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Das Leid, das wir teilen

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Von: Tanja Kokoska

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Familie an der serbisch-ungarischen Grenze, Februar 2020.
Familie an der serbisch-ungarischen Grenze, Februar 2020. © Istvan Huszti/afp

Geflohen aus Syrien oder aus der Ukraine: Warum gilt den einen unsere Empathie und den anderen nicht?

Etwa 3000 Menschen leben im Grenzgebiet von Serbien und Ungarn, teils in verlassenen Ruinen oder unter freiem Himmel, bei Nachttemperaturen um null Grad. Von ihnen erzählt unser Korrespondent Thomas Roser. Können wir ermessen, was genau das bedeutet? Geflohen vor einem Krieg, nachts bei null Grad, irgendwo im Niemandsland – wo einen niemand willkommen heißt? Können Sie sich vorstellen, wie das ist?

Machen wir es konkret: Sie leben in einer schönen Wohnung, gehören zum Mittelstand, Sie sind Lehrer wie Hassan, den Thomas Roser getroffen hat, oder Ärztin, Ingenieur oder Krankenschwester. Dann wird dieses Leben zerstört, einfach so, und Sie sind machtlos dagegen. Es bleibt nur ein Weg: Sie müssen gehen, wenn Sie überleben wollen. Was sind die wenigen Habseligkeiten, die Sie mitnehmen können, als die ersten Bomben in Ihrer Stadt einschlagen? Etwas warme Kleidung. Ein bisschen Wäsche. Schmerztabletten. Seife. Das Ladegerät fürs Handy. Eine Taschenlampe. Eine Decke. Das kleine Album mit den Familienfotos, Papiere, die Ausweise. Das ist es, was vom Leben übrigbleibt. Es wiegt nicht viel, vielleicht sieben oder acht Kilo. Ein Gewicht, das mit jedem Tag auf den Schultern schwerer werden wird.

Können Sie sich vorstellen, auch nur eine einzige Nacht so zu verbringen?

Sie laufen. Tagelang, wochenlang. Sind Sie schon einmal tagelang in denselben Schuhen und Strümpfen gelaufen? Haben Sie Pflaster dabei? Oder haben Sie sie vergessen, in dem Zuhause, das es nicht mehr gibt? Da ist kein Bus, der Sie mitnimmt. Mit Glück dürfen Sie ein paar Kilometer auf der Ladefläche eines Transporters mitfahren, mit Glück ist es nicht kalt, nicht so wie jetzt. Der Boden ist schmutzig und erdverkrustet, doch das spielt keine Rolle, Sie dürfen sitzen, endlich sitzen.

Dann wird es Abend. Wo werden Sie schlafen? Wie schauen Sie auf eine Gegend, die Sie nicht kennen, deren Sprache Sie nicht sprechen, wenn Sie einen Platz für die Nacht brauchen? Worauf achten Sie? Auf ein dichtes Waldstück? Einen einsamen Bretterverschlag? Einen verlassenen Keller? Und dann? Verkriechen Sie sich dort, es riecht modrig, faulig, der Boden ist hart, klamm. Die Geräusche sind fremd. Alles ist fremd, alles ist feindlich, die Kälte, die Sorgen. Nichts wärmt, nichts birgt Hoffnung. Sie wollen ein Feuer machen, an Streichhölzer haben Sie gedacht, aber das wenige Holz, das Sie irgendwo aufklauben, ist feucht, es brennt nicht.

