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Flucht über das Mittelmeer: Auf gefährlichen Wegen

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Von: Fabian Scheuermann

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Bollwerk Europa: Ankunft eines Flüchtlingsbootes im Hafen von Chania auf der griechischen Insel Kreta.
Bollwerk Europa: Ankunft eines Flüchtlingsbootes im Hafen von Chania auf der griechischen Insel Kreta. © Stefanos Rapanis/Imago

Die Abschottung an den Grenzen der Europäischen Union sorgt dafür, dass die Menschen riskantere Routen wählen – und viele dabei sterben.

Athen/Ankara – Dass im Mittelmeer regelmäßig Menschen bei dem Versuch sterben, nach Europa zu gelangen, ist bekannt. Dass die Europäische Union dem mit Abschottung begegnet und illegalen Zurückweisungen, auch. Dabei schaffen es die meisten Meldungen zum Thema nicht in die Nachrichten – es sind einfach zu viele. „Flüchtlingsboot auf Felsen von Lesbos zerschellt – Kleinkind stirbt“, lautet die Schlagzeile einer solchen Nachricht der dpa vom 18. Dezember. Das Baby sei von den Wellen auf die Felsen gedrückt worden. 34 Menschen aus Syrien konnten die Küste erreichen.

Die nächste Meldung aus der Region kommt am 22.: Die türkische Küstenwache habe 43 Menschen zwischen dem Festland und der griechischen Insel Samos gerettet und zwei Frauen tot geborgen. Eine davon sei schwanger gewesen. Die Überlebenden hätten ausgesagt, dass die griechische Küstenwache sie in türkische Gewässer zurückgedrängt habe. Dabei sei das Boot mit Wasser vollgelaufen. Die Aussagen konnten „nicht unabhängig überprüft werden“, heißt es noch.

Flucht über das Mittelmeer: Mindestens 2000 kamen im laufenden Jahr beim Fluchtversuch ums Leben

Es gibt auch Meldungen dazu, dass Griechenland der Türkei vorwirft, nicht genug gegen das Ablegen von Flüchtlingsbooten zu tun. Es existieren gut belegte Berichte über das brutale, teilweise zum Tod führende Vorgehen europäischer Einsatzkräfte. Und wahrscheinlich läuft in dieser Minute eine neue Nachricht zum Thema ein.

Mindestens 2000 Menschen sind laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in diesem Jahr im Mittelmeer gestorben – ein ähnlicher Wert wie im Vorjahr (mindestens 2062), aber mehr als in den Vorjahren 2020 (1449) und 2019 (1885). Die IOM registrierte zudem auch 2022 insgesamt einige Hundert Tote zwischen Westafrika und den Kanaren, in der Sahara, im Ärmelkanal, auf der Balkanroute und an der Grenze zu Belarus. Menschenrechtsorganisationen gehen von hohen Dunkelziffern aus, schließlich werden nicht alle, die im Meer ertrinken, registriert – und nicht alle, die schon davor in der Wüste verdursten.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) geht davon aus, dass es im laufenden Jahr rund 154 000 Menschen gelungen ist, über die Mittelmeerrouten oder die griechische Landgrenze die EU zu erreichen. Zahlen der EU-Grenzagentur Frontex zufolge gelang es zudem zwischen Jahresbeginn und Ende November etwa 140 000 Menschen, über die Länder des Balkans in die EU zu kommen.

Asylzahlen

Die Zahl der Asylbewerber:innen in der EU ist einem Bericht der „Funke Mediengruppe“ zufolge 2022 angestiegen. In den ersten zehn Monaten des Jahres seien in der EU knapp 790 000 Asylanträge gestellt worden, zitierten die Zeitungen der Gruppe die Direktorin der Europäischen Asylbehörde EUAA, Nina Gregori. Dies sei ein Anstieg um 54 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum – als allerdings Corona-Reisebeschränkungen galten.

Die meisten Menschen kamen demnach aus Afghanistan, Syrien und der Türkei. 2015 und 2016 waren je um die 1,3 Millionen Asylbewerber:innen registriert worden.

In Deutschland wurden in den ersten elf Monaten des Jahres 2022 rund 189 000 Asyl-Erstanträge gestellt. Im letzten vollen Jahr vor der Pandemie (2019) waren es 143 000.

Die Geflüchteten aus der Ukraine sind in diesen Zahlen nicht eingerechnet, da sie nach einer EU-Entscheidung keinen Antrag auf Asyl stellen müssen: In der EU waren laut dem Flüchtlingshilfswerk der UN im Dezember rund 4,7 Millionen Menschen aus der Ukraine für vorübergehenden Schutz registriert. epd/afp/fab

Dabei ist wieder mal eine Verschiebung der Fluchtrouten zu beobachten. Wobei hier vor allem ein Vergleich mit dem Vor-Pandemie-Jahr 2019 sinnvoll ist. Demnach versuchen die Menschen zunehmend, von Libyen oder Tunesien aus nach Italien zu gelangen – eine gefährlichere Route als die vergleichsweise kurzen Seestrecken in der Ägäis zwischen der Türkei und Griechenland. Das zentrale Mittelmeer ist es auch, wo die zivilen Rettungsschiffe europäischer Hilfsorganisationen unterwegs sind.

Zudem kommen wieder zunehmend Menschen über die Länder des Balkans nach Mitteleuropa. Viele sind aus Afghanistan und Syrien geflohen, im Mittelmeer sind auch viele Menschen aus nord-, west- und ostafrikanischen Ländern sowie aus Bangladesch und Iran unterwegs.

„Die Menschen versuchen vermehrt über Bulgarien in die EU zu kommen, dann via Serbien und Ungarn. Die meisten Menschen, die diesen Weg gehen, kommen aus Afghanistan und fliehen vor den Taliban“, erklärt die Kasseler Politologin Sonja Buckel, die zur europäischen Migrationspolitik forscht. Zudem würden vermehrt Schutzsuchende, die bisher in der Türkei lebten, zur „Weiterflucht bewegt“ – unter anderem durch drohende Abschiebungen nach Syrien, schlechte Lebensverhältnisse und Rassismus.

Flucht über das Mittelmeer – „Massive Verschärfung der Pushback-Praxen“

Wie es weitergeht? „Die multiple Krise spitzt sich immer mehr zu. Es wäre unseriös, eine richtige Prognose abzugeben, aber eine Entspannung ist global gesehen nicht zu erkennen“, sagt Buckel. Als Stichwort lässt die Politologin den Klimawandel fallen, der künftig bisher noch nicht absehbare massive Fluchtbewegungen, etwa aus Pakistan, auslösen könnte. Klar ist nur, dass die EU sich immer stärker gegen die Schutzsuchenden abzuschotten versucht. An den Außengrenzen der EU sei „in den vergangenen Jahren eine massive Verschärfung der „Pushback“-Praxen zu beobachten“, sagt Buckel: „Das hat immens zugenommen.“

Eine zunächst geplante Verschärfung der Rechtslage gegenüber Schutzsuchenden an den Außengrenzen – im Rahmen der sogenannten Instrumentalisierungsverordnung – wurde vom Rat der EU jedoch nicht wie geplant im Dezember beschlossen. Die Entscheidung wurde verschoben. Und die Bundesregierung hat jüngst entschieden, die zivile Seenotrettung im Mittelmeer mit zwei Millionen Euro im Jahr zu unterstützen. Von der „staatlich koordinierten und europäisch getragenen Seenotrettung im Mittelmeer“, die die Ampel-Parteien laut ihrem Koalitionsvertrag anstreben, ist Europa aber noch weit entfernt. (Fabian Scheuermann)

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