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FDP flüchtet sich in den Drogenrausch

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Von: Steven Geyer

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Martin Lindner, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP, schnuppert an dem Joint, den ihm Moderator Stuckrad-Barre angeboten hat.
Martin Lindner, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP, schnuppert an dem Joint, den ihm Moderator Stuckrad-Barre angeboten hat. © dpa

Abends ein Joint und der Tag ist dein Freund: Der Berliner FDP-Chef Martin Lindner kifft im nächtlichen Fernsehprogramm und schiebt Legalisierungsforderungen nach. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung ist empört.

Wenigstens beim Thema Drogen lebt die FDP trotz Koalition mit den Konservativen ihre liberale Seite aus: Seit der Berliner Landeschef und Vize-Fraktionsvorsitzende der Freidemokraten im Bundestag, Martin Lindner, in der TV-Talkshow von Benjamin Stuckrad-Barre fachmännisch einen Joint geprüft und geraucht hat, sind Presse und Internet regelrecht berauscht von seinem skandalträchtigen Auftritt zu später Stunde. „Kiffen im deutschen Fernsehen – darf man das?“, gruselt sich etwa die Bild-Zeitung und protokolliert den Tathergang auf Tele 5, ausgestrahlt zwischen 23 und 24 Uhr in der Donnerstagnacht: „Lindner reagierte ganz cool, als ihm in der aufgezeichneten Sendung ‚Stuckrad-Barre‘ vom Moderator Marihuana angeboten wurde. Fachmännisch überprüfte er den Joint, roch daran – und bezweifelte zunächst dessen Echtheit. Dann die Überraschung: Der FDP-Spitzenpolitiker bot sich als Testkiffer an.“ Aus dem Streit um jugendliche Testkäufer von Schnaps und Kippen hat er offenbar nichts gelernt. Schlimmer noch: Nach einem langen Zug im Studio-Hof nickte der FDP-Mann anerkennend: „Echt!“ Wie es ihm gehe, fragte der Literat und Journalist Stuckrad-Barre, und Lindner befand: „Saugut!“ Obwohl: „Die Drogenbeauftragte ist Mitglied der FDP, ich muss mich hier zurückhalten.“

Das Gras war echt

„Ich kann Ihnen ehrlich nicht sagen, ob da wirklich etwas drin war oder nicht“, sagte Lindner denn auch in diversen Interviews am Tag danach. „Eine groß berauschende Wirkung gab es jedenfalls nicht. Wenn, dann war Stuckrad-Barre etwas geizig damit.“ Dessen Produktionsfirma gab jedoch bereits zu Protokoll: „Das war echtes Gras.“ Herr Lindner habe sich als idealer Show-Gast erwiesen. Nun ist Martin Lindner (48) jener FDP-Politiker, den Harald Schmidt einst mit den Worten vorstellte: „Nicht verwechseln: Christian Lindner ist der, der ein bisschen aussieht wie Jude Law; Martin Lindner ist der, der aussieht wie ein FDP-Mitglied.“ Insofern kann der Berlin-Lindner es genauso wie seine bei drei Prozent dümpelnde Partei gebrauchen, um jeden Preis ins Gerede zu kommen. Dieser Plans wäre also aufgegangen, auch wenn Lindner bestreitet, dass es sich um einen inszenierten Skandal handelt.

Was hat Döring geraucht?

Andererseits wirft der ungezwungene Umgang des FDP-Politikers mit dem illegalen Rauschmittel neues Licht auf die Worte des schleswig-holsteinischen Star-FDPisten Wolfgang Kubicki im TV-Talk von Maybritt Illner. Da hatte Kubick jüngst einen Angriff des FDP-Generalsekretärs Patrick Döring auf die Nebentätigkeiten von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück mit dem Satz kommentiert: „Ich weiß nicht, was er geraucht hat.“

Ist also ausgerechnet in der FDP das Hasch die Droge der Wahl? Obwohl doch die Leistungselite weltweit bekanntlich das aufputschende Kokain bevorzugt und das „bürgerliche“ Lager traditionell das Besäufnis – das ja auch Kubicki offenherzig als Begründung dafür angab, sich nach seinem Wahlsieg in Kiel am nächsten Morgen nicht von der Parteispitze um Philipp Rösler gratulieren lassen zu wollen? Und apropos Rösler: Warum saß der FDP-Chef eigentlich den ganzen Donnerstagabend lang wie betäubt bei Frau Illner, als er die schwarzgelbe Energiewende verteidigen sollte?

Fraktionsvize Martin Lindner steht jedenfalls zu seinem öffentlichen Zug am Joint. Er habe damit „scherzhaft“ auf seine persönliche Haltung zur Drogenpolitik aufmerksam machen wollen, sagte er am Morgen danach der Nachrichtenagentur dpa. Seit Jahren mache er sich für die Legalisierung weicher Drogen wie Marihuana stark. Dass er damit gegen die Partei- und Koalitionslinie steht, ist ihm offenbar egal. Die besagte Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP), hat Lindner bereits getadelt: Er habe als Abgeordneter „eine besondere Verantwortung und Vorbildfunktion“, sagte sie. „Eine Verharmlosung des Cannabiskonsums in der Öffentlichkeit sendet ein völlig falsches Signal aus.“ Marihuana sei „gesundheitlich eben nicht unbedenklich“, es gingen gerade für Jugendliche und junge Erwachsene erhebliche gesundheitliche Gefahren aus. Dies belegten gestiegene Behandlungszahlen in den Suchthilfeeinrichtungen.

Nun ist Martin Lindner alles andere als jugendlich, hat aber dafür eine Forderung nachgeschoben, die nicht nur junge Wähler begeistern dürfte: „Ich bin sowieso der Meinung, dass das Thema Marihuana bei uns so wie in Holland geregelt sein müsste. Frei verkäuflich in Coffee-Shops. Bier und Schnaps sind doch mindestens genauso gefährlich“, sagte er dem Berliner Kurier. Mit dieser Forderung war zuvor zuletzt die Linkspartei aufgefallen.

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