Stacheldraht an Ungarns Grenze zu Serbien.
Stacheldraht an Ungarns Grenze zu Serbien. © Attila Kisbenedek/afp

Es gibt nichts zu essen, nichts zu trinken. Es gibt nur die Angst, vor dem Gestern, dem Heute, dem Morgen, immer diese Angst. Nicht zu wissen, was einem geschieht. Sie schlucken die Tränen hinunter, Sie wollen nicht weinen. Sie müssen zur Toilette. Haben Sie Ihre Periode? Die Wäsche, die Sie tragen, ist blutverschmiert, weil Sie keine Binden dabeihaben, keine Tampons, natürlich nicht. Es krampft in Ihrem Bauch. Sie hocken sich auf die Erde, entblößt. Als Sie sich wieder anziehen, spüren Sie die nasse Kälte zwischen Ihren Beinen. Und Sie wissen, Sie werden so, in dieser Kleidung, weitergehen müssen, am nächsten Morgen, wenn es dämmert. Können Sie sich vorstellen, auch nur eine einzige Nacht so verbringen zu müssen?

Wir muten es Menschen zu – jeden Tag, jede Nacht. Wir muten es Menschen zu, die vor einem Krieg fliehen. Vor Bomben, Raketenschlägen, Streumunition. Macht es einen Unterschied, wer sie zündet? Ob es der russische Präsident Putin ist oder der syrische Machthaber Assad? Ob es Bomben sind, die in einem Krieg über Landesgrenzen hinweg fallen oder in einem Bürgerkrieg? Macht es einen Unterschied, wie weit entfernt von uns diese Bomben fallen?

Entscheiden 1000 Kilometer Entfernung über unser Mit-Leid?

2800 Kilometer sind es von Frankfurt am Main ins syrische Homs. Und 1800 Kilometer ins ukrainische Cherson. Leid ist universell. Schmerzen sind universell. Das Sterben ist universell. Aber offenbar entscheiden 1000 Kilometer über die Frage, mit wem wir mit-leiden und mit wem nicht. Wem wir unseren Schutz gewähren und wem nicht. Wer nach langer Flucht im Dreck ausharren muss – an unseren Grenzen, etwa von Serbien und Ungarn, Polen und Belarus, von der Türkei und Griechenland oder in den Exklaven Ceuta und Melilla. Es berührt uns nicht. Oder zumindest weniger, seltener. Warum?

Die Philosophin Susanne Schmetkamp, Autorin des Buches „Theorien der Empathie“, sagt: „Empathie und Mitgefühl scheinen uns leichter zu fallen, je mehr wir uns geografisch, emotional oder persönlich mit einer Bevölkerungsgruppe identifizieren können. Denn es braucht weniger Vorstellungskraft, um die fremde Perspektive einzunehmen. Das heißt nicht, dass wir nicht auch Empathie für das Fremde empfinden können. Aber es ist anspruchsvoller.“

Man könne dabei zwei Arten von Perspektivenwechsel unterscheiden. „Erstens: Ich stelle mir vor, an deiner Stelle zu sein. Zweitens: Ich stelle mir vor, du zu sein. Intuitiv geschieht oft das Erste, weil es einfacher ist, uns selbst mit unseren Erfahrungen und Gefühlen in die Situation anderer hineinzuversetzen. Bei der zweiten Art geht es darum, sich die andere Person mit ihren konkreten Erfahrungen zu vergegenwärtigen. Das ist wesentlich schwieriger, je fremder uns eine Erfahrungswelt ist. Empathie ist aber auch anstrengend: Es ist wichtig, auch das Fremde, das Andere, nachzuvollziehen.“

Containerunterkünfte für ukrainische Geflüchtete auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin.
Containerunterkünfte für ukrainische Geflüchtete auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin. © Carsten Koall/afp

Viele Geisteswissenschaftler:innen und Psycholog:innen gingen mittlerweile davon aus, dass Fiktionen und Narrationen die Empathie schulen, indem sie Perspektivwechsel einfordern, schreibt Forscherin Schmetkamp im „Spiegel“. Die mediale Darstellung der Lage in der Ukraine erinnere nun „an ein narratives Setting, wie wir es von zahlreichen fiktionalen Stoffen kennen. Es ist nicht zu unterschätzen, wie sehr wir daran gewöhnt sind.“ Es gebe „klare Konturen und Figuren“: „Die Ukraine ist nicht nur eine geografisch und kulturell nahe gelegene Nation. Es hat sich um sie herum eine uns nahegehende Narration entfaltet. Mit eindeutigen Protagonisten: Helden und Antihelden.“ Das bedeute aber ausdrücklich nicht, „dass die Helfenden nur helfen, weil sie das Ganze wie eine spannende Serie schauen“. Aber die „Kraft dieser Kulturpraktiken“ dürfe man nicht verkennen.

