghanistans unter ihrer Kontrolle zu bringen. Vor der Nato-Invasion leisteten dort ethnisch usbekische und tadschikische Freischärler den Taliban erbitterten Widerstand. Damals konnten diese nirgendwo bis zur tadschikischen Grenze vorstoßen, jetzt aber häufen sich die Befürchtungen, dass bald auch IS-Trupps oder Scharen der usbekisch-tadschikischen Extremistenformation „Dschaamat Ansarullah“ auf die Gebiete der nördlichen Nachbarn drängen könnten.

„Aber ich glaube nicht, dass der Konflikt über die Grenzen Afghanistans hinausgetragen wird“, sagt der Moskauer Mittelasien-Politologe Juri Solosubow unserer Zeitung. Zum einen sei der Sieg der Taliban noch nicht sicher, innerhalb des Landes gäbe es neue Akteure, wie etwa die türkischen Truppen, die künftig den Flughafen von Kabul sichern. Auch professionelle Söldnertruppen könnten den Abzug der Nato kompensieren. „Und es fehlt eine ausländische Macht, die daran interessiert wäre, einen Kleinkrieg afghanischer Islamisten in den zentralasiatischen Nachbarländern zu finanzieren.“

Jolgor Fajsow, Gouverneur der tadschikischen Region Berg-Badachschan aber sagte der russischen Zeitung „Kommersant“, in seiner Provinz erwarte man angesichts der militärischen Erfolge der Taliban Zehntausende Flüchtlinge aus dem Nachbarland. Auch humanitär war der Nato-Einsatz in Afghanistan kein wirklicher Erfolg. (Stefan Scholl)

Rubriklistenbild: © AFP

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