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Flucht über das Mittelmeer: Gefährliche Routen von Libyen nach Italien

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Von: Fabian Scheuermann

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An Bord eines Rettungsschiffes. Foto: Hannah Wallace Bowman/SOS Mediterranee.
An Bord eines Rettungsschiffes. © Hannah Wallace Bowman/SOS Mediterranee.

Zehntausende wagen jedes Jahr die Flucht über das Mittelmeer, viele sterben. Seenotrettungsorganisationen leisten Hilfe auf hoher See. SOS Humanity will bald ein neues, besonders schnelles Rettungsschiff einsetzen.

Es sind Karten des Schreckens, die unter dem Stichwort „Missing Migrants Project“ im Netz einsehbar sind. Die UN-Migrationsorganisation IOM versucht mit diesen Karten die Anzahl der auf der Flucht gestorbenen oder als vermisst gemeldeten Menschen nachzuverfolgen. Wo im Mittelmeer ein Boot gekentert ist, kann man auf der Karte etwas später nachlesen, wie viele Menschen dort gerettet wurden – oder wie viele vermutlich ertrunken sind.

Die Zahlen steigen stetig an. Allein im Mittelmeer hat die IOM im vergangenen Jahr 2047 Tote und Vermisste gezählt (2020: 1448) – bei rund 117 000 Menschen, die es 2021 laut UNHCR über das Mittelmeer nach Europa geschafft haben. Am tödlichsten ist das zentrale Mittelmeer zwischen Libyen, Tunesien und Italien. Auf der Atlantikroute zwischen Afrika und den Kanaren listet die IOM 1136 Tote und Vermisste in 2021 auf, in der Sahara 85. Auch für andere Kontinente führt die IOM Statistiken, schließlich verlieren in fast allen Weltregionen Menschen auf der Flucht ihr Leben.

Ertrunkene im Mittelmeer und Atlantik: Die Dunkelziffer ist groß

„Kein Mensch weiß, wie viel höher die Zahlen in der Realität eigentlich sind“, gibt Petra Krischok, Sprecherin der Berliner Seenotrettungsorganisation SOS Humanity, zu bedenken. Denn dort, wo kein Schiff ist und kein Flugzeug, deren Besatzung ein sinkendes Schlauchboot bemerken könnte, da werden auch keine Toten registriert – nur, wenn sie an Land angeschwemmt werden. Dementsprechend höher dürften die realen Zahlen sein. Allein für die Route zu den Kanaren etwa geht die Menschenrechtsorganisation Caminando Fronteras für 2021 von mehr als 4000 ertrunkenen Menschen aus.

Rund ein Dutzend Schiffe ziviler Seenotrettungsorganisationen aus europäischen Ländern versuchen im zentralen Mittelmeer derzeit Flüchtende vor dem Ertrinken zu retten – oder vor dem Zurückgeschlepptwerden durch die libysche Küstenwache nach Libyen, wo den Menschen miserable Haftlager und massive Menschenrechtsverletzungen drohen. Gleichzeitig sind meist nur wenige Schiffe im Einsatz.

Ab Sommer im Einsatz: Ein besonders schnelles Rettungsschiff

Vom Sommer an soll dieser zivilen Rettungsflotte ein zusätzliches, deutlich schnelleres Schiff – die „Humanity“ – zur Seite gestellt werden: SOS Humanity will das bis zu 26 Knoten schnelle Schiff in den kommenden Wochen kaufen und es in einer Werft zum Rettungsschiff umrüsten – unter anderem mit beheizten, wetterfesten Containern, die den Geretteten als Notfallunterkünfte für die Zeit auf See dienen. Projektleiter ist Schiffbauingenieur Till Rummenhohl. Die rund eine Million Euro, die für den Kauf der „Fast Support and Intervention Vessel“ nötig sind und das Geld für die Umbauten werden aus Spenden finanziert.

Die „Humanity“ soll direkt als Rettungsschiff registriert werden, heißt es bei SOS Humanity. Die Organisation, die bis zum Jahreswechsel SOS Mediterranee Deutschland hieß, hofft auf diese Weise auch ein Problem abzumildern, das immer wieder Einsätze ziviler Rettungsschiffe im Mittelmeer behindert: Willkürlich erscheinende Festsetzungen in Häfen durch lokale Behörden.

SOS Humanity: Politische Arbeit ausbauen

Von Mitte Januar bis Donnerstag steckte etwa das Rettungsschiff „Ocean Viking“ der weiterhin existierenden Organisation SOS Mediterranee im Hafen der sizilianischen Stadt Trapani fest. Man habe technische Mängel bei der Stromversorgung festgestellt, heißt es seitens der Behörden. 2020 wurde das gleiche Schiff bereits sogar mehrere Monate festgesetzt. Erst nach einem 200 000 Euro teuren Umbau durfte es im Januar 2021 wieder ausfahren.

Neben dem Einsatz des neuen Schiffes will SOS Humanity die politische Arbeit ausbauen – „politische Entscheidungsträger für die Einhaltung des Seerechts und der Menschenrechte in die Verantwortung nehmen“, wie Geschäftsführerin Maike Röttger sagt. Der Zeitpunkt könnte günstig sein: Schließlich hat in Deutschland eine Regierung übernommen, die es in Person von Innenministerin Nancy Faeser (SPD) und Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) wieder wagt, die Schaffung „legaler Fluchtwege“ überhaupt als als Ziel zu formulieren.

Lesen Sie dazu auch: Aktive der Seenotrettung klagen an: „Die EU leistet Beihilfe zum Rechtsbruch“.

Die Organisation

SOS Humanity hieß von der Gründung 2015 bis zum Jahreswechsel SOS Mediterranee Deutschland. Die Berliner Organisation wurde als Reaktion auf die Einstellung der staatlich organisierten Seenotrettungsoperation Mare Nostrum ins Leben gerufen. Gründer war der deutsche Kapitän Klaus Vogel.

Im Verbund mit Vereinen aus Frankreich, Italien und der Schweiz wurden nach eigenen Angaben bis Ende 2021 knapp 35 000 Menschen aus dem Mittelmeer gerettet und an einen sicheren Ort gebracht, zunächst mit dem Schiff „Aquarius“ und später mit der „Ocean Viking“ – die weiterhin für SOS Mediterranee im Einsatz ist. SOS Humanity will fortan mit der „Humanity“ Leben retten – das Schiff soll im Sommer auslaufen. (fab)

Weitere Infos: sos-humanity.org

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