Sonntag, Familienbesuch. Mein Enkelkind, ein gutes Jahr alt, lernt zu laufen. Noch schwankt es ein wenig, hält die Balance an der Hand der Mutter. Mit einer Kraft, die es irgendwoher nimmt, stemmt sich dieses kleine Wesen fest in den Boden. Es wird nicht mehr lange dauern, dann kann das Kind alleine stehen.

Es gibt ein Foto, das mich zeigt, als ich so alt war wie das Enkelkind jetzt ist. Ich stehe auf einem Tisch in einem weiß-rot geringelten Strampler, offenbar frisch gebadet. Meine Wangen sind rosig, die Haare noch feucht, ich strahle in die Kamera. Neben mir Mutter und Großmutter, beide schauen lächelnd auf mich herab. Ich denke an ein Wort, während ich dieses Foto betrachte. Arglos. Nichts Böses ahnend. Dabei ist es mit auf dem Bild, das Böse, man sieht es nur nicht. Auch ich habe lange gebraucht, es zu erkennen: die Verwandlungskunst des Krieges.

Der Krieg ist in dem Lächeln meiner Großmutter. Ihr Mann, mein Großvater, kam nicht mehr zurück, 1944 das letzte Lebenszeichen, erst Jahre später die Gewissheit: Er starb irgendwo im Kaukasus, in einem Lager für Kriegsgefangene. Der Krieg ist in dem Lächeln meiner Mutter, die kaum Erinnerungen an ihren Vater hat. Sie war vier, als er vermisst gemeldet wurde. Ein Kind, alt genug, um allein in den Keller zu laufen, wenn die Sirenen heulten.

Die deutschen Kriegskinder und Kriegsenkel: Wie können sie nicht empathisch sein?

Der Krieg ist in dem Wort „Lächeln“, das mein Vater sagte, während er auf den Auslöser drückte, um dieses Foto von uns zu machen. Als er vier Jahre alt war, hob ihn jemand auf ein Pferdefuhrwerk, mitten in der Nacht bei minus zwanzig Grad. Er erlebte die Flucht aus Königsberg über das gefrorene Haff, er hörte die Tiefflieger, er sah, wie das Eis brach. Das Schlimmste, sagte er einmal, seien die Schreie der Pferde gewesen.

Der Krieg ist in meinem eigenen Lächeln. Das unsichtbare Erbe, das ich in mir trage. Ein Trauma, eine seelische Erschütterung, die nie ganz verebbt, weitergetragen von Generation zu Generation. Von Kriegskindern zu Kriegsenkeln. Ein Lächeln, das nie völlig ungetrübt ist. Weil es ahnt, wie brüchig das Eis sein kann. Ein Gefühl, das keine „alten Gewissheiten“ kennt. Weil es nie Gewissheiten hatte. Ein Gefühl, belastet zu sein, sorgenvoll, selbstzweiflerisch, verbunden mit einem starken Bedürfnis nach Sicherheit und einer tiefsitzenden Angst davor, zu vertrauen. All das scheinbar ohne Grund.

Wie sollte nicht empathisch sein, wer dies erfahren hat – direkt oder indirekt – mit Menschen, die im Krieg sind, heute, jetzt, in diesem Moment?

