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Tausende flüchten auch aus Russland, andere kehren bereits zurück

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Von: Sandra Kathe

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Aus Angst vor Grenzschließungen und Mobilisierung haben viele Menschen Russland verlassen. Deutschland plant auch für sie „unbürokratischen Schutz“.

Moskau – Weil der russische Angriff auf die Ukraine* seit Wochen andauert, sind viele Russinnen und Russen, die ihre Heimat in erster Panik verlassen haben, inzwischen zurückgekehrt. Wie die britische Zeitung Guardian berichtet, flohen die meisten von ihnen, weil sie eine Zwangsmobilisierung und wirtschaftliches Chaos in Russland* fürchteten. Auch baldige Grenzschließungen vermuteten viele.

Stattdessen erwarteten viele von ihnen im Ausland unerwartete Probleme. Eine ehemalige russische Journalistin, die in Panik in die Türkei* reiste, berichtet von aufgrund westlicher Sanktionen gesperrten Bankkonten und Schwierigkeiten, aus dem Ausland ihre Mutter in Moskau zu unterstützen. Wie sie dem Guardian erzählt, sei sie aus der Angst geflüchtet, „Russland würde zu einer Art Nordkorea* abgeriegelt“ – zurückgekommen ist sie „um ehrlich zu sein, wegen des Geldes“.

Seit Beginn des Kriegs in der Ukraine soll sich die Zahl der Flüge zwischen russischen Flughäfen und der armenischen Hauptstadt Jerewan etwa vervierfacht haben
Seit Beginn des Kriegs in der Ukraine soll sich die Zahl der Flüge zwischen russischen Flughäfen und der armenischen Hauptstadt Jerewan etwa vervierfacht haben (Archivfoto). © Karen Minasyan/AFP

Menschen in Russland fliehen vor Ukraine-Krieg: Schätzungen von 75.000 Geflüchteten in Armenien

Wie vielen Russinnen und Russen es seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs* genauso geht, ist schwer zu beziffern, weil es keine offiziellen Zahlen über die Ausreise aus Russland gibt. Indiz, dass zumindest einige über eine Flucht nachgedacht haben dürften, waren Google-Suchtrends, die in den ersten Tagen nach Kriegsbeginn dokumentierten, wie etliche Russinnen und Russen nach Informationen zur Ausreise suchten. Auch Gruppen auf der in Russland häufig genutzten Nachrichten-Plattform Telegram wurden zu diesem Thema zahlreiche gegründet.

Forschungen des in Mannheim ansässigen Forschungsinstituts Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) geben ebenfalls Hinweise darauf, dass tausende Menschen nach Kriegsbeginn Russland verlassen haben könnten. Nach Informationen des ZEW beobachte man, „dass die Zahl russischer Zuwanderer in ehemalige Sowjetrepubliken im Kaukasus und Zentralasien sowie die Türkei derzeit rasant ansteigen“. So hätte etwa Armenien in den ersten drei Kriegswochen bis zu 75.000 Menschen aus Russland aufgenommen. Die Flugverbindungen zwischen der Hauptstadt Jerewan und russischen Städten hätten sich im Vergleich zur Zeit vor Kriegsbeginn vervierfacht, teilt das ZEW mit.

Geflüchtete nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs: Forschungsinstitut rechnet mit „Migrationsschub“

In einer am Mittwoch (13.04.2022) herausgegebenen Mitteilung prognostiziert ein Forschungsteam des ZEW einen womöglich bevorstehenden „Migrationsschub aus Russland“, der zu den bislang über 4,5 Millionen Geflüchteten aus der Ukraine dazukommen könnte. Was die Gruppe der russischen Auswanderinnen und Auswanderer von denen aus der Ukraine unterscheide, sei, dass „die russische Auswanderungsgruppe überdurchschnittlich gut gebildet ist“.

Während Menschen aller sozialer Schichten aus der Ukraine fliehen müssen, sähen in Russland vor allem IT-Fachkräfte, Kreative und Menschen mit guten Fremdsprachenkenntnissen Gründe, das Land wegen des Krieges zu verlassen, bei dem es sich laut der russischen Regierung lediglich um eine „Spezialoperation“ handle. Von den Fluchtrückkehrern, mit denen der Guardian gesprochen hat, zeigen sich einige schockiert darüber, wie wenig die Menschen in der Heimat vom Krieg in der Ukraine wissen wollen. Die ehemalige russische Journalistin berichtet etwa, dass sie mit „wütenden Pro-Kriegs-Bekundungen“ und „schockierenden Szenen auf den Straßen“ gerechnet hätte. Stattdessen fühle es sich an, „als ignorierten die Menschen den Krieg einfach“.

Russische Geflüchtete in Deutschland: Buschmann kündigt unbürokratische Aufnahme an

Die ZEW-Migrationsexpertin Katrin Sommerfeld prognostiziert, dass auch Deutschland „aufgrund der starken wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland in der Vergangenheit und der ausgeprägten russischen Diaspora in Deutschland“ ein beliebtes Zielland für Russinnen und Russen werden könne. Sie empfiehlt der Politik deswegen, „eine entsprechende Strategie für den Umgang mit Zuwanderern aus Russland zu entwickeln“.

Dass die Empfehlung womöglich bereits bei der Bundesregierung angekommen ist, darauf deutet eine aktuelle Aussage von FDP-Bundesjustizminister Marco Buschmann gegenüber der Zeitung Welt am Sonntag hin. Demnach hat der Politiker auch russischen Geflüchteten schnellen und unbürokratischen Schutz zugesagt. Die Bundesregierung wolle auch Geflüchteten aus Russland langwierige Asylverfahren ersparen und sicherstellen, „dass auch diese Menschen möglichst schnell eine Arbeitserlaubnis erhalten. Es wird eine Pauschalgenehmigung für all diejenigen geben, die etwa schon bei internationalen Unternehmen tätig waren. Diese Menschen dürfen sofort hier arbeiten“, kündigte Buschmann an. (ska mit AFP) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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