Im September 2015 sagt der damalige Bundespräsident Joachim Gauck: „Unser Herz ist weit, doch unsere Möglichkeiten sind endlich.“ Für dieses weite – das empathische – Herz gibt es einen Namen: „Richtlinie 2001/55/EG“. Die sogenannte Massenzustrom-Richtlinie erspart Menschen, die vor einem Krieg fliehen, ein langwieriges Asylverfahren. Sie werden angemessen untergebracht, sie bekommen eine Arbeitserlaubnis sowie Zugang zu Sozialleistungen, medizinischer Versorgung und Bildung und die Möglichkeit der Familienzusammenführung. Die Richtlinie 2001/55/EG wird damals, als Gauck spricht, nicht angewandt. Trotz der tödlichen Kriege in Syrien, im Jemen, in Afghanistan.

„Wir müssen die Bilder aushalten“, sagt die Politik. Müssen wir das?

Fünf Monate später, im Februar 2016, sagt der damalige stellvertretende AfD-Vorsitzende Alexander Gauland: „Wir müssen die Grenzen dichtmachen und dann die grausamen Bilder aushalten.“ Im April 2016 sagt der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) zum „Flüchtlingsabkommen“ zwischen der EU und der Türkei: „Auch wenn wir jetzt einige Wochen ein paar harte Bilder aushalten müssen, unser Ansatz ist richtig.“ Im August 2019 sagt der frühere Chef des Bundesnachrichtendienstes, Gerhard Schindler, in dem ZDF-Dokudrama „Angela Merkel und die Flüchtlinge“: „Ich finde, das gehört zu den Aufgaben der Politik, dass sie auch unschöne Bilder aushalten muss.“ Im November 2021 sagt der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer zu den Geflüchteten an der polnisch-belarussischen Grenze: „Wir müssen diese Bilder aushalten und Polen bei der Sicherung seiner EU-Außengrenze helfen.“

Vor etwas mehr als zehn Jahren, im Oktober 2012, bekommt die Europäische Union den Friedensnobelpreis zugesprochen. Die Jury begründet dies mit der „stabilisierenden Rolle der EU bei der Verwandlung Europas von einem Kontinent der Kriege zu einem des Friedens“ sowie dem „erfolgreichen Kampf für die Menschenrechte“. Drei Jahre später stirbt der Junge Alan Kurdi auf der Flucht vor dem syrischen Bürgerkrieg. Das Bild seines Leichnams an einem Strand in der türkischen Ägäis geht um die Welt. „Als Sie das Foto des kleinen Jungen sahen, das Bild meines lieben Neffen Alan, gestorben an einem Strand in der Ferne, wurden Sie Teil unserer Familie. Jetzt teilen Sie unseren Schrecken, unseren Herzschmerz, unseren Schock, unsere Wut.“ Das schreibt Tima Kurdi in ihrem Buch „Der Junge am Strand“. Ein eindringlicher Appell an unser Mitgefühl, unsere Empathie. Das Bild des Kindes erscheint, wenn wir seinen Namen hören oder lesen. Alan Kurdi. Wir halten es aus, dieses Bild. Geändert hat es nichts.

Haben wir den Krieg in Syrien etwa nicht indirekt mitfinanziert?

Die Europäische Union entschied, nicht in den Krieg in Syrien einzugreifen – den Wladimir Putin mitführt. Die „Friedensunion“ zahlte weiterhin Milliarden Euro für die Rohstoffe, die Putin ihr lieferte. Waren wir also zu jener Zeit, als „alte Gewissheiten“ noch galten, nicht „im Krieg“? Haben wir ihn nicht indirekt mitfinanziert? Forderten wir, Waffen an die syrische Opposition zu liefern oder schalten die Kanzlerin dafür, zu „zaudern“, weil sie es nicht tat? Verlangten wir, die „Massenzustrom-Richtlinie“ in Kraft zu setzen, so wie jetzt – völlig zu Recht – für die Geflüchteten aus der Ukraine?

Krieg ist universell. Terror ist universell. Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind universell.

Was ist „gewiss“? Alan Kurdi, geboren 2012, wäre heute so alt wie der Friedensnobelpreis für die EU.

Wir machen einen Unterschied. Das mag menschlich sein. Human ist es nicht